USA gegen Kuba
Nächster Halt: Havanna

Nach dem Iran möchte Donald Trump sich Kuba vorknöpfen. Die Vorbereitungen laufen. Der erste Schritt: Erst mal die Menschen aushungern. 
Montage: Rubio und Castro hinter Palmen. Im Vordergrund ist ein Kriegsschiff, im Hintergrund die Skyline von Havanna.
© stern-Montage: Illustration: Philipp Sipos / stern; Fotos: Imago Images(3), Getty Images(3), AFP

Es geht ein neuer Sound durch Havanna, meist abends, in der Dunkelheit, in den Wohngebieten, wenn der Strom mal wieder ausfällt, 20 Stunden und länger. Man hört die Klänge erst einzeln, dann geballt, ein Klappern und Scheppern, Tausende Menschen schlagen auf Töpfe und Pfannen, bis der Krach auch im Zentrum zu hören ist.

Es reicht uns, sagt dieser Krach. Wir können nicht mehr. Wir sind am Ende. Wir haben es satt.

Die Menschen schlagen ihren Frust nicht nur heraus, sie benennen ihn auch, Rentner und Jugendliche, Ärzte und Lehrerinnen, vereint in ihrer Verzweiflung: „So kann keiner leben, keiner arbeiten, ohne Strom, ohne Essen, ohne Hoffnung.“

„Wir haben oftmals nicht genug Nahrung für die Kinder“, sagt Rita dem stern, die Leiterin eines Kirchenzentrums. 

„Den Rentnern geht es am schlechtesten“, sagt Christian, ein ehemaliger Uniprofessor. „Sie suchen im Müll nach Essbarem.“

„Soll Trump die Macht doch übernehmen“, meint Yunior, ein Obstverkäufer. „Schlimmer kann es nicht werden.“

Die Menschen in Kuba wollen in erster Linie: überleben

Die Kubaner wissen, dass der Hauptgrund für ihre akute Not die Ölblockade der USA ist – doch genauso die Inkompetenz ihrer kommunistischen Führung. Sie haben es satt, zwischen diesen Fronten zerrieben zu werden. Sie sind erschöpft von 67 Jahren Revolution, aber auch vom Yankee-Imperialismus – und sehen sich als Opfer von beiden. 

Sie wollen etwas Anderes, Neues. In erster Linie: überleben.

Ein Kohleverkäufer wartet auf Kundschaft. Viele Kubaner haben kaum noch etwas zu essen und nicht das Geld, um Kohle zu kaufen
Ein Kohleverkäufer wartet auf Kundschaft. Viele Kubaner haben kaum noch etwas zu essen und nicht das Geld, um Kohle zu kaufen
© NORLYS PEREZ

Wenn man dem amerikanischen Präsidenten in diesen Tagen zuhört, könnte man meinen, dass er Kuba schon in der Tasche hat. „Das ist nur eine Frage der Zeit“, sagt er Reportern, während die Bomben noch auf den Iran fallen. „Ich will nur noch ein paar Wochen warten.“ Beim Fernsehsender CNN verkündete er: „Kuba wird bald fallen“, als handele es sich um eine unausweichliche Tatsache. Und geradezu süffisant fügte er hinzu: „Kuba ist mir in den Schoß gefallen.“

Zweifel hegt der Neo-Imperator aus Mar-a-Lago keine: Kuba ist der nächste Halt auf seiner Eroberungstour, der nächste Deal, um die Macht des American Empire zu erweitern. Er geht dabei kaum anders vor als die europäischen Kolonialherren im 19. Jahrhundert.

Trump will eine friedliche Übernahme

Der Regimewechsel auf Kuba soll – so plant es Trump – der leichteste werden, leichter als der im Iran sowieso, leichter auch als in Venezuela, wo er Anfang des Jahres ein paar Bomben fallen und Präsident Nicolás Maduro entführen ließ. Den Angriff auf Venezuela fand der Action-Fan „brillant“, „großartig“, „unglaublich“ und sieht ihn als Blaupause für Kuba: große Drohkulisse, gezielte Militäraktion, erpresserische Machtübernahme, pompöse Siegeserklärung.

Trump nennt es „friendly take-over“, als gehe es um die Übernahme eines Immobilienunternehmens im New Yorker Stadtteil Queens. Er übersieht nur eines: Bisher hat kein einziger Regimewechsel geklappt. Weder in Venezuela noch im Iran.

Kuba ist international isoliert

Die Vorbereitungen für die Operation Kuba laufen auf Hochtouren. In den vergangenen Wochen hat Staatsanwalt Jason Reding Quiñones, ein Trump-Getreuer, im Stillen eine Arbeitsgruppe aus FBI-Agenten und Ministerialbeamten gebildet, um Ermittlungen gegen kubanische Regierungsvertreter einzuleiten. Das Ziel: Strafbefehle, die den Vorwand für eine Intervention in Havanna liefern sollen. Wie schon bei Maduro.

Seit Monaten schon haben die USA in der gesamten Karibik Schiffe der Marine und Küstenwache positioniert, um die komplette Öl-Blockade des Inselstaats durchzusetzen, die erste seit der Kubakrise 1962. Gleichzeitig hat Trump eine Verfügung erlassen, die den sozialistischen Staat als „außergewöhnliche Bedrohung“ darstellt und Strafzölle für Länder androht, die das Regime mit Erdöl beliefern. 

Kuba ist damit isoliert. Der einstige Alliierte Russland hat zwar Öllieferungen angekündigt, hält sich aber zurück. Der Bruderstaat Venezuela, der bisher 70 Prozent des Öls lieferte, steht jetzt unter US-Vormundschaft. China ist zwar Kubas geostrategischer Partner, hat bisher aber nur Solarpanels geliefert. Der letzte Strohhalm Mexiko, Kubas inzwischen wichtigster Partner, wagt keine Ölexporte mehr – und damit eine Konfrontation mit dem Bully-in-Chief Trump.

„Man darf ein Volk nicht so erdrosseln“, kritisierte Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum die Blockade – beugte sich dann aber dem Druck aus Washington. 

Bis Mitte März könnten die letzten Reserven des Erdöls aufgebraucht sein, schätzt Amerikas führender Erdölanalyst Jorge Piñón von der University of Texas. „Dann könnte es zu Aufständen kommen, die die Regierung bis ins Mark erschüttern.“ 

Eine Wirtschaftsblockade gilt als kriegerischer Akt. Die Vereinten Nationen haben die US-Offensive als Völkerrechtsbruch verurteilt, weil sie das Leiden von rund zehn Millionen Kubanern verstärkt, aber internationale Regeln haben Trump noch nie interessiert.

„Wenn man das kubanische Volk und die Regierung mit dem Rücken zur Wand haben will, ist eine Blockade effektiv“, sagt der Historiker Michael Bustamante, Leiter der Kubastudien an der University of Miami. „In erster Linie aber verschärft sie die humanitäre Krise. Und eines bleibt unklar: Was ist Trumps Endziel?“

Havanna ist wie ein Friedhof

Die Lage auf der Karibikinsel ist seit Monaten katastrophal. Die US-Blockade sorgt dafür, dass Fabriken stillstehen, Krankenhäuser nicht mehr operieren, Universitäten dichtmachen, Fluglinien ihre Routen einstellen, Tankstellen schließen. Der Strom fällt tagelang aus, der Müll verrottet in den Straßen, der Tourismus bricht ein – die größte Einnahmequelle der Karibikinsel.

Kinder halten sich die Nase zu, während sie an Müllbergen vorbeigehen
Weil es auf Kuba kaum noch Benzin gibt, fällt der Mülltransport oft aus. In den Straßen bilden sich Berge voller Abfälle
© Ramon Espinosa

„Havanna ist in diesen Tagen wie ein Friedhof“, sagt die Anthropologin Katrin Hansing, die viele Jahre auf Kuba gelebt hat. Vor zwei Wochen hat die Deutsche die Insel verlassen. „Es gab immer schon Not, aber inzwischen erleben wir die schlimmste humanitäre Krise seit Jahrzehnten. Zum ersten Mal gibt es akute Mangelernährung, vor allem unter Rentnern und Kindern. Lebensmittel kommen nicht in die Städte, weil der Transport fehlt. In den Straßen sieht man eine Armut, die es so nie gab, die man nur aus Afrika oder Indien kannte.“

Geht Trumps Taktik damit auf? Fordern die Menschen jetzt den Regimewechsel?

„Viele junge Menschen wollen befreit werden, selbst von Trump“, sagt Hansing. „Die Älteren wollen die Souveränität des Staates bewahren – und dennoch einen starken Wandel. Aktuell hoffen alle auf einen Deal. Öl und Lebensmittel gegen eine wirtschaftliche Öffnung.“ 

Trump hat keinen Plan – wie so oft

Was der US-Präsident genau vorhat, ist den meisten Experten unklar – „und vermutlich auch der Regierung selbst“, sagt der Historiker Bustamente dem stern. „Trump spricht immer von seinem Venezuela-Drehbuch, aber dort hat kein Regimewechsel stattgefunden, sondern nur ein Austausch des Präsidenten – vom Sozialisten Maduro zur Sozialistin Delcy Rodríguez. Die US-Regierung hat jetzt wochenlang nach einer kubanischen Version der Delcy Rodríguez gesucht – und keine gefunden.“ 

Und wenn der Staat zusammenbricht?

„Kubas Regierung wird nicht aufgeben“, sagt Bustamante. „Das liegt nicht in ihrer DNA. Im Gegensatz zu Venezuela gibt es bislang keine Risse in der Parteiführung. Ich kann nicht erkennen, dass eine magische politische Figur erscheint, die die Macht einfach so übernehmen könnte.“

Aber Kubas Präsident Díaz-Canel zeigt sich plötzlich offen für Reformen.

„Das muss er. Der Druck ist gewaltig. Vergangene Woche verkündete er, dass eine einschneidende Transformation ansteht. Die Regierung hat immer mal wieder Anpassungen vorgenommen, sich bisher aber nie zu grundlegenden Reformen durchgerungen. Den Preis zahlt das kubanische Volk.“

Kubas Präsident Díaz-Canel tröstet Menschen auf einer Beerdigung
Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel zeigt sich nicht oft in der Öffentlichkeit. Im Januar tröstete er Angehörige von kubanischen Offizieren, die bei dem US-Angriff auf Venezuela getötet wurden
© Adalberto Roque

Nichts geht ohne die Castros

Das weitere Vorgehen hat Trump in die Hände seines Außenministers gelegt. Für Marco Rubio wäre der Sturz der Kommunisten die Erfüllung eines Lebenstraums: Der Sohn kubanischer Auswanderer rächt seine Eltern und gibt ihnen und Hunderttausenden Exilanten in Florida ihre Heimat zurück.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die USA derzeit keine Flüchtenden aus Kuba mehr aufnehmen, sie sogar abschieben. Ginge es nach Trump, wären Rubios Eltern nie ins Land gekommen. 

Laut US-Medien soll sich der US-Außenminister derzeit in Gesprächen mit Raúl Guillermo Rodríguez Castro befinden, dem Enkelsohn von Raúl Castro, Kubas Präsident von 2008 bis 2018. Demnach ist ein Regimesturz erst einmal vom Tisch, weil die USA Chaos und eine Massenflucht verhindern wollen. Die kubanische Regierung hat die Gespräche mit dem Klassenfeind inzwischen bestätigt. 

Vieles deutet darauf hin, dass Rubio – wie in Venezuela – an einem soften Szenario werkelt: keine Invasion, kein Regimewechsel. Dafür grundlegende Wirtschaftsreformen und US-Dominanz. Hauptsache, Trump kann seinen Sieg verkünden. 

Nach einem Bericht der Tageszeitung „USA Today“ wird folgendes Szenario erwogen: Präsident Díaz-Canel geht ins Exil und der junge Raúl Castro, 41, genannt „El Cangrejo“, die Krabbe, könnte übernehmen. Der gleichnamige Enkel des ehemaligen Präsidenten ist zwar ein systemtreuer Sozialist, aber auch ein junger Lebemann, der sich in den sozialen Medien gern mal mit seiner Freundin auf einer Yacht zeigt. Die Castros dürften also an der Staatsspitze bleiben, müssten aber den US-Kapitalismus ins Land lassen. 

„Wie viel Macht Präsident Díaz-Canel wirklich hat, darüber wird schon lang spekuliert“, sagt Bustamante. „Klar ist: Nichts geht ohne Raúl Castro. Der ist zwar 94, aber an allen wichtigen Entscheidungen beteiligt.“

Kubaner teilen sich die Ladefläche eines Autos
Kubaner teilen sich die Ladefläche eines alten Autos. Durch die Ölblockade kommt kein Benzin mehr ins Land
© Ramon Espinosa

Für die Exilkubaner in den USA wäre ein Verbleiben der Castros ein Schlag ins Gesicht. Die mächtige Wählergruppe möchte nichts als einen Regimewechsel und das Ende des Kommunismus. „Diese vermeintliche Befreiung wäre eine Demütigung und Beleidigung für das kubanische Volk“, empört sich ihr Anführer Ramón Saúl Sánchez, Leiter der „Bewegung Demokratie“. Er und seine Mitstreiter haben schon einen Begriff für Trumps Zauderei gefunden: „Obamamato 2.0“.

Don, the Liberator

Die Frage ist, was Trump will. Seine Außenpolitik hat es auf Macht, Ruhm und Geld abgesehen, nicht auf die Befreiung eines Volkes. In Venezuela wollte er das Öl, in Kuba wird er sich kaum mit Zuckerrohr und Tabak zufriedengeben. Eine Machtübernahme in Havanna wäre ein historischer Triumph. Fast 70 Jahre lang hat Kuba den großen Nachbarn geärgert und immer wieder demonstriert: Ihr Yankees könnt so mächtig sein, wie ihr wollt, aber unsere kleine Insel, nur 150 Kilometer entfernt, kriegt ihr nicht. Mit seiner antiamerikanischen Haltung sicherte sich Kuba Millionen Anhänger in aller Welt, nicht nur solche, die Che Guevara und Fidel Castro auf ihren T-Shirts tragen. 

Doch diese Zeit ist vorbei. Die Revolution ist am Ende, die soziale Lage katastrophal, die Kritiker sitzen im Gefängnis oder im Exil, die Menschen sind hungrig oder auf der Flucht. Kuba benötigt nach Einschätzung sämtlicher Experten einen Neuanfang.

In ihrer Verzweiflung würden viele Kubaner sogar Trumps Vision für ihre Insel hinnehmen: Kuba als Amerikas Vergnügungspark. Jede Menge Kasinos und Luxustürme an den Stränden, so wie es Trumps Schwiegersohn Jared Kushner für den Gazastreifen plant. Und an der berühmten Uferpromenade von Havanna, am Malecón, eine übergroße goldene Statue für Don, the Liberator. 

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