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Reportage: "Ich würde gern mal ausspannen"

Kerngesund zum Arzt: stern-Redakteur Detlef Schmalenberg machte die Probe aufs Exempel und wollte sich krankschreiben lassen. Alle Mediziner, die er besuchte, taten ihm den Gefallen.

Kopfschmerzen habe ich. Da ist so ein dumpfer Schmerz. Könnte das nicht Migräne sein?" Die Ärztin sagt: "Kopfschmerzen können viele Ursachen haben." Sie ist die erste von vier Testmedizinern auf meiner Simulantentour durch Köln. "Machen Sie mal den rechten Arm frei", fordert mich die Ärztin auf. Der Blutdruck, 110 zu 80, ist normal. Bevor sie auf die Idee kommt, mich genauer zu untersuchen, sage ich: "Frische Luft, das wär's, ich müsste mal raus für ein paar Tage, ausspannen. Aber wie regeln wir die Sache mit meinem Arbeitgeber?"

Die Ärztin sagt: "Na ja, so ein bis zwei Tage Frischluft könnte ich schon verantworten. Aber zur Sicherheit sollten Sie auch mal zum Augenarzt gehen." "Klar", entgegne ich. "Keine Frage. Aber ein bis zwei Tage?" "Na ja", sagt die Ärztin und blickt auf meine Versicherungskarte. "Wie wär's, wenn Sie für einen Totalcheck mit Blutabnahme noch mal wiederkämen?" "Super Idee", behaupte ich. Schließlich sind Mediziner doch auch nur Menschen, die sich bei all den kranken und nörgelnden Patienten über ein wenig Anerkennung freuen. Die Reaktion auf meine Worte jedoch überwältigt auch mich. "Wissen Sie was, ich verschreibe Ihnen besser doch eine ganze Woche Frischluft."

Richtig krank bin ich eigentlich nicht, lasse ich den nächsten Arzt wissen. Ich fühle mich nur so kraftlos und leer. "Wirklich nicht krank?", fragt der Mann, ein netter Typ in den Vierzigern. Nein, ehrlich nicht. "Grippe?" - "Nein." "Schmerzen in der Stirnhöhle?" "Ich habe nichts. Bin nur so leer, als ob ich dringend Urlaub bräuchte", nuschele ich. "Vielleicht zu viel gearbeitet. Mal richtig ausspannen, zu Hause auf dem Sofa, das wär's."

Der Arzt klopft mir auf Brust und Rücken, horcht mit dem Stethoskop. "Schlafstörungen?" - "Nein." "Fressen Sie nicht alles in sich rein, das ist nicht gut", sagt der Doktor. "Wie lange haben Sie sich denn vorgestellt?" "Eine Woche müsste reichen", meine ich. "Burn-out könnte auch länger dauern", meint der Arzt. Auf der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung lese ich: "Erschöpfung bei Verdacht auf Burn-out-Syndrom." Und eine echte Überraschung: "Schlafstörungen."

Besser nichts dramatisieren habe ich mittlerweile gelernt. Je weniger Ansatzpunkte ich liefere, desto kürzer die Beratung. Vor allem keine Diskussion über mögliche Therapien anstoßen. So etwas kostet den Arzt nur Zeit, Geld und womöglich seine Laune.

"Mein Sohn hat eine Grippe, und ich fürchte, mich angesteckt zu haben", sage ich bei der nächsten Station meines Doktor-Hoppings. "Symptome? Nein, die gibt es noch nicht. Es ist mehr so eine Vermutung. Ich müsste einfach mal zu Hause bleiben. Ausspannen, um vorzubeugen." "Die Lymphknoten sind okay", sagt der Arzt, als er mir an den Hals greift. "Da ist auch nix", nachdem er meine Lunge mit dem Stethoskop abgehorcht hat. Das alles geschieht in einer rasenden Geschwindigkeit. Kein Wort zu viel. "Eine Woche schreibe ich Sie arbeitsunfähig", sagt er.

"Ich will ehrlich sein", sage ich bei der letzten Station meiner Leidenstour. "Ich brauche Urlaub, dringend. Möchte mit Freunden wegfahren. Doch mein Chef will mir nicht freigeben. Vor lauter Wut bekomme ich schon Magenkrämpfe. Kann man da was machen?"

"So nicht, junger Mann", entgegnet der Mediziner streng, fügt dann aber an: "Wie geht es denn Ihrem Magen?" "Meinem Magen? Natürlich! Da ist so ein Druck. Aber vielleicht kommt das doch nicht vom Ärger. Wenn ich recht nachdenke, habe ich doch diesen Fisch gegessen. Und danach ging es los mit den Krämpfen." "Magensachen könnten langwierig sein", sagt der Doktor, während er über seinen vergoldeten Brillenrand in meine Mundhöhle starrt. "Eine Woche, schreibe ich. Wenn es dann noch nicht geht, kommen Sie wieder her, und wir machen noch was."

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