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Ratgeber Sexualität

Einfach keine Lust

Ursachen für Lustlosigkeit

Verminderte sexuelle Appetenz wurde als eigenständige Diagnose erst Ende der 1970er Jahre offiziell definiert. Man versteht darunter, dass jemand keine oder subjektiv zu wenig Lust auf erotische Aktivitäten hat und es dadurch zu persönlichen oder zwischenmenschlichen Problemen kommt. Hinter dem Begriff stecken verschiedene, schwer zu greifende Facetten: Lust, Wunsch, Fantasie, Interesse, Erregung, Trieb, Motivation, Begehren. Und ganz offensichtlich gibt es bei Betroffenen ein Gefälle zwischen den eigenen Vorstellungen von dem, was im Großen und Ganzen normal ist, und dem, was sie selbst im Alltag erleben und treiben. Dieses Gefälle empfinden sie als Mangel.

Bis heute sind sich die Wissenschaftler nicht einig, wie Appetenzmangel als sexuelle Funktionsstörung diagnostisch genau zu fassen ist. Bei der Ursachenforschung und Behandlung gibt es unterschiedliche Ansätze. Seit gut zehn Jahren forscht auch die Pharmaindustrie eifrig an neuen Wundermitteln. Es gibt einen großen Markt für schnelle Lösungen, die Lust machen. Zwar scheiden sich am Schwinden des erotischen Appetits die Geister der Experten. In einem aber gibt's keine zwei Meinungen: Lustlosigkeit gilt als sehr schwer zu behandelnde psychosexuelle Störung.

Das fängt damit an, dass die Gelehrten über den Ursprung streiten. Psychologen gehen davon aus, dass fast alle sexuellen Störungen einen seelischen und/oder sozialen Hintergrund haben. Biologisch-körperbezogene Sexualmediziner vermuten in vielen Fällen organische oder zumindest auch organi-sche Ursachen - eine biopsychosoziale Schnittmenge sozusagen.

Das Verlangen im Kopf

Lust ist etwas Unspezifisches, sie funktioniert im Prinzip immer gleich. Egal, ob es um Essen, Trinken oder um Sex geht: Sensoren in der Haut leiten bei Berührung Impulse an die Großhirnrinde weiter. Die wiederum mobilisiert das limbische System, also das Emotions- und Belohnungszentrum im Gehirn. Doch wie entsteht die Lust speziell auf Sex? Wo beginnt die Begierde, wo die Erregung? Und wie beeinflusst das eine das andere? Die Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang vom "zerebralen Sex-Regulationssystem" - und räumen ein, über die äußeren Faktoren, die unser Verlangen beeinflussen, noch recht wenig zu wissen.

Wenn die Lust schwindet, kann das auch schlicht körperliche Ursachen haben, zum Beispiel hormonelle Störungen wie Androgenmangel oder auch Östrogenmangel bei Frauen um die Menopause herum. Nebenwirkungen von Medikamenten, etwa Antidepressiva können auch eine Rolle spielen, aber auch Depressionen, Stress- und Erschöpfungszustände, Alkoholabhängigkeit, schwere körperliche Leiden. Von Fall zu Fall müssen diese möglichen Auslöser abgetrennt werden vom psychosozialen Umfeld, also von der familiären, beruflichen und seelischen Befindlichkeit.

Therapien: Sex-Hausaufgaben und Beziehungsarbeit

Hilfe bei einem Sexualtherapeuten suchen überwiegend Menschen, die in einer festen Beziehung leben. Oft ist die Lustlosigkeit ein Zeichen dafür, dass es tiefer gehende emotionale Konflikte mit dem Partner oder der Partnerin gibt. Fast immer ist Appetenzstörung erworben, wie Therapeuten das nennen. Das bedeutet, der Sex hat früher Spaß gemacht, das körperliche Verlangen war vorhanden. Viele Sexualtherapeuten sehen das Problem daher als Paarsache an, auch wenn nur eine Person direkt betroffen ist. Sie behandeln also im Grunde die Beziehung.

In der klassischen Verhaltenstherapie erhalten die Betroffenen sexuelle "Hausaufgaben" und lernen auf diese Weise erotischen Appetit zu entwickeln. Bei der psychodynamischen Annäherung spielt die Analyse früher kindlicher Erlebnisse eine wichtige Rolle. Bei den so genannten systemischen Ansätzen wird weniger auf Lust geschaut als auf Kommunikationsstörungen, also auf das, was im zwischenmenschlichen Bereich im Argen liegt. Manche Therapeuten kombinieren die verschiedenen Ansätze, wie in dem seit vielen Jahren bewährten Hamburger Modell.

Mitunter hilft es schon, wenn beide sich innerhalb der Zweisamkeit wieder etwas fremder und damit interessanter werden. Oder wenn die jeweils eigenen sexuellen Wünsche und Fantasien mehr in den Mittelpunkt des erotischen Geschehens rücken. Denn eine im Laufe des gemeinsamen Lebens und Liebens entstandene Lustlosigkeit ist oft einfach Langeweile im Bett, Bequemlichkeit, Unaufmerksamkeit, Gewohnheit. Ein Quickie am Strand, nach all den Jahren, oder eine bewusst inszenierte Verführung können den Motor wieder anwerfen - aber wohl nur, wenn die Beziehung im Grunde in Ordnung ist.

Von Ira Panic
Seite 1: Einfach keine Lust
Seite 2: Ohne Sex glücklich
Seite 3: Ursachen für Lustlosigkeit
 
 
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