"Den Weihnachtsmann gibt's länger als Coca Cola"

21. Dezember 2012, 18:00 Uhr

Warum erzählen wir Kindern von einem Alten mit Bart und Fellmütze, der in Häuser einbricht und Geschenke verteilt? Der Ethnologe Thomas Hauschild hat den Weihnachtsmann erforscht und gibt Antworten.

© Britta N. Heinrich Thomas Hauschild Thomas Hauschild ist Ethnologe und Weihnachtsmann-Experte. In seinem Buch "Weihnachtsmann. Die wahre Geschichte." erklärt er alles, was man über den Mann in rot wissen muss.

Herr Hauschild, woran erkennt man einen guten Weihnachtsmann?

Achten Sie auf die Stiefel. Die Kinder gucken viel stärker auf Sachen in Bodennähe, und wer da etwa Turnschuhe trägt, macht die Kleinen sofort skeptisch. Ich war schon häufiger Weihnachtsmann, da hatte ich immer Bundeswehrstiefel dabei.

Und eine Rute?

Sehr wichtig! Ich benutze einen Reisigbesen, den brauche ich, um den Geschenksack vor den Kindern zu verteidigen.

Warum belügen wir unsere Kinder und erzählen ihnen was vom Weihnachtsmann?

Wir wollen ihnen Hoffnung geben. Dass Kinder ihren Eltern vertrauen und auch darauf, dass Mama und Papa ihnen Nahrung geben, ist ja klar. Aber wie schafft man es, dass Kinder Vertrauen in eine Zukunft setzen, in der die Eltern irgendwann nicht mehr bei ihnen sind? Dass sie lernen, selbst auch zu geben, ohne dass sie sofort eine Gegenleistung erwarten? Das lernen sie durch eine Figur wie dem Weihnachtsmann.

Kritiker sagen, der Weihnachtsmann lehre die Kinder höchstens den Konsum. Er sei erfunden von Coca Cola und nur dazu da, die Kassen klingeln zu lassen.

Da tun sie ihm unrecht. Den Weihnachtsmann gibt es schon viel länger als Coca Cola. Die Konsumgesellschaft hat sich nur sehr erfolgreich die althergebrachten Vorstellungen von ihm zunutze gemacht. Jahrhundertelang war der Weihnachtsmann gerade nicht ein Gott des Konsums, sondern das genaue Gegenteil: Er gibt ja alles weg, er will kein Geld. Dazu verpackt er auch noch die Geschenke, man kann sie nicht vergleichen und den Wert schätzen. Es geht bei ihm um den Akt des Schenkens und nicht ums Geschenk.

Warum stellen wir uns vor, dass ausgerechnet ein weißbärtiger Alter mit Fellmantel den Kindern Geschenke bringt?

Der Weihnachtsmann ist nicht nur ein Alter, sondern auch ein Junger. Er verkörpert alle Generationen, hat diese Idee des Überlebens und der Wiedergeburt schon ins Gesicht geschrieben mit seinen roten Knallbacken.

Die roten Wangen stehen für das Kindliche?

Ja, und dann auch noch dieses Freche, dieses "Hohoho". Gleichzeitig hat er die weißen Haare und den Bart, er ist dadurch vertrauenserweckend. Er schleicht sich ja heimlich ins Haus rein, aber niemand erschreckt sich. Das ist ein ganz merkwürdiges Spiel.

Warum spielen wir dieses Spiel?

Wir spielen es seit Jahrhunderten, weil es ein sehr wichtiges Winterritual war. Alle Gesellschaften, die in den gemäßigten und nördlichen Breiten lebten, legten für den Winter Vorräte an. In der mittelalterlichen Gesellschaft ging es im Winter ums Überleben. Und darum, wem die Vorräte gehören und an wen sie verteilt werden. Die Vorstellung vom Weihnachtsmann symbolisiert den Geist der Gabe und einer Gemeinschaft, die zusammen durch den Winter kommt.

Woher kommt der Weihnachtsmann?

Der moderne Weihnachtsmann ist aus dem Kult des heiligen Nikolaus aus dem vierten Jahrhundert hervorgegangen. Ein keuscher, mönchsartig lebender Bischof und ein strenger Mann, der die Unschuldigen verteidigt gegen die Macht. In Kirchen sieht man ihn oft mit drei goldenen Kugeln abgebildet. Er soll einem verarmten Mann, der eine seiner Töchter zur Prostituierten machen wollte, drei Goldklumpen ins Haus geworden haben, damit er die Mitgift für ihre Heirat aufbringen konnte. Ein Einbrecher, der nicht stiehlt, sondern gibt. Wie der Weihnachtsmann heute. Und übrigens schon lange vorher Xhou Xing.

Xhou Xing?

Auch ein Mann, der grundlos schenkt, man verehrte ihn schon lange vor Christi Geburt in China. Der chinesische Wintergott Xhou Xing ist ein alter Mann mit weißem Bart, und wenn man ihm genau ins Gesicht schaut, dann sieht man ein fröhliches Kindergesicht mit roten Backen hervorblitzen. Genauso wie der Weihnachtsmann. Kurioserweise fliegt er auch noch im roten Gewand umher und beschenkt Kinder.

Liegen die Ursprünge des Weihnachtsmanns etwa bei den Chinesen?

Zum Teil vielleicht. Auf dem Rücken der Winterfeste reisen diese Figuren von Ost nach West. Manchmal aber auch von Ost nach West. Es gibt übrigens auch eine ganz interessante Parallelgestalt im Islam: Hüsür, der durch die Lüfte fliegt und im Winter die Menschen anregt, große Essen zu veranstalten, bei denen sie sich gegenseitig beschenken. Das ist heute noch sehr verbreitet bei liberaleren islamischen Kreisen in der Türkei, bei Aleviten und Kurden.

Schon wieder ein fliegender Gabenbringer.

Ja, das mit dem Fliegen ist eine interessante Sache. Zwischen China und Europa und Kleinasien zog sich ja die Seidenstraße, immer auch eine Straße des Ideenaustauschs zwischen Ost und West, und die berührte auch Zentralasien und Sibirien. Von dort könnte die Vorstellung vom Fliegen zu uns gekommen sein. In Sibirien sind religiöse Praktiken sehr verbreitet, in denen Menschen Drogen nehmen und sich durch Trommeln in Trance bringen. Sie glauben, ihre Seele ins Totenreich fliegen lassen zu können und von dort bringen sie gute Gaben mit. Da spielt die Idee eines geflügelten Schlitten, auf dem solch ein Schamane fährt, gelegentlich eine Rolle. Das ist doch komisch, dass solche Vorstellungen bei uns im Santa- Claus-Dekor vorkommen. Bis hin zu den Fliegenpilzen, die von den Schamanen als Drogen benutzt wurden.

Entspringen die Rentiere auch einem Drogenrausch?

Die Rentiere sind eine relativ neue Erfindung. Bei dem Lied "Jingle Bells" geht es noch um einen Schlitten, der von einem Pferd gezogen wird. Das war 1857. Erst Ende des 19. Jahrhunderts setzten sich die Rentiere durch. Das waren wohl die Einflüsse durch die skandinavischen Einwanderer in den USA. Legenden aus Lappland von auf Rentieren jagenden Schamanen, den Luftreitern, müssen eine Rolle gespielt haben. Aber auch hier gilt: Der Weihnachtsmann ist eine vollkommen verwickelte Gestalt. Im Einzelnen sind die Weitergaben und Überlieferungen nur ganz schwer überprüfbar.

Glaubt ihre Tochter noch an den Weihnachtsmann?

Oh, darüber möchte ich nicht öffentlich spekulieren. Sie ist acht Jahre alt. Früher habe ich ihr Briefe geschrieben, in denen ich mich als Weihnachtsmann ausgegeben habe. Da habe ich mich dabei ertappt und mich gefragt, was machst du da eigentlich.

Ja, was?

Es ist eine mächtige Bildwelt entstanden. Sie bringt Eltern dazu, sich auf einmal Gedanken zu machen, wie sie als völlig säkularisierte Menschen, die an gar keinen Gott glauben, plötzlich ihren Kindern beibringen könnten, dass es da so eine Gestalt mit Bart gibt. Das begeistert mich irgendwie.

Thomas Hauschild: Weihnachtsmann. Die wahre Geschichte, S. Fischer-Verlag, 19,99 Euro.

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