13. März 2013, 10:15 Uhr

Ein Buch gegen das Vergessen

Unter der Nazi-Herrschaft wurden Hunderttausende schwerkranker Menschen ermordet. Viele machten sich schuldig. Auch Familienangehörige sahen oft weg. Götz Alys "Die Belasteten" wagt den Blick zurück.

Götz Aly, Die Belasteten, Euthanasie, Zweiter Weltkrieg, Nazis, Schuld, Mord, ermordet, Familie

Der Historiker und Journalist Götz Aly ist mit seinem Buch "Die Belasteten" für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden©

Gestern sind wieder die Autos da gewesen und vor acht Tagen auch, sie haben wieder viele geholt. Es wurde uns so schwer, dass wir alle weinten, und vollends war es mir schwer, als ich M.S. nicht mehr sah." Diese Zeilen schrieb ein verzweifelter Pflegling der Heilanstalt Stetten an seine Schwester. Tags zuvor waren erneut die grauen Busse in der Anstalt aufgetaucht. Patienten wurden zusammengetrieben und in die Busse verfrachtet. Die meisten ahnten, wohin die Reise ging. Es kam zu verzweifelten Auftritten. Eine junge Frau, eine "19-jährige Schwachsinnige höchsten Grades", entwischte, wurde aber von dem Transportpersonal wieder eingefangen. Ihre gellenden Schreie hallten durch den ganzen Hof. Eine andere Frau schlug die Arme in die Höhe und rief: "Ich will nicht sterben."

Solche Szenen spielten sich in den Jahren 1940 und 1941 überall in deutschen Heil- und Pflegeanstalten ab. 200.000 geistig und körperlich schwer Behinderte, aber auch angeblich "Gemeingefährliche" oder sogenannte Asoziale wurden von den Nazis ermordet. Die meisten von ihnen sind heute vergessen und totgeschwiegen, oft auch von ihren Familien. Der Historiker und Journalist Götz Aly ("Hitlers Volksstaat", "Warum die Juden? Warum die Deutschen?") gibt diesen Menschen nun in seinem Buch "Die Belasteten" eine Stimme. Es ist für den Preis der Leipziger Buchmesse (14. bis 17. März) nominiert.

Schluss mit der "verklemmten Diskretion"

Seit 30 Jahren forscht Aly über das Thema Euthanasie, angeregt auch durch persönliche Betroffenheit: Seine Tochter ist seit einer Gehirnhautentzündung direkt nach der Geburt schwer behindert. Aly kritisiert die "verklemmte Diskretion" mit der bis heute in Büchern und auf Denkmälern die Namen der Ermordeten schamhaft abgekürzt oder durch "alberne Ersatznamen" ausgetauscht werden: "Es ist an der Zeit, die Ermordeten namentlich zu ehren und ihre Lebensdaten in einer allgemein zugänglichen Datenbank zu nennen." Entsprechend enthält sein Buch nicht nur die Namen und Lebensdaten vieler Opfer, sondern auch persönliche Briefe und Aussagen von Patienten und Familienangehörigen.

Als "nutzlose Esser" und "Ballast" empfanden die Nazis pflegebedürftige Menschen, "Idioten" oder "Krüppel", wie es im damaligen Jargon hieß. Hitlers Leibarzt Theo Morell machte eine eiskalte Rechnung auf: "5000 Idioten mit Jahreskosten von je 2000 Reichsmark = 10 Millionen jährlich. Bei fünf Prozent Verzinsung entspricht das einem reservierten Kapital von 200 Millionen." Nach einer solchen Kalkulation erschien der Erhalt des Lebens von Menschen auf angeblich "niedrigster tierischer Stufe" gerade in Kriegszeiten als unangemessener "Luxus".

Aly verschweigt nichts

Offiziell begann das große Morden im Herbst 1939. Unter dem Kürzel "Aktion T4" wurde eine effizient arbeitende Todesbürokratie in Gang gesetzt, die kaum auf Widerspruch stieß. Aly verschweigt nicht das Wegschauen, die stillschweigende Duldung oder gar das Komplizentum betroffener Angehöriger. Die Nazis hatten durch Fragebogenaktionen zuvor schon ausgelotet, wie weit sie gehen konnten.

Nur eine kleine Minderheit der Angehörigen - unter zehn Prozent - legte scharfen Protest ein. In einem Fall etwa schickte eine empörte Mutter, deren Sohn in die Vergasungsanstalt Grafeneck deportiert worden war, ein Telegramm an Hitler persönlich. Sie rettete ihrem Sohn tatsächlich das Leben. Er wurde noch am gleichen Tag in sein Pflegeheim zurückverlegt. So gut wie immer war das energische Eingreifen von Verwandten erfolgreich - es geschah nur zu selten. Die meisten wollten es nicht genauer wissen, gaben sich mit der Auskunft zufrieden, dass der Patient an einer Lungenentzündung oder Grippe gestorben war und nicht lange leiden musste.

Den einzig wirklich überzeugenden Widerstand leistete bekanntlich der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen. Er sprach in seinen Predigten offen und "mit vollem persönlichen Einsatz" von Mord. Das Regime schäumte, fand den populären Kirchenmann "reif für den Staatsanwalt", ließ ihn aber unbehelligt. Die Mordaktion wurde abrupt gestoppt. Die "Aktion T4" war nach Darstellung von Aly für die Nationalsozialisten ein Vorspiel zum Holocaust, das in ihrem Sinne erfolgreich verlaufen war: "Weil die Deutschen den Mord an den eigenen Volksgenossen hinnahmen, gewannen die Politiker die Zuversicht, sie könnten noch größere Verbrechen ohne bedeutenden Widerspruch begehen." Die Geschichte gab ihnen leider Recht.

Sibylle Peine, DPA
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Nazi-Arzt Ein Hochstapler, der über Leichen ging

Der "Euthanasie-Arzt" Robert Herzer war ein Hochstapler, der im Medizinstudium gescheitert war. Doch selbst seine Verurteilung wegen Mordes 1947 konnte den "Medizinalrat" nicht stoppen: Im DDR-Gefängnis durfte er als Haftarzt arbeiten. Später machte er im Westen wieder Karriere als "Arzt".

"Aktion Schmetterling" Der Nazi-Arzt vom TÜV

Vor 50 Jahren entließ der DDR-Ministerrat unter hoher Geheimhaltung Naziverbrecher vorzeitig aus dem Knast. Einige machten später in Westdeutschland Karriere - zum Beispiel Robert Herzer, ein besonders fleissiger Euthanasie-Arzt.

NS-Euthanasieprogramm Zum "Duschen" in den Keller

Die "Heil- und Pflegeanstalt" Hadamar gilt als Synonym für die "Euthanasie"-Verbrechen des NS-Regimes in Hessen. Die Namen und Biografien der Patienten wurden ausgelöscht. Ein Projekt kämpft jetzt gegen das Vergessen an.

Euthanasie "Ich bin doch keine Massenmörderin!"

Auf ihrer Station starben während der Nazi-Zeit 159 Menschen. Ob es zum Prozess gegen Dr. Rosemarie Albrecht kommt, ist zweifelhaft: Die 89-Jährige, in der DDR Vorzeige-Ärztin, kann sich auf alte Seilschaften verlassen.

Hitler-Familie Tod in der Gaskammer

Neue Dokumente gewähren erstmals einen Einblick in die Familie Adolf Hitlers. Eine "geisteskranke" Cousine des Diktators ist 1940 im Rahmen des NS-Euthanasieprogramms in der Gaskammer ermordet worden.

 
Jetzt stern unverbindlich testen

10 x stern + 30% Preisvorteil + kostenloses stern eMagazine + gratis Dankeschön. Jetzt sichern.

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (15/2013)
Schampus für alle!