Zeichner Joscha Sauer wurde aus Langeweile zu einem der erfolgreichsten Cartoonisten Deutschlands. Im stern.de-Interview spricht er über seinen Weg vom mittellosen Bittsteller zum Bestseller-Lieferanten, über betrunkene Verlagsleiter - und darüber, wie man mit Faulheit ganz groß rauskommt.

Wurde aus Langeweile zu einem der erfolgreichsten Cartoonisten Deutschlands: Joscha Sauer© Carlsen
Es ist jedes Mal dasselbe. Am Ende der Produktion gerate ich in Hektik, es ist ein Rennen gegen die Zeit. Mir wurde vom Verlag zwar keine Pistole auf die Brust gesetzt. Aber so ähnlich: Die Druckerei war fest gebucht. Da gab's kein Zurück. Trotzdem hab ich auch dieses Mal die Abgabetermine bis zum Ende ausgelotet.
Oh ja. Ich plane zwar immer, mir einen relativ normalen, gesellschaftsfähigen Arbeitsrhythmus anzueignen. Das klappt aber meistens nur die ersten zwei Wochen. Immerhin: Wenn ich nachts arbeite, tue ich garantiert nichts anderes. Ich tauche ab. Und komme erst wieder raus, wenn das Buch fertig ist.
So ein Ritual habe ich leider nicht. Ich wünsche mir schon seit Jahren, dass ich etwas disziplinierter und routinierter wäre. Mittlerweile ist es natürlich so, dass ich nicht mehr rumprobiere, was den Stil betrifft. Ich weiß ganz genau, wie die einzelnen Arbeitsschritte funktionieren und wie ich zu dem Ergebnis komme, was ich gerne hätte.
Es ist das Problem, das jeder Freiberufler hat: Man muss sich selbst disziplinieren, immer wieder selbst motivieren, sich jetzt aber wirklich mal dranzusetzen. Morgens kontrolliert bei mir ja niemand, wann ich aufstehe und ob ich meine angefangenen Sachen wirklich zu Ende bringe. Und im Grunde meines Herzens bin ich echt 'ne faule Socke.
Den brauch ich auf jeden Fall. Mein Verlag und meine Lizenzagentur arbeiten in dieser Hinsicht sehr vorbildlich. Die hauen mir immer wieder mal auf den Kopf, wenn ich zu lange an meinen Zeichnungen sitze.
Vom Start weg werden etwa 45.000 Exemplare in den Buchläden landen. Was wirklich eine gewaltige Zahl ist. Das ist jenseits meiner Vorstellungskraft.
Ich glaube ja nicht an Zufall. Aber es war tatsächlich so, dass ich da einfach reingeschlittert bin. Anfangs hatte ich nicht den Plan, das einmal beruflich zu machen. Ich wollte mich erstmal nur kreativ ausleben. Deswegen und aus Langeweile hab ich 2000 die Internetseite www.nichtlustig.de eingerichtet, wo ich jeden Tag einen Cartoon veröffentlicht habe. Das war kurz nach meiner Zivildienstzeit. Da hab ich noch bei meinen Eltern in Frankfurt gewohnt. Es sollte ein Zeitvertreib sein für zwei, drei Monate, bis sich was anderes auftut.
Plötzlich hab ich gemerkt: Hoppla, da passiert was. Das ist etwas, was ich für mich weiter vorantreiben will. Und als ich mit meinen Cartoons dann tatsächlich nach einem Jahr auch ein bisschen Geld verdient habe, bin ich sofort nach Berlin gezogen. Doch kaum war ich dort, gingen die Abnehmer meiner Cartoons pleite. Und ich stand wieder ohne Einkommen da.
Nein. Eigentlich nicht. Ich bin immer so ein naiver Optimist gewesen, was das angeht. Weil sich für mich immer Türen geöffnet haben. Und weil ich eine großartige Familie habe, die selbst meine beklopptesten Pläne immer unterstützt hat. Das hat für die nötige Entspanntheit gesorgt. Selbst wenn ich mich mal für zwei Wochen von Cornflakes ernähren musste, weil das Geld für etwas anderes fehlte.
Das ist beinahe schon ein Klischee, nicht? Erst Cornflakes mit Milch. Und dann Cornflakes mit Wasser. Aber es war wirklich so.
Ich bin mit einer Demo-Mappe rumgerannt. Auf der Frankfurter Buchmesse. Ich habe ununterbrochen Leute angesprochen und ihnen meine Mappe unter die Nase gehalten: Da, schau mal, ich mach Cartoons und würd' ja auch gern mit Büchern und so...
Aber letztlich hat es bei mir damit funktioniert. Ich hab zwar im ersten Jahr nur Absagen bekommen. Auch im zweiten Jahr zunächst. Allerdings hat sich ein paar Monate später dann doch noch der Carlsen Verlag gemeldet und gemeint: Lass uns doch zusammen ein Buch machen. Das war Anfang 2002.
Die war sehr moderat angesetzt, bei 5000 Exemplaren. Aber dann gab es so viele Vorbestellungen, dass der Verlag sie eine Woche vor Druckbeginn auf 12.000 Exemplare aufstockte. Und die waren dann innerhalb einer Woche vergriffen.
Ich hab natürlich nicht Woche für Woche 12.000 Bücher verkauft. Aber vor ein paar Monaten hat mir der Verlag eine Glückwunschkarte geschickt. Auf der stand, dass ich mittlerweile über eine halbe Million Bücher verkauft habe.
Leider nicht. Das wäre natürlich klasse, sich so ein schönes Platinbuch an die Wand hämmern zu können.
Es wird viele Signierstunden geben, wie auch schon in den letzten Jahren. Und meine Agentur wird wieder zum abendlichen Umtrunk in ihrer kleinen Villa laden. Das wird schön. Da treffe ich viele Kollegen. Und immer auch ein paar sturzbetrunkene Verlagsleiter, die ich von meinen ersten Buchmesse-Jahren kenne. Die werden dann sentimental und sagen (fängt an zu lallen), dasses ihr gröösder Fehler waar, dasse mich daamals nich genomm' ham'.
Interview: Markus Wanzeck
Zur Person Der 30-jährige Schöpfer der "Nichtlustig"-Comics gehört zu den erfolgreichsten Cartoonisten Deutschlands. Seit 2000 veröffentlicht Joscha Sauer Cartoons mit putzigen, aber leider todessehnsüchtigen Lemmingen, vom Leben überforderten Yetis oder bizarren Alltagssituationen. Dieser "schwarze Humor mit Herz" (Sauer über seinen Stil) hat viele Freunde gefundenSeit 2003 publiziert der Carlsen Verlag die "Nichtlustig"-Cartoons auch in Buchform. Im Oktober stellt Sauer "Nichtlustig 4" auf der Frankfurter Buchmesse vor. Im kommenden Jahr will Sauer sich der Trickfilmumsetzung von "Nichtlustig" widmen.