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19. März 2010, 20:57 Uhr

"Der größte Tatort ist das Internet"

Exhibitionismus, Sadismus, Mord aus purer Mordlust - über seine 42 Jahre als Ermittler hat Josef Wilfling ein Buch geschrieben. Im Interview mit stern.de erzählt er über menschliche Abgründe und seine krassesten Erlebnisse als Chef der Münchner Mordkommission.

© Guido Krzikowski/Heyne Verlag Josef Wilfling Er ging Anfang 2009 nach 42 Jahren im Polizeidienst in Pension. Wilfling hat 22 Jahre lang die Mordkommission geleitet, klärte den Sedlmayr- und den Moshammer-Mord auf und gilt als Spezialist für Vernehmungen. Jetzt ist sein Buch "Abgründe - Wenn Menschen zu Mördern werden" erschienen.

Herr Wilfling, Sie waren 42 Jahre bei der Münchner Polizei und haben bis zur Ihrer Pensionierung die Mordkommission geleitet. Jetzt haben Sie ein Buch darüber geschrieben, wie Menschen zu Mördern werden. "Abgründe", nennen Sie es. Wie haben Sie die Fälle ausgewählt?

Ich habe das Buch in Anlehnung an die sieben Todsünden aufgebaut, ein Fall zu jedem Mordmerkmal. Mir war wichtig, dass ich über Fälle schreibe, die ich bis auf einen selbst bearbeitet habe. Darin kommen Verhaltensweisen vor, die das normale Maß sprengen. Wie kommt jemand auf die Idee, seinem Opfer einen Besenstiel in den Hals zu rammen? Oder ein Polizist enthauptet mit einer Axt in einer Nacht zwei Menschen bei lebendigem Leib, aus purer Habgier, danach geht er zum Biertrinken beim Betriebsausflug. Das ist unvorstellbar, auch für mich, der 20 Jahre Mordfälle bearbeitet hat, und das verstehe ich unter Abgründe. Ich habe auch ein Kapitel über sexuelle Perversitäten aufgenommen. Exhibitionismus, Fetischismus, Sadismus sind alles Dinge, die schon was mit Tötungsdelikten zu tun haben.

Anhand des Falles eines 18-jährigen Jugendlichen, der völlig grundlos einen Arzt auf offener Straße niedergestochen hat, beschreiben Sie detailliert das Suchen und Stochern im Nebel. Wie motiviert man sich, jede Kleinigkeit zu sammeln, jeden Tag wieder zu suchen?

Man motiviert sich durch den Kontakt mit den Angehörigen. Ihnen fühlt man sich verpflichtet, und das belastet am meisten. Die Tat hatte die Stadt geschockt, der Täter hat seine Tötungsfantasien am Nächstbesten ausgelassen, ihn mit zwölf Stichen ins Herz auf einer Fläche so groß wie eine Hand gezielt getötet - ohne Spuren zu hinterlassen. Mordlust ist ohnehin ein ganz seltenes Motiv, das Opfer ist willkürlich gewählt. Ein Mitarbeiter von mir hat sich wochenlang Tag und Nacht am Tatort herumgetrieben und nach Jugendlichen gesucht, die in Frage kamen, nachdem wir einen Hinweis von einem Obdachlosen bekommen hatten. Wir stießen auf eine Mauer des Schweigens, weil der Täter Angst und Schrecken verbreitet hat, haben den Fall aber gelöst.

Wie sind Sie mit der Belastung umgegangen, diese schrecklichen Bilder, die Sie gesehen haben?

Alles, was in dem Buch steht, ist in meine Festplatte eingebrannt und habe ich dort abgerufen. Man kann die Bilder nie ausradieren. Wie man damit vernünftig umgeht, muss jeder selbst lernen. Ich bin nicht so ein sensibler Mensch, liege nicht nachts schlaflos im Bett und habe auch nicht den Glauben an die Menschheit verloren. Es gibt immer noch mehr anständige als böse Menschen. Ich sehe das ganz pragmatisch: Mord ist das schlimmste aller Verbrechen, den muss man mit allen Mitteln, die erlaubt sind, bekämpfen.

Gibt es Fälle, wo Sie ein Gefühl des Versagens beschlichen hat?

Das gab es, wenn ich mich von Emotionen leiten lassen habe, kam aber selten vor. Ich erinnere mich an einen Fall: Der Täter hat eine Frau in München getötet und ist nach Portugal geflüchtet, wo er eine junge Touristin in seine Gewalt gebracht hat und sie wochenlang in einem Schafstall auf die allerübelste Weise sexuell missbraucht hat. Als ich ihn nach seiner Festnahme abgeholt habe, begegnete mir ein Mann voller krassem Selbstmitleid, der überhaupt nicht darüber nachgedacht hat, was er dem Mädchen angetan hat. Den konnte ich nicht verhören, ich hätte nicht neutral sein können.

Gab es Triumphgefühle?

Wenn man die Wahrheit herausbekommen hat, hat man als Ermittler grundsätzlich ein Erfolgserlebnis. Mein größter Erfolg war das Geständnis des siebenfachen Frauenmörders Horst David, der mir plötzlich drei Morde gesteht. Das war ein Gefühl wie Weihnachten.

Wie bringt man die Menschen zum Reden?

Das ist das Schwierigste. Das Kernproblem ist nicht, die Lüge zu erkennen, das lernt man mit der Erfahrung, sondern jemanden dazu zu bringen, die Wahrheit zu sagen. Da gibt es Vernehmungstechniken, die ich nicht ausplaudern will, sonst lynchen mich die Kollegen. Man muss eine Vertrauensbasis aufbauen, darf niemals jemanden der Lüge bezichtigen, wenn man es nicht beweisen kann. Bei Horst David war es klassisch. Er hat abgestritten, jemals bei Prostituierten gewesen zu sein, wir konnten ihn mit den Fingerabdrücken konfrontieren, er ist zusammengebrochen.

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