Dauerwerbesendung des Imperium Klum, inszenierte Fleischbeschau, menschenverachtendes Blöd-TV - über "Germany's next Topmodel" ist viel Schlechtes geschrieben worden. Trotzdem ist die Castingsendung erfolgreich wie nie. Dabei hält sie schon lange nicht mehr, was der Titel verspricht. Ein Blick in die Mogelpackung. Von Katharina Miklis

Überfrau Heidi Klum: berechnende Geschäftsfrau oder fürsorgliche Modelmama?© Mario Anzuoni/Reuters
Eigentlich wurde bei "Germany's next Topmodel" ja noch nie wirklich nach einem echten Topmodel gesucht. Von der ersten Staffel an war die ProSieben-Castingshow eine einzige Dauerwerbung für die Marke Klum. Die Gewinnerinnen stöckelten derweil über den Laufsteg ins Abseits. Auch bei der vierten Staffel, die heute Abend zu Ende geht, war Heidi Klums proklamierte Suche nach neuen Gesichtern stets zweitrangig.
Das Massenphänomen "Germany's next Topmodel" (GNTM) ist und bleibt trotzdem ein Quotenhit. Da mögen sich noch so viele Gegner über die "menschenfeindliche Sendung" (Alice Schwarzer) echauffieren oder "sechs Sorten Scheiße aus Heidi Klum rausprügeln" wollen (Roger Willemsen). Ein Marktanteil von 26,3 Prozent bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern, mit dem die Show am Dienstag selbst den RTL-Quotenhit "Dr. House" in den Schatten stellte, spricht für sich.
Dass sich das Casting-Prinzip und Heidis Highlander-Weisheit "Es kann nur eine geben" mit der Zeit jedoch abnutzt, hat auch die Ur-Mutter der Castingshows, das RTL-Format "Deutschland sucht den Superstar", gemerkt und in diesem Jahr neue Wege eingeschlagen. RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger hat unlängst zugegeben, dass die gerade zu Ende gegangene Staffel DSDS erstmals ganz klar als Dokusoap konzipiert wurde. Die Eskapaden einer Annemarie Eilfeld taten der Quote gut, die Streitereien einzelner Kandidaten vor den Kameras hielten die Spannung. Bei ProSieben ist man noch nicht so weit, bei "Germany's next Topmodel" von einer Dokusoap zu sprechen. Den Vorwurf, gezielt auf Trash-Tussis und Zoff-Zicken zu setzen, weist der Sender von sich. Die Soap-Elemente waren bei der aktuellen Staffel, die heute zu Ende geht, jedoch klar zu erkennen.

Wie niedlich: Sara Nuru, Marie Nasemann und Mandy Bork hoffen noch auf den großen Durchbruch© Ralf Jürgens/Getty Images
Die Zuschauer interessieren sich halt mehr für Tränen, Tratsch und geplatzte Träume als für das neue Topmodel. Der Weg ist das Ziel, und so bekommt GNTM wie DSDS immer mehr Freakshow-Potenzial. Um für schlechte Stimmung zu sorgen, schleuste ProSieben die Superzicke Larissa Marolt, Gewinnerin der österreichischen Version von GNTM, in die Top-20-Shows - ohne dass sie sich in der Vorauswahl beweisen musste. Die gezielte Bevorzugung der Österreicherin sorgte von Beginn an für Dissonanzen. Der Streit der Model-Anwärterinnen Ira und Tessa stand gleich von der ersten Folge an im Mittelpunkt der Show. Letztere zog sich schon vor ihrem Rauswurf bei GNTM für das Männermagazin "FHM" aus, sprach allzu gerne vom Sex mit Frauen. Der leicht bekleidete Körper der 19-Jährigen zierte regelmäßig die Boulevard-Zeitungen. Da drängte sich die Frage auf, ob der Sender die libidinöse Ex von Partymacher Michael Ammer, 47, nur in die Sendung einschleuste, um sich die Quoten zu sichern. Showqualitäten sind bei GNTM unabdingbar geworden. Was Annemarie Eilfeld für DSDS, war Tessa Bergmeier für GNTM - die freizügigen Trash-Püppchen der Castingsoaps. Verheizt für die Quote.
Sobald einmal Ruhe bei den "Mädchen" einkehrte, wurden ihnen dramaturgisch viel versprechende Aufgaben gestellt: So mussten sie zum Beispiel unter sich ausmachen, wer von ihnen von einem Shooting ausgeschlossen wird. Schnell flossen die Tränen. Oder sie mussten sich in New York auf einer Theaterbühne bloßstellen - mit einem "Abspack-Dance" oder schrägen Songperformances. Auch der Nutzen der GNTM-Psychoanalyse, bei der die "Mädchen" ihr Innerstes preisgeben mussten, bleibt fraglich. Genauso wie die in jeder Staffel wiederholte "Challenge", bei der die Topmodel-Anwärterinnen den selbstverliebten Juror Peyman Amin "heiß machen" müssen. Wichtige Vorbereitung für das wahre Model-Leben? Oder doch nur Inszenierungen gegen die Langeweile?
Hatte man in der ersten Staffel noch das Gefühl, man würde bei ProSieben wenigstens den Anschein erwecken wollen, nach einem Topmodel zu suchen, geht es in Staffel vier scheinbar nur noch um Zickereien und die Platzierung von Heidis Werbepartnern. Nicht einmal den Vertrag mit der internationalen Top-Modelagentur IMG erhält die Gewinnerin in diesem Jahr. Stattdessen wird "Germany's next Topmodel" in Zukunft von der Heidi Klum GmbH betreut, deren Manager Günther Klum - der Vater von Heidi Klum - ist. Das mit Als-Wie-Schwäche getarnte nette Mädchen aus Bergisch-Gladbach ist halt durch und durch Geschäftsfrau mit Kalkül. Während der drei Monate "Germany's next Topmodel" erhöht sie durch die phänomenale Medien-Präsenz ihren Marktwert. Laut US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" verdiente sie im vergangenen Jahr 10,3 Millionen Euro. Ob Fast-Food, Autos oder Haarspray - alles, wofür "The German Frohnatur" wirbt, bekommt auch in der TV-Sendung stets genügend Aufmerksamkeit. Fast doppelt so viele Frauen wie Männer schauen Woche für Woche das Castingformat.
Für Damenrasierer, Schokolade oder Make-up gibt es kaum ein attraktiveres Umfeld, um zu werben. Laut der Studie eines Instituts für Markencontrolling hat sich die Modellbekanntheit des Autos Suzuki Splash - offizieller Partner von GNTM - in der jungen weiblichen Zielgruppe von 20 bis 35 Jahren innerhalb der letzten drei Monate nahezu verdoppelt. Für Klums Auftraggeber ist "Germany's next Topmodel" ein gefundenes Fressen: Im Fall McDonalds werden Verträge des Topmodels direkt an ihre Elevinnen weitergereicht. In der letzten Sendung drehten die Finalistinnen Marie Nasemann, Mandy Bork und Sara Nuru mit Heidi Klum einen TV-Spot für die Fast-Food-Kette. Schon in der vergangenen Staffel wurde lang und breit ein Werbedreh für McDonalds begleitet und auch Barbara Meier, Gewinnerin der zweiten Staffel durfte in einem Werbespot beherzt in einen Burger beißen. Mehr Aufmerksamkeit geht kaum.
Am wenigsten profitieren von "Germany's next Topmodel" die Kandidatinnen selbst. Um die in der Sendung permanent als "Mädchen" titulierten Model-Anwärterinnen wird es nach dem Finale schnell still. Eine Lena Gercke, Barbara Meier und Jenny Hof sind eben keine Claudia, Naomi oder Cindy. Ein paar Model-Jobs sind zwar drin, eigentlich geht's bei GNTM jedoch nur um die Rekrutierung für den sendereigenen Laufstall. Statt in der glitzernden Modelwelt landen sie in der ProSieben-Starforce und werden im sendereigenen Programm verwurstet. Für das Posen in Sender-Trailern oder im ProSieben-Fanshop reicht's. Für namhafte Modemarken sind sie verbraucht. Den "Topmodel"-Stempel werden sie nicht los. Welches Luxuslabel will sich schon mit einem Castingprodukt schmücken, das sich durch ein Kakerlaken-Shooting qualifizierte?
Wer heute Abend im Finale letztendlich das Krönchen überreicht bekommt, ist nebensächlich. Die eigentliche Gewinnerin ist und bleibt seit vier Staffeln Miss Selbstinszenierung Heidi Klum. Noch ist es nicht offiziell, aber dass es eine fünfte Staffel "Germany's next Topmodel" geben wird, ist so vorhersehbar wie der ausbleibene Durchbruch in die Liga der Topmodels der heutigen Gewinnerin. So lange nichts gefunden wird, kann immer weiter gesucht werden.
Das Finale von "Germany's next Topmodel" läuft heute Abend um 20.15 Uhr auf ProSieben