Die Show war noch keine Viertelstunde alt, als Heidi Klum zum ersten Mal die geskriptete Zone ihrer Moderation verließ. Panik im Regieraum. Die sechs Finalistinnen und Finalisten hatten gerade ihren ersten Walk absolviert. Die Frauen trugen Antennen auf dem Kopf und irrten über die Bühne wie E-Loks auf der Suche nach ihrer Stromleitung. Da legte Klum plötzlich Ibo, dem späteren Sieger, die Hand auf den Rücken. Nicht sehr lang. „Sag mal“, bergisch-gladbachte es aus ihr heraus, „du bist ja ganz schön schwitzig.“ Uff.
Spontan sein hat bei der GNTM-Chefin immer irgendwie mit Körperflüssigkeiten zu tun. Das ist schon seit 21 Finalshows so. Jahrzehntelang klagte sie über zu wenig Speichel. Jetzt ist offenbar zu viel Schweiß ihr Thema.
Gegen ihren Langzeit-Buddy Thomas Hajo, den sie jedes Jahr aus seinem Loft in New York zerrt, damit er für sie den Creative Director spielt, stichelte sie: „Ich versteh gar nicht, warum du so schwitzt. Godfrey hat keine einzige Schweißperle auf der Stirn.“ Gebracht hatte das Godfrey am Ende nichts: Er wurde nur Zweiter.
Ein Hauch von Oscars beim GNTM-Finale
Eigentlich war das Finale dieses Mal safe konzipiert. Nicht live, sondern schon vor Wochen im altehrwürdigen Los Angeles Theatre aufgezeichnet, hätte man in der Postproduktion alle Teleprompter-verzweifelt-gesucht-Momente der Gastgeberin rausschmeißen können. Aber es kam anders – also so wie immer. Wie heillos muss das Rohmaterial gewesen sein, wenn das das Beste war, was es daraus zu montieren gab?
Im Grunde war der ganze Glamour der Show schon mit dem Intro verschossen. Auftritt Sharon Stone. Zu smoothen Jazzklängen, in einem beigen Mantel und mit einer eleganten Beanie auf dem Kopf, betrat die 68-jährige Schauspielerin den Saal und begrüßte das Publikum mit: „Welcome to Hollywood“.
Ein Hauch Academy Awards umwehte die Szenerie. Das war cool, das hatte Klasse, das machte Bock auf den Abend. Bis Heidi Klum erschien, und die Inszenierung für eine Sekunde den Schockgedanken ins Gehirn injizierte: Jetzt singt sie gleich. Tat sie nicht, puh, danke dafür.
An den Gesichtszügen von Sharon Stone, die immer wieder wie einzufrieren schienen, ließ sich gut ablesen, wie das klassische Hollywood den ganzen Model-Zirkus so fand. Aber Stone, ganz Star alter Schule, beantwortete höflich auch die flachste Smalltalk-Frage der Klum, die sich daraus ihre flachen Überleitungen strickte: „Ja, auch unsere Models müssen immer in neue Rollen schlüpfen …“ Schnitt, nächster Walk.
Später fragte Klum allen Ernstes Nicole Scherzinger, nachdem die eine sehr, sehr lange Ballade geschmettert hatte: „Wie kommen aus einem so schlanken Körper so große Töne raus?“
Ein Designer sucht das Weite
Irgendwann fehlte auf der Couch einer der Caten-Zwillinge, Gründer des Luxuslabels Dsquared2, die offiziell als Juroren amtierten und eine neue Kollektion präsentierten. „Wo iss ‘n der?“, schnodderte Klum den Bruder an. Antwort: Toilette. „Wann kommt ‘n der wieder?“ Antwort: Keine Ahnung.
Er blieb sehr, sehr lange weg. Waren es Bohnen? War es Verzweiflung? Oder hatte er sich in der Garderobe noch panisch neues Deo unter die Achseln gerollt, aus Furcht vor einem scharfen Spruch der Gastgeberin?
Dass Ibo und Aurélie das Rennen machen würden, war durch den Abo-Ausgaben-Fail von Harper's Bazaar ja schon vorher durchgesickert. Bei den Männern, die sich in recht spektakulären Stunt-Shootings beweisen mussten, hätte es am Ende auch Godfrey werden können. Bei den Frauen war Aurélie ihren Konkurrentinnen Anna und Daphne in allen Performances deutlich überlegen.
In der Runde der letzten Vier hielten Angehörige und Freunde eine Laudatio auf ihre jeweiligen Schützlinge. Da wurde naturgemäß viel geweint und geschnäuzt. Für Aurélie trat ihre um eine Minute ältere Zwillingsschwester an – mit der sehr schönen Einleitung: „Ich bin nicht gerne vor der Kamera und ich lese nicht gerne vor.“ Sie tat es mit Bravour und hat jetzt eine um 100.000 Euro reichere kleine Schwester.