Schon minimale Abweichungen von der Missionarsstellung galten als pervers, bevor Oswalt Kolle zum Chefaufklärer einer prüden Nation wurde. Heute reden wir über fast alles. Jetzt liefert Deutschlands größte Sexstudie auch noch einen unverstellten Blick in die Betten. Kolle macht sich trotzdem Sorgen. Von Johannes Gernert

Pornografie beeinflusst das Aussehen der Bikini-Zone© DPA
Man fragt danach nicht einfach wie nach der Vorliebe für einen bestimmten Schokoriegel. Mit Erdnüssen? Oder lieber Kokos? Es ist alles wesentlich komplizierter. Es ist ja Sex, es sind ja Stellungen beispielsweise. Doggystyle, Reiter oder Missionar. Blasen, Peitschen, Onanieren. Jakob Pastötter und seine Kollegen mussten sich etwas mehr Mühe geben, um herauszufinden, wie die Deutschen denn so lieben. Pastötter ist Sexualwissenschaftler. Für Pro Sieben hat er gemeinsam mit Kollegen die bisher größte Sexstudie Deutschlands betreut. Knapp 56.000 Menschen haben im Internet seinen Fragebogen beantwortet. Ein komplexes Geflecht aus 200 Punkten. Er hat dabei oft um die Ecke gefragt - wenn es um Pornos ging etwa.
Besonders für viele junge Leute gehören Sexclips seit Youporn und Co. zum Alltag. Pastötter wollte nun herausfinden, wie das Pornoschauen sie beeinflusst. Darüber weiß man zurzeit fast nichts. Eine Auswirkung, die er festgestellt hat: Die Schamhaare gehen verloren. Wer regelmäßig auf den Rotlichtseiten des Internets unterwegs ist, rasiert sich eher. Bei Frauen, vor allem den jungen, sei die Intimrasur noch deutlich stärker ausgeprägt als bei Männern. Er wollte noch mehr darüber wissen, wie Pornos die Vorstellung vom Sex formen. Statt sich einfach zu erkundigen, ob die Leute gern Genitalien hätten wie Pornostars, hat er sie gefragt, ob sie denken, dass ihre eigenen Partner sich wünschen würden, dass sie welche hätten. Erstaunlich viele tun das tatsächlich. Pastötter schließt daraus, dass sie sich von den Pornos unter Druck gesetzt fühlen, dass die Bilder in die Beziehungen eindringen.
Pornografie sei zu einer Art Leitkultur geworden. "Die Leute sind überzeugt davon, dass das echte Sexualität ist", sagt er. Viele würden als Wunschtraum angeben, selbst Pornos zu drehen. "Die wissen nicht, dass das harte Arbeit ist." Der Sex wäre besser, wenn diese Bilder nicht nachgeturnt würden, sagt er. Aber die Befragten orientieren sich nicht immer an den Idealen des Sexualwissenschaftlers. Auch die Frauen haben den Leistungsgedanken verinnerlicht. Sie sind zufriedener, je mehr Orgasmen sie bei einem Mann bekommen. "Der Mensch ist offenbar quantitativer angelegt, als man wahrhaben will", folgert der Forscher und seufzt.
Pastötter, ein kleiner Mann, runde Brille, gerader Rücken, ist nicht der einzige Wissenschaftler, den Pro Sieben für die Präsentation des "Sexreports 2008" angeheuert hat. In den fünf Teilen der Aufklärungs-Serie, die am 20. September um 22:15 Uhr startet, widmet sich eine ganze Armada von Evolutionspsychologen, Endokrinologen und Neurobiologen der Erkundung der Sexualität. Mit der Biochemie etwa lässt sich erklären, warum Pornos süchtig machen wie Zigaretten, Alkohol und andere Drogen. Das Gehirn schüttet Dopamin aus. "Es entsteht ein Wohlfühlgefühl, das wir wieder und wieder haben möchten", klärt der Sexreport auf. Deshalb fürchtet Oswalt Kolle, Deutschlands Sexpapst und Pro Siebens Serien-Pate: "Wir steuern auf eine Masturbationsgesellschaft zu."
Die Porno-Flut mache die Gesellschaft zwar nicht kaputt, glaubt er, "aber es kann den Einzelnen kaputt machen." Nicht nur weil dopamingesteuerte Sexsüchtige sich am Rechner "immer stärkeren Tobak" besorgten und das Haus nicht mehr verließen, sondern auch weil 16 Jahre alte Mädchen sich zum 18. Geburtstag schon Schamlippenkorrekturen wünschen würden - und nicht nur meinen, dass der Freund es gern hätte, wenn sie pornomäßigere hätten.