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"Sexreport 2008": Sex, Quoten und Wissenschaft

Mehr als 2,5 Millionen Zuschauer sahen am Wochenende den ersten Teil der ProSieben-Doku-Reihe "Sexreport 2008". Im stern.de-Interview spricht der wissenschaftliche Leiter der zugehörigen Studie, Jakob Pastötter, über sexuelle Aktivitäten, durchschnittliche Deutsche und "Müllzahlen, die nichts aussagen".

Der "Sexreport 2008" will den Deutschen in die Schlafzimmer schauen

Der "Sexreport 2008" will den Deutschen in die Schlafzimmer schauen

Sex sells: ProSieben erreichte am Samstagabend mit dem ersten Teil seines "Sexreports 2008" einen Marktanteil von 18,9 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen (2,56 Millionen beim Gesamtpublikum). Im stern.de-Interview spricht Professor Jakob Pastötter über seine Studie und die Zusammenarbeit mit dem Privatsender.

Herr Pastötter, wir haben beim Sexreport 2008 von ProSieben gelernt: Ein Erwachsener hat heutzutage durchschnittlich 139 Mal im Jahr Sex, angeblich neun Mal mehr als Ende der 1960er. Sind wir sexuell aktiver geworden?

Das kann man so nicht sagen. Unsere Studie ist nicht vergleichend angelegt. Das liegt vor allem daran, dass uns schlicht keine zuverlässigen Zahlen zur Sexualität 1968 vorliegen. Auch das, was in anderen Studien dargelegt wird, ist statistisch häufig nicht sehr sauber. Aber auch bei den 139 Mal muss man vorsichtig sein, denn "den" deutschen Erwachsenen gibt es natürlich überhaupt nicht.

Laut Studie soll es nur 1,8 Prozent Homosexuelle geben. Bisher geht der renommierte Kinsey-Report aus den USA von rund zehn Prozent der Bevölkerung aus.

Ja, das ist in der Tat äußerst merkwürdig. Eine Erklärung wäre, dass sich viele Schwule in Deutschland im Gegensatz zu den USA nicht als solche begreifen, sondern als bisexuell ansehen. Zudem wurde bei Kinsey gefragt, wer überhaupt einmal einen gleichgeschlechtlichen Orgasmus erlebt hat. Das sind natürlich deutlich mehr, als es Homosexuelle gibt.

Die Studie ist mit insgesamt 230 Fragen und 56.000 Befragten sehr umfangreich angelegt. Gab es denn auch detaillierte Fragen zu sexuellen Orientierungen, wie SM oder anderen Spielarten?

Insgesamt haben rund acht Prozent aller Männer und fast jede zehnte Frau SM ausprobiert, um das Sexleben attraktiver zu machen. Ich hätte auch gerne die Chance genutzt und gefragt, welcher Spielarten bis zu welchem Grad ausgelebt werden und wie es zu einer Ausprägung kam. Vielleicht gibt es mal eine neue Studie, dann machen wir die anders.

Das klingt ja fast so, als ob das große wissenschaftliche Potenzial der Studie ein bisschen verschenkt wurde?

ProSieben hatte Befürchtungen, die Befragten mit detaillierteren Fragen zu verschrecken (lacht). Das Problem ist, dass der Sender natürlich den so genannten durchschnittlichen Deutschen im Blick haben muss. In den Medien nennt man das wohl Zielgruppenorientierung. Ich hätte tatsächlich wahnsinnig gerne mehr Fragen zu den Themen Fetischismus, SM oder Sex im Alter gestellt. Leider wurden Fragen, die nicht in dieses Konzept passten, vom Sender nicht so gern gesehen. Zudem war der Fragebogen nach gängiger kommunikationswissenschaftlicher Meinung sowieso schon zu lang. Wir mussten uns beschränken.

Gab es auch Widerstände gegen Fragen zu Schwulen oder Lesben.

Nein, das war überhaupt kein Problem. Homosexualität ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, gesellschaftlich akzeptiert. Äußerst bedauerlich war jedoch, dass Fragen zum Sexualverhalten der unterschiedlichen Ethnien in Deutschland nicht zulässig waren.

Warum nicht?

Wir mussten sie aufgrund Befürchtungen des Senders, damit einem latenten Rassismus Vorschub zu leisten, herausnehmen. Dabei gibt es allein in der deutschen Vergangenheit so viele spannende Fakten zum sexuellen Umgang mit anderen Nationalitäten: Ein Phänomen war beispielsweise im Deutschland der 50er Jahre das berühmte "Neger-Schwänze-Schauen". Neugierige junge Frauen bezahlten in den Dörfern rund um amerikanische Armeestützpunkte farbige GI's fürs Entblößen der Geschlechtsteile. Dazu passt auch, dass gerade in Deutschland schwarzgefärbte Kondome immer noch sehr beliebt sind.

Was hätten Sie wissenschaftlich anders gemacht?

Ich hätte mir mehr in die Tiefe gehende Fragen gewünscht und gerne mehr Zeit gehabt. Wie wahrscheinlich jeder Wissenschaftler... Eine tiefgehende Studie braucht zwei bis drei Jahre Zeit. Meine Kollegen von der City University London und ich hatte ein Jahr. Wir konnten das nur schaffen, da wir bereits an einem entsprechenden Forschungsantrag saßen. Es ist ein äußerst komplexes Unterfangen, einen Fragen-Katalog zu konzipieren. Manche Fragen mussten zudem hereingenommen werden, weil die Programm-Verantwortlichen argumentierten: "Wir brauchen irgendeine Zahl für unsere Fernsehreihe." Da blieb mir nur übrig zu sagen: "Wenn die Zeit fehlt, etwas wissenschaftlich fundiert anzugehen, kriegen sie Müllzahlen, die nichts aussagen." Wir Wissenschaftler mussten uns damit abfinden - ProSieben hat die Studie schließlich finanziert. Etwas das öffentlich-rechtliche Sender mit einem Bildungsauftrag und Milliarden an Gebühren jedoch Jahrzehnte verschlafen haben.

Interview: Christopher John Peter

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