"Sexreport 2008" Schamhaarverlust durch Pornokonsum


Schon minimale Abweichungen von der Missionarsstellung galten als pervers, bevor Oswalt Kolle zum Chefaufklärer einer prüden Nation wurde. Heute reden wir über fast alles. Jetzt liefert Deutschlands größte Sexstudie auch noch einen unverstellten Blick in die Betten. Kolle macht sich trotzdem Sorgen.
Von Johannes Gernert

Man fragt danach nicht einfach wie nach der Vorliebe für einen bestimmten Schokoriegel. Mit Erdnüssen? Oder lieber Kokos? Es ist alles wesentlich komplizierter. Es ist ja Sex, es sind ja Stellungen beispielsweise. Doggystyle, Reiter oder Missionar. Blasen, Peitschen, Onanieren. Jakob Pastötter und seine Kollegen mussten sich etwas mehr Mühe geben, um herauszufinden, wie die Deutschen denn so lieben. Pastötter ist Sexualwissenschaftler. Für Pro Sieben hat er gemeinsam mit Kollegen die bisher größte Sexstudie Deutschlands betreut. Knapp 56.000 Menschen haben im Internet seinen Fragebogen beantwortet. Ein komplexes Geflecht aus 200 Punkten. Er hat dabei oft um die Ecke gefragt - wenn es um Pornos ging etwa.

Besonders für viele junge Leute gehören Sexclips seit Youporn und Co. zum Alltag. Pastötter wollte nun herausfinden, wie das Pornoschauen sie beeinflusst. Darüber weiß man zurzeit fast nichts. Eine Auswirkung, die er festgestellt hat: Die Schamhaare gehen verloren. Wer regelmäßig auf den Rotlichtseiten des Internets unterwegs ist, rasiert sich eher. Bei Frauen, vor allem den jungen, sei die Intimrasur noch deutlich stärker ausgeprägt als bei Männern. Er wollte noch mehr darüber wissen, wie Pornos die Vorstellung vom Sex formen. Statt sich einfach zu erkundigen, ob die Leute gern Genitalien hätten wie Pornostars, hat er sie gefragt, ob sie denken, dass ihre eigenen Partner sich wünschen würden, dass sie welche hätten. Erstaunlich viele tun das tatsächlich. Pastötter schließt daraus, dass sie sich von den Pornos unter Druck gesetzt fühlen, dass die Bilder in die Beziehungen eindringen.

Pornodreh als Wunschtraum

Pornografie sei zu einer Art Leitkultur geworden. "Die Leute sind überzeugt davon, dass das echte Sexualität ist", sagt er. Viele würden als Wunschtraum angeben, selbst Pornos zu drehen. "Die wissen nicht, dass das harte Arbeit ist." Der Sex wäre besser, wenn diese Bilder nicht nachgeturnt würden, sagt er. Aber die Befragten orientieren sich nicht immer an den Idealen des Sexualwissenschaftlers. Auch die Frauen haben den Leistungsgedanken verinnerlicht. Sie sind zufriedener, je mehr Orgasmen sie bei einem Mann bekommen. "Der Mensch ist offenbar quantitativer angelegt, als man wahrhaben will", folgert der Forscher und seufzt.

Pastötter, ein kleiner Mann, runde Brille, gerader Rücken, ist nicht der einzige Wissenschaftler, den Pro Sieben für die Präsentation des "Sexreports 2008" angeheuert hat. In den fünf Teilen der Aufklärungs-Serie, die am 20. September um 22:15 Uhr startet, widmet sich eine ganze Armada von Evolutionspsychologen, Endokrinologen und Neurobiologen der Erkundung der Sexualität. Mit der Biochemie etwa lässt sich erklären, warum Pornos süchtig machen wie Zigaretten, Alkohol und andere Drogen. Das Gehirn schüttet Dopamin aus. "Es entsteht ein Wohlfühlgefühl, das wir wieder und wieder haben möchten", klärt der Sexreport auf. Deshalb fürchtet Oswalt Kolle, Deutschlands Sexpapst und Pro Siebens Serien-Pate: "Wir steuern auf eine Masturbationsgesellschaft zu."

49,1 Prozent hatten Analsex

Die Porno-Flut mache die Gesellschaft zwar nicht kaputt, glaubt er, "aber es kann den Einzelnen kaputt machen." Nicht nur weil dopamingesteuerte Sexsüchtige sich am Rechner "immer stärkeren Tobak" besorgten und das Haus nicht mehr verließen, sondern auch weil 16 Jahre alte Mädchen sich zum 18. Geburtstag schon Schamlippenkorrekturen wünschen würden - und nicht nur meinen, dass der Freund es gern hätte, wenn sie pornomäßigere hätten.

Es ist 40 Jahre her, dass Kolle mit seinem "Wunder der Liebe" Deutschlands Schlafzimmer zu beleuchten und belüften begann. "Schauen wir zunächst auf die Geschlechtsorgane", forderte er in einem seiner Aufklärungsfilme. Dafür dass er nackte Menschen und erigierte Penisse zeigte, wurde er heftig angefeindet. Auf seinen Pressekonferenzen, erinnert er sich, trauten sich die Journalisten keine Fragen zu stellen. Er musste selbst Leute ins Publikum setzen, die das erledigten. Es hat sich seitdem einiges getan. Beim Pro-Sieben-Sexreport laufen nun ungestört nackte Menschen (intimrasisert!) durch die Stadt oder kopulieren in Schaufenstern. Zu TV-Illustrationszwecken und damit währenddessen einige Fakten präsentiert werden können. 139 Mal Sex hat der Durchschnittsdeutsche im Jahr. Ein Viertelstunde, finden er und sie, sollte es schon dauern. 30 Prozent der Männer onanieren täglich. Die Stellungsrangliste geht so: Doggystyle, Reiter, Missionar, Oralsex, Löffelchen, Sex im Sitzen. 49,1 Prozent hatten schon einmal Analsex. Noch Fragen?

Den ganzen Tag ein unnützer Ständer

Vielleicht: Fühlt sich Sex allein oder zu zweit besser an? Wenn man den Prolaktin-Gehalt im Blut betrachtet, der fürs Wohlbefinden nach dem Orgasmus sorgt, eindeutig: gemeinsam. Ganz anders als zu Kolles Anfangszeiten können wir in unseren Beziehungen ja mittlerweile auch über fast alles reden. Zumindest behaupten das die meisten. Und die blonde Kauffrau, der Game Designer und die gepiercte Artzhelferin sprechen nicht nur mit ihren Partnern darüber, sondern setzen sich gleich vor die Pro-Sieben-Kamera, lassen sich an einen Lügendetektor anschließen und berichten von ihren Vorlieben. "Ficken, Blasen, Arschlecken" konstatiert der schwule Designer knapp. Peitsche, Handschellen, Vibrator, Krankenschwesterkostüm, zählt die Kauffrau ihr Inventar auf. "Du bist zu eng", habe ihr Ex-Freund gesagt. "Tut mir leid, ich kann mich nicht dehnen", sei ihre Antwort gewesen, berichtet Verena, die Arzthelferin, die sich gern selbst befriedigt: "Zack, Bumm, Kreislauf hoch, raus." Und ein grauhaariger, fingerflinker Maler fasst sein Viagra-Erlebnis zusammen: "Man hat 'n ganzen Tag 'n Ständer, aber der ist ja eigentlich zu nix nütze."

Wir sind also ein bisschen weiter, reden offener - auch wenn Pro Sieben durchaus einige Mühe hatte, die Leute von nebenan zum Sex-Talk vor die Kamera zu kriegen. "Sind wir wirklich so frei", fragt sich der stellvertretende Pro-Sieben-Chef. "Es darf in Teilen bezweifelt werden." Reden über die eigene Sexualität scheint ihm immer noch ein Tabu zu sein.

Beim Sex versagen ARD und ZDF

Früher wurde im Dunkeln drübergerutscht, recht freudlos. Heute dient der Porno als Bedienungsanleitung. Ambitioniert schraubt man aneinander herum. Sind aber doch nur Märchen, die Pornos! So etwa würde Oswalt Kolle das zusammenfassen. Er war kürzlich auf einer Konferenz von Frauenärzten und dachte wieder einmal, dass einiges zu tun bleibt. Junge Mädchen würden sich die Pille teilen, haben die Gynäkologen erzählt, und oft auf Kondome verzichten. Holen sich Pilze, werden unfruchtbar. Sozialarbeiter erzählen Schauergeschichten von vaginalen Cola-Spülungen als gern praktizierter Verhütungsmethode.

Da hebt Kolle, bald 80 Jahre alt, tadelnd den Finger. ARD und ZDF müsse er eins vorwerfen: "Ihre öffentlich-rechtliche Aufgabe nehmen sie beim Thema Sexualität aus Feigheit, Scham oder warum auch immer nicht wahr." Er sei dankbar, dass Pro Sieben sich kümmert. Da ist die Aufklärungsquote vermutlich auch etwas höher. Zielgruppe: 14 bis 49 Jahre. Kein "Wolke-9"-Publikum.


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