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Liebe Light: Warum Affären auch schön sein können

Eine Affäre bedeutet nicht mehr nur heimlicher Sex auf dem Schreibtisch. Sondern, dass man von einem Menschen unverbindlich in den Schlaf gelöffelt wird. Eine Liebeserklärung an die Bisschen-Beziehung.

Darja Keller

An der U-Bahn-Station riecht es nach Zimt, und Mateo nimmt mich bei der Hand und zieht mich hinaus zur Elbe, er hat so eine Art, mich bei der Hand zu nehmen, und ich weiß nicht, ob ich es heiß finde oder ob es mich stört, wie er mich so selbstverständlich mitzieht, aber dann denke ich nicht mehr darüber nach, weil wir anfangen zu knutschen und die Fähre verpassen, die wir eigentlich gerade nehmen wollten. Die Sonne ist eh schon aufgegangen, wir sind zu spät angekommen am Hafen, es ist bewölkt; und natürlich ist es kalt, es ist immer so kalt hier, findet auch Mateo, und wir spazieren noch ein wenig, und dann nehmen wir die U3 und fahren zu ihm nach Hause. 

Vorher waren wir noch in diesem Club, in den wir viel zu oft gingen, ich war mit Freunden da und setzte mich irgendwann gegen vier neben Mateo aufs Sofa in der Ecke. Die Luft ist blau und dunstig, ich habe zu viel geraucht und zu viel getrunken, meine Augen tun weh. Wer war das da eben mit dir?, fragt Mateo. Tim heißt er, sage ich. Und, gehst du mit ihm nach Hause?, fragt er. Nein, antworte ich und will mir eine Zigarette anzünden, habe aber kein Feuerzeug. Mateo sagt, er organisiere mir Feuer, wenn er auch eine Zigarette haben könne, und ich gebe ihm meine letzte. 

Mateo und ich hatten eine , mit typischen Voraussetzungen: Wir waren beide Austauschstudenten, wir lernten uns in seinem vorletzten Monat in Hamburg kennen, zu Hause in den USA hatte er eine Freundin. Aber wenn ich im Club mit irgendeinem Tim flirtete, war es ihm doch nicht ganz egal. 

Nach dem Ende meiner letzten Beziehung hatte ich zuerst Angst, nie mehr Sex zu haben. Nach dem einen oder anderen mittelmäßigen One-Night-Stand hatte ich größere Angst davor, nie mehr von jemandem in den Schlaf gelöffelt zu werden. Eine gute Affäre kann beide Bedürfnisse auf einmal stillen. Auf die Pärchen in meinem Umfeld bin ich inzwischen nicht mehr neidisch, dafür auf die Freunde, die sich zweimal wöchentlich casual mit jemandem treffen und sich den Rest der Woche voller Produktivität und ohne lästige Schmetterlinge im Bauch ihrem erfüllten, kreativen und selbstbestimmten Leben widmen. 

Da muss eine Midlife-Crisis dahinterstecken! 

Mein Freund Theo zum Beispiel: Er und Alexander lernten sich auf einer Party kennen. Alexander hat einen Freund in , eine offene Beziehung. Theo trifft Alexander alle paar Wochenenden, sie gehen zusammen essen, trinken Rotwein, sehen sich Filme an, schlafen miteinander. Theo räumt auf, bevor Alexander ihn besuchen kommt. Er ist aber auch nicht traurig, wenn sie sich ein paar Wochen nicht sehen. Wie Paare eine konventionelle Beziehung führen, folgt einem Skript: Man unternimmt Städtereisen, kocht füreinander, feiert miteinander, schläft miteinander und (in den meisten Fällen) mit niemand anderem mehr. 

Einer Affäre hingegen haftet ein großer Mythos an: Es sei unmöglich, wird einem gesagt, eine gute Affäre zu haben, ohne dass einer von beiden sich verliebt, ohne dass sich eine große Geschichte entwickelt und am Schluss beide leiden. Auch für Affären gibt es Skripts, nur werden die oft vorschnell von anderen beurteilt, und zwar immer mit Blick auf die romantische Liebe: In einer Friends-with-Benefits-Affäre können sich demnach zwei Menschen ihre Liebe nicht eingestehen; die verruchte, stürmische Affäre, bei der einer der beiden in einer monogamen Beziehung ist, lässt entweder auf eine Midlife-Crisis schließen oder auf die wahre Liebe; die Gelegenheitsaffäre, die man per Booty-Call nach Hause bestellt, wenn man schon im Nachtbus sitzt und am nächsten Tag nicht allein aufwachen will, ist ein Zeichen niedrigen Selbstbewusstseins. Dass wir uns mit englischen Begriffen behelfen müssen, um solche alternativen Beziehungen zu beschreiben, zeigt schon, dass sie bei uns immer noch ungewohnt sind.

Eine Affäre wird oft als Notlösung abgetan eine solche Nicht-Beziehung lebt man doch nur, wenn einer traditionellen Verbindung etwas im Weg steht oder wenn man sich zumindest irgendwie dafür rechtfertigen kann: Sie war nur für ein paar Monate in der Stadt, er hatte noch eine Freundin, ich war noch nicht über meine Ex hinweg. Eine Affäre scheint nur dann zulässig zu sein, wenn sie sich dann doch als die große Liebe herausstellt, die sich in eine richtige Beziehung wandelt. Wenn das nicht passiert, steht das Urteil schnell fest: Wer eine Affäre hat, will sich nur von seinen wahren Problemen ablenken. 

SOLLEN DIE FREUNDE DAVON WISSEN? 

In meinem Freundeskreis gab es immer wieder diese Nicht-Pärchen, von denen man wusste, dass sie am Ende des Abends zusammen nach Hause gehen würden. Sie saßen oft nebeneinander und hatten eine gewisse Selbstverständlichkeit darin, wie sie in der Jackentasche des anderen nach dem Wohnungsschlüssel suchten, ließen sich aber ansonsten nichts anmerken. Niemand von uns verlor in Anwesenheit der Beteiligten je ein Wort darüber einfach weil wir nicht wussten, wie. 

Es ist in Ordnung, ein Bedürfnis nach Nähe abseits der monogamen Zweierkiste auszuleben, und es bedeutet nicht, dass man damit etwas verdrängt. Vielmehr braucht es Mut: Wer eine Affäre eingeht, muss sich mit dem anderen das Skript erst ausdenken, muss klären, ob Übernachten vorgesehen ist, ob die Freunde davon wissen sollen. Zu Alexanders Geburtstag war Theo nicht eingeladen der Freund war gerade in der Stadt.

Wenn die Regeln geklärt sind, können Affären den besten Selbstzweck überhaupt haben: Sie können locker, sinnlich und schön sein während die Beteiligten ihre Hauptbeziehung weiterhin mit sich selbst führen. Das ist das Inspirierende an einer Affäre: Man genießt die gemeinsame Zeit genauso wie die eigenen Freiheiten. Theo hat mir einmal erzählt, wie er Alexander morgens um fünf aus einem Club abgeholt hat, sie waren beide ziemlich betrunken, dann gingen sie zusammen nach Hause. Genau darum möchte ich eine Affäre: Die Nacht gehört dir, und alles kann passieren aber wenn du in der grauen Winterdämmerung nach Hause gehst, hast du einen netten, vertrauten Menschen neben dir, der vielleicht bis zum Frühstück bleibt. Ich möchte mit jemandem schlafen, den oder die ich mag. Und ich will, dass die Person weiß, was mir gefällt bei einem One-Night-Stand unmöglich. Ich möchte die Person kennenlernen und Dinge mit ihr ausprobieren ich möchte aber nicht, dass ich mich bei alldem in diesem amourösen Taumelzustand befinde, in den ich immer gerate, wenn ich verliebt bin. 

Das ist unrealistisch? Die romantische Liebe doch auch. 

EIN BISSCHEN DRAMA GEHÖRT DAZU 

An dem Tag, an dem Mateo zurück in die flog, saß ich heulend und kettenrauchend auf meinem Balkon und trug das Cap, das er mir zum Abschied geschenkt hatte, obwohl es mir viel zu groß war. Am Ende war es doch nicht so einfach, entspannt zu bleiben. Und das ist wohl die Realität: Auch bei einer Affäre muss man ein klein wenig Drama in Kauf nehmen. Und dann dieses schöne Daughter-Zitat genießen: „Cause we both know I’ll never be your lover/I only bring the heat/Company under cover/Filling space in your sheets.“ Es ist dieses Ausbalancieren von „heat“ und „filling space“ , das Affären so schwierig und so aufregend macht. 

Bis ich meine vollkommene Affäre finde, versuche ich es eben mit nicht ganz so perfekten und denke an den Zimtgeruch am Hafen zurück und an die U3, in der Mateo und ich immer auf den hintersten Plätzen im Wagen saßen, denn von da aus konnten wir alle Leute beobachten. Uns aber konnte niemand sehen.


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