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Auf ein Glas mit… Katharina Nocun (Piratin)

Nach nur sechs Monaten im Amt hat die Piraten-Chefin nun in einem Blog-Beitrag ihren Rücktritt angekündigt: »Ich kann mir die Arbeit im Bundesvorstand unter den aktuellen Umständen leider gerade nicht mehr leisten«, so ihre Beweggründe. Im Wahlkampf 2013 hat NEON sie dort getroffen, wo Politiker – hoffentlich – offen reden: In der Kneipe.

Ich habe gerade mein drittes Bier heruntergestürzt, als ich endlich verstehe, was mir an Katharina Nocun so gut gefällt: Die Frau kriegt ihre Klappe nicht zu. Man könnte jetzt natürlich sagen, dass das nichts Besonderes ist. Nocun kandidiert für den Bundestag, sie ist die neue politische Geschäftsführerin der Piraten, und Politiker reden nun einmal viel. Aber Nocun hat auch den Mund offen, wenn sie nichts sagt, wenn sie zuhört oder in die Luft guckt oder in ihrem Milchkaffee rührt. Und so sieht die sehr nette, sehr hübsche, sehr nüchterne, sehr junge – 26 – Katharina Nocun immer etwas überrascht aus. Vielleicht fragt sie sich, wo der Kellner bleibt an diesem Abend im »Bottled« in Osnabrück. Oder sie ist erstaunt darüber, dass ich so verzweifelt versuche, sie vom Alkoholtrinken zu überzeugen, denn das ist ja der Witz dieser Rubrik. Vielleicht, das fände ich ja am besten, wundert sie sich über die Neuregelung der Bestandsdatenauskunft oder die Finanzkrise, über diese ganze merkwürdige Welt eben, die ein Politiker, so heißt es ja, erfassen, begreifen und beherrschen soll.

Ich finde sie hübsch – bin ich Brüderle?

Ich hoffe, ich klinge nicht rainerbrüderlehaft, wenn ich mich damit beschäftige, wie Katharina Nocun aussieht. Aber immerhin sind wir zu zweit zum Trinken verabredet (wenn ich das bisher auch allein tue). Es ist das Schicksal eines Politikers, dass sich die Öffentlichkeit nicht nur für seine Gedanken und Gesetzesinitiativen interessiert, sondern auch für den Charakter und den Look. Außerdem unterstelle ich den Piraten, dass sie sich gut überlegt haben, wen sie zum neuen Gesicht ihrer Partei machen. Nocun ist, ja klar, eine Frau. Sie trägt lange braune Haare, über deren Pflegestatus nicht einmal Heidi Klum meckern könnte. Ihre Haut sieht aus, als würde sie mehrmals am Tag natürlicheren Lichtquellen als den blauen Strahlen eines Computerdisplays ausgesetzt. Tatsächlich lebt Nocun mit ihrem Freund, dessen Eltern und ein paar anderen Menschen auf einem Bauernhof nahe Osnabrück, wo sie nun im Homeoffice die Piratenpartei organisiert. Nocun hat vermutlich in ihrem Leben noch keine Hassmail verschickt, tippt während unseres ganzen Dates kein einziges Mal auf ihrem Smartphone herum und sagt die ganze Zeit Bitte und Danke. Sie ist das Gegenteil des verwirrten, handyungeduldigen Trekkingsandalenträgers Johannes Ponader, ihres Vorgängers als Geschäftsführer der Piraten.

Vor etwas mehr als einem Jahr kam die Piratenpartei bei Umfragen zur Bundestagswahl auf zwölf Prozent. Mir gefiel das, weil die Piraten die Art, wie bei uns Politik gemacht wird, in Frage stellten: Kann man Politikern vertrauen, die zusammen mit Bankiers die Welt ruinieren? Sollte man Menschen über die Sicherheit unserer digitalen Daten entscheiden lassen, die nicht wissen, was ein soziales Netzwerk ist? Die Vertrauenskrise der traditionellen Politik war der Grund für den Erfolg der Piraten. Nach unzähligen Blamagen und Nazivergleichen stecken die Piraten jetzt selbst in der Krise. Und wenn die Nerdpartei überhaupt noch jemand retten kann, dann ist es der Antinerd Katharina Nocun.

Cuba Libre – ein revolutionärer Drink?

Die überlegt gerade, ob sie eine ganze, eine halbe oder gar keine Portion Pommes frites bestellen soll und wenn ja mit welcher Sauce. Bei den Getränken schwankt sie zwischen Weißweinschorle und einem Mojito, schließlich nimmt sie einen Cuba Libre. Ich auch. Ich trinke meinen sofort, um ein Beispiel zu geben, und frage: »Was macht eine Geschäftsführerin?« Nocun stellt ihren Cocktail ab, sie hat wohl nur ihre Lippen gegen das Glas gedrückt: »Meine Aufgabe als Geschäftsführerin ist es, nach innen und außen zu wirken. Nach innen müssen wir uns besser organisieren, also besser koordinieren, wer zu welchem Thema arbeitet. Dass wir manchmal einen chaotischen Eindruck hinterlassen haben, liegt auch daran, dass wir so schnell gewachsen sind. Nach außen müssen wir uns jetzt endlich wieder mit Themen darstellen.« Sie spricht diese Sätze langsam und deutlich wie in eine Fernsehkamera. Und dann fügt sie hinzu: »Genau kenne ich meinen Job auch noch nicht. Ich mache das ja erst seit ein paar Tagen. Es ist alles extrem aufregend.«

Nocun schaut auf mein Handy, das ich auf den Tisch gelegt habe. Es würde sogar im Seniorenheim einen Shitstorm auslösen, so alt und hässlich ist es. Anders als ich Waldorfschulkind ist Nocun mit Computern aufgewachsen. Der Vater ist IT-Projektmanager, die Mutter Datenbankadministratorin. Und politisch engagiert ist Nocun, seit sie im Jahr 2007 irgendwo im Internet einen Artikel über die Vorratsdatenspeicherung las. Bisher dachte ich, dass man sich als junger Mensch politisiert, um gegen Hunger in der Dritten Welt, Rassismus oder Atomkraftwerke zu kämpfen. Aber ich will hier nicht wie ein Opa klingen. Ich frage Nocun, ob sie sich vorstellen könne, dass irgendetwas auf der Welt noch langweiliger ist als Datenschutz. Nocun bleibt ruhig: »Alles, was das Leben eines Menschen ausmacht, wen er liebt, was er politisch denkt, vielleicht auch, welche Krankheiten er hat, ist in seinem Computer gespeichert, etwa in seinem E-Mail-Account. Ich will nicht, dass der Staat oder eine Privatfirma darin herumschnüffeln. Gerade bereiten wir eine Sammelbeschwerde gegen das Gesetz zur Bestandsdatenauskunft vor. Damit können die Polizei oder die Geheimdienste die Anbieter zwingen, Passwörter und Namen von Internetnutzern herauszugeben, sogar ohne konkreten Verdacht. Den Kampf dagegen findest du langweilig?«

Eine Machtprobe

Okay. Aber reicht das schon, um die Piratenpartei zu wählen? Katharina Nocun schaut mir tief in die Augen. Vielleicht ist das eine Machtprobe. Vielleicht will sie auch nur beweisen, dass sie kein schüchterner Nerd ist. Ich starre zurück und höre, wie Nocun sagt: »Wir kümmern uns nicht nur um Internetthemen.« Nocun findet die Frage zu privat, mit wie vielen Leuten genau sie in ihrer Landkommune wohnt, und sagt mir erst nach langem Zögern, dass das letzte Buch, das sie gelesen hat, »Fahrenheit 451« sei. Sie hat ihre Bachelorarbeit über Liquid Democracy geschrieben, die Note war nicht so gut, mehr will sie nicht sagen. Wirklich transparent, um mal ein Piratenlieblingswort zu verwenden, ist sie also nicht.

Das Cuba-Libre-Glas ist immer noch halb voll, Nocun will nicht die Kontrolle verlieren. Wir sind in einer Studentenkneipe, aber die Geschäftsführerin der jungen, verrückten Piratenpartei verhält sich wie der Bundespräsident in einer Pressekonferenz. Also gut, hier meine Journalistenfragen. »Was ist die Position der Piraten zur Finanzkrise?« – »Griechenland braucht einen Schuldenschnitt. Die EU hat auch ein krasses Demokratiedefizit, das muss behoben werden« – »Pyrotechnik im Stadion legalisieren?« – »Sollte unter bestimmten Umständen möglich sein. Fans, Vereinsvertreter und Polizei müssen endlich wieder an einen Tisch.« – »NATO-Einsatz in Syrien?« Nocun zögert. Jetzt habe ich sie! Nee, doch nicht: »Das ist eine Gewissensfrage, die jedem Parlamentarier selbst überlassen werden sollte.«

Ich kann an diesem Abend in Osnabrück Katharina Nocun dabei zusehen, wie sie lernt, sich wie eine Politikerin zu verhalten. Manchmal wirft sie beide Hände nach oben, wie man das von Bundestagsreden kennt. Ab und zu verfällt sie auch in einen etwas leiernden, klagenden Ton, wie ihn aus einem geheimnisvollen Grund vor allem gesellschaftskritische Frauen anschlagen (Claudia Roth, Margot Käßmann). Das nervt bei Nocun aber nicht so, weil sie im nächsten Moment aus der Rolle fällt. Zum Beispiel verdreht sie ein ganz bisschen die Augen, wenn sie nicht weiß, wie sie den Satz beenden soll, den sie gerade begonnen hat, und lächelt dann stolz, wenn sie doch zum Punkt gekommen ist.

Der Laptop als Wahlurne

Die Piraten haben den Versuch gewagt, ganz anders über Politik zu reden, sie gaben freundlich lächelnd zu, keine Ahnung von der Schuldenhöhe Berlins zu haben. Als Wähler konnte man sich gut mit ihnen identifizieren, weil man ja selbst auch Wissenslücken hat, weil man den »Tagesschau«-Politikern misstraut, die vorgeben, die Zukunft zu kennen und im Griff zu haben. Nocuns Vorgänger Johannes Ponader stand für diese authentische Amateurhaltung. Wenn wir unseren Berufspolitikern nicht mehr vertrauen können, dann müssen sich einfach alle an jeder politischen Entscheidung beteiligen, sagten die Piraten, dann muss sich jeder über alles informieren, dann muss jeder Laptop eine Wahlurne sein.

Nocun will die Partei professionalisieren. Mit ihrer Mischung aus Naivität und Routine, offenem Mund und Standardsätzen steht sie irgendwo zwischen Ponader und einem typischen Geschäftsführer oder Generalsekretär wie, sagen wir, Andrea Nahles von der SPD oder Patrick Döring von der FDP. Was hat sie mit ihrer Partei vor? Werden die Piraten zu so etwas wie den Grünen mit Internetanschluss? Wenn nicht, zu was dann? Macht man sich als Amateurpolitiker lächerlich? Treffen ganz normale Menschen bessere Entscheidungen als Expertenpolitiker? Sind die basisdemokratischen Träume nicht naiv?

Meine großen Fragen beantwortet Katharina Nocun nicht mehr. Um Viertel nach neun ist der Cuba Libre ausgetrunken. Nocun muss weg. Sie lässt sich noch heute Nacht nach Kiel fahren, in den Wahlkampf, in die große Politik, und ich weiß nicht, ob ich ihr wünschen soll, dass sie schnell dort ankommt.

Alle Artikel der Reihe »Auf ein Glas mit…«

Dieser Text ist in der NEON-Ausgabe vom Juli 2013 erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben ab September 2013 gibt es außerdem auch digital in der NEON-App.

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