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Wer bin ich ohne Haare? Unsere Autorin trägt jetzt Glatze

Eines Tages beschließt unsere Autorin, sich die Haare komplett abschneiden zu lassen. Für sie ist es ein Akt der Selbstbestimmung. Aber Verwandte und Fremde begegnen ihr plötzlich, als sei sie ein anderer Mensch. Prägt die Frisur am Ende doch die Identität einer Frau?

Von Nicole Opitz

Schnipp, Schnapp, Haare ab

Schnipp, Schnapp, Haare ab

„Bist du dir sicher?“

„Ja. “

„Okay, dann geht’s jetzt los.“

Ich schließe die Augen. Vor meinen Wimpern beginnt es zu brummen, kühles legt sich auf meine rechte Schläfe, ich spüre etwas zu Boden fallen, viel deutlicher, schwerer als gedacht, dann einen Windzug. Tatsächlich: Ich spüre die Luft des Föhns vom Platz neben mir direkt an der Kopfhaut. Zwölf Rasierrunden, zehn Minuten später, und meine brustlangen Haare sind Vergangenheit. Ich habe eine Glatze. Acht Euro verlangt die Friseurin im Hauptbahnhof dafür, dass ich aussehe wie ein anderer Mensch. Als ich den Salon verlasse, frage ich mich: Wird sich mein Leben jetzt verändern? Ich habe Bedenken.

Meinen Freunden wird es egal sein, wie ich aussehe. Oder?

Es klingt theatralisch, ich weiß. Die Person, die den Friseurladen verlässt, ist schließlich keine andere. Und den Leuten auf der Straße sollte es doch wurscht sein, dass ich meine Haare jetzt kürzer trage als die meisten Jungs. Meinen Freunden, meiner Familie, meinen Mitbewohnern wird es sowieso egal sein, wie ich aussehe, denke ich. Oder? Die kennen mich, die mögen mich. Sie wissen, dass es mir in einigen Dingen ums Prinzip geht. Ich möchte mir nicht vorschreiben lassen, wie ich mich zu kleiden, zu schminken oder zu frisieren habe. So trug ich schon als einzige Schülerin zur Abi-Feier eine Hose. Für mich ist dieser Enthaarungsentschluss deshalb auch ein Akt der Selbstbestimmung. Nur: Eine Frisur lässt sich eben nicht so schnell wechseln wie eine Jeans. Es gibt kein Zurück. Als ich vor meinem Mitbewohner stehe und die Mütze vom Kopf nehme, bin ich nervös. Er schaut überrascht, aber nicht abgeschreckt. „Du hast eine tolle Kopfform, das wusste ich gar nicht“ , sagt er. Ein ganz neues Kompliment. Ich selbst fremdle noch mit dem Kahlschlag, fühle mich nackt. Und beginne, Ohrringe zu tragen, was ich vorher nur selten getan habe. Den ersten richtigen Downer gibt es, als ich meinen ehemaligen Chef treffe. „Hast du das absichtlich gemacht?“ Er lacht, zuckt mit den Schultern: „Muss man ja fragen bei so was. “ Eine enge Verwandte sagt: „Jetzt auch das noch! Hast du Krebs?“ Später entschuldigt sie sich. So was. Krebs. Egal wie, meine neue Frisur bleibt nie unkommentiert.

Der Kahlschlag als finaler Ausdruck der Verwirrtheit

Es ist nicht revolutionär, sich als Frau eine Glatze zu schneiden. Natalie Portman tat es vor elf Jahren für ihre Rolle in „V wie Vendetta“ . Vor ihr sorgte Sinéad O’Connor 1987 wegen ihres Kahlschlags für Aufmerksamkeit. Und noch einmal 20 Jahre früher das Model Pat Evans. Selten allerdings treten Frauen mit Glatze kommentarlos auf. Meist haben sie Krebs oder eine andere schwere Krankheit. Glatze ist im Pop die passivste Frisur von allen; sie passiert einem. Und wenn sich doch mal eine Frau selbst rasiert, dann nur, um das Schlimme vorwegzunehmen. Wie Ella. Ella ist eine Barbie mit Glatze, die 2012 entworfen wurde, um kleinen Mädchen beizustehen, die wegen einer Krankheit ihre Haare verlieren. Ihre erste Auflage umfasste sechs Figuren. Ella, Ella, Ella, Ella, Ella und Ella. Das war’s.

Kaufen konnte man die Nischen-Barbie nicht im Handel, sondern nur über Wohltätigkeitsverbände. In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich damit ein Bild gefestigt: Als Frau ohne Haare ist man zwar vielleicht noch schön, aber eben auch krank. Und als Statement ist die Glatze schwierig, spätestens seit Britney Spears bei ihrer Durchdrehsause im Frühjahr 2007 beschloss, sich vor den Augen der Weltpresse den Schädel zu rasieren. Der Kahlschlag wurde als finaler Ausdruck ihrer Verwirrtheit gedeutet, als endgültige Radikalisierung einer Irren. Sie habe die Kontrolle über ihr Leben verloren, urteilten andere.

Plötzlich fühlen sich Frauen von mir angeflirtet

Wer bin ich ohne Haare?

Wer bin ich ohne Haare?

Immerhin: Mit meiner neuen Frisur werde ich weniger auf mein Äußeres reduziert. Man erklärt mir seltener Dinge. Ich werde öfter gesiezt, auch von Gleichaltrigen. Das ist komisch. Als sei mein Leben ein Computerspiel und ich hätte bei „Atmosphäre“ aus Versehen „ernst zu nehmend“ eingestellt. Auch das Weggehen hat sich verändert. Wenn ich Frauen anlächle, reagieren viele merkwürdig verlegen. Ich brauche eine Weile, um zu begreifen, dass sie sich angeflirtet fühlen. Als ich einmal auf einer Lesung mit einem Mann ins Gespräch komme, fragt er, ob ich einen Partner hätte. „Oder eine Partnerin. “ Plötzlich muss ich mir über meine sexuelle Wirkung Gedanken machen das mit der Glatze wird immer anstrengender. Von gesellschaftlichen Konventionen und Rollenstereotypen habe ich mich keineswegs befreit sie sind plötzlich sogar noch größer. Auch in meinem eigenen Kopf.


Je länger ich darüber nachdenke, desto verkrampfter verhalte ich mich. Hat die Friseurin am Ende nicht nur meine Haare vom Boden gefegt, sondern auch mein Selbstbewusstsein und die Feministin in mir? Das wäre furchtbar. Doch ohne Haare auf dem Kopf merke ich schnell: So sehr ich die gesellschaftlichen Strukturen kritisiere, so sehr stecke ich selbst drin. Es gibt Momente, in denen ich mich unweiblich fühle, in denen ich mir einbilde, nicht als Frau wahrgenommen zu werden. Ich will aber nicht androgyn aussehen und bin von der Vorstellung furchtbar gelangweilt, dass jemand nur wegen der Länge seiner Haare geschlechtsneutral wirkt. Am coolsten reagiert dann übrigens meine Großmutter. Sie lacht, als sie mich sieht, und sagt nur: „Ja, gut, ist mal was Neues!“


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