24. Januar 2013, 19:09 Uhr

Katholiken finden ihre Kirche weltfremd und reaktionär

Da müssen Papst und Bischöfen die Ohren klingen: Deutschlands Katholiken halten ihre Kirche für weltfremd und reaktionär. Vom Ende des Zölibats bis zum Priesteramt für Frauen reichen die Forderungen. Von Gerhard Hegmann, München

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Italienische Holzfigur des Papstes: Kennt Benedikt XVI. die Unzufriedenheit der Katholiken in seinem Heimatland?©

Selbst die treuesten Anhänger der katholischen Kirche äußern jetzt Kritik an der Kirchenführung. Dies ist eines der brisanten Ergebnisse der an diesem Donnerstag in München vorgestellten sozialwissenschaftlichen Studie über die religiöse und kirchliche Orientierung der Katholiken in den verschiedenen Gesellschaftsschichten. Das renommierte Heidelberger Sinus-Institut hat quer durch die katholische Bevölkerung ermittelt, wie heute noch Glaube, Religion und Kirche gelebt wird. Dabei kam wenig Schmeichelhaftes zu Tage.

Im Unterschied zur Vorgängerstudie aus dem Jahr 2005 hat sich die Kritik verstärkt und nunmehr alle Schichten erreicht. In allen Milieus würden die Missbrauchsfälle und mehr noch die mangelnde Aufarbeitung als Symptom für die desolate Verfassung der Institution katholische Kirche gesehen, sagte Studien-Autor Marc Calmbach in München. Selbst der Papst habe nach seiner Wahl 2005 massiv an Ansehen verloren. "Kritisiert wird die weltfremde, reaktionäre und obstruktive Kirchenleitung sowie die rückwärts gewandte Kirchenpolitik des Papstes", heißt es in der Zusammenfassung der Studienergebnisse.

Traditionelle Frömmigkeit hat sich überlebt

Die brisante Studie wurde von fünf katholischen Institutionen, darunter Miserior und dem Erzbischöflichem Ordinariat München, über die Kirchen-Medienunternehmensberatung MDG in Auftrag gegeben. Ausführlich befragt wurden insgesamt 100 Personen aus den sozialwissenschaftlich zehn Gesellschaftsschichten. Die Ergebnisse seien zwar nicht repräsentativ für die gut 24 Millionen Katholiken in Deutschland, weil nicht gewichtet, sie gäben aber einen Einblick über die Wahrnehmung der Katholiken in den Milieus, sagte Autor Calmbach. Die Kirche habe nicht versucht, die Zusammenstellung der Ergebnisse zu zensieren.

Die Befragung habe gezeigt, dass sich die traditionelle Frömmigkeit weithin überlebt habe. Gefordert wird, Frauen zu Priesterinnen zu weihen, die Zölibatspflicht für Geistliche aufzuheben und eine andere Einstellung zur Empfängnisverhütung. Quer durch alle Milieus seien sich die Befragten einig, dass die katholische Kirche in Deutschland, "so wie sie im Moment ist, keinen Bestand haben wird". Die Kirche sei besser als ihre derzeitige Führung, lautet auch ein Fazit. So kommt die Studie zum Ergebnis, dass die Kirche und ihre Dienste, "etwa als Serviceagentur" nach wie vor gebraucht werde. Hohes Ansehen genießt das soziale Engagement. Die Zehn Gebote werden von allen Gesellschaftsschichten als zentraler Werteanker gesehen. Die Studie macht jedoch keine konkreten Vorschläge, wie sich die Kirche konkret ändern soll. Das werde an anderer Stelle entschieden, hieß es.

Von Gerhard Hegmann, München
 
 
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