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6. September 2010, 16:30 Uhr

"Eine normale Tür hätte auch gereicht"

Ihr Schicksal sorgte weltweit für Aufsehen: Natascha Kampusch wurde jahrelang in einem Kellerverlies festgehalten. Nun erzählt sie in der Biografie "3096 Tage" ihre Geschichte. Ein Interview.

© Marcus Brandt/DPA Natascha Kampusch Entführt als Zehnjährige, achteinhalb Jahre später geflohen - die Entführung und Gefangenschaft der Wienerin Natascha Kampusch gehört zu den spektakulärsten Kriminalfällen Österreichs, der zudem weltweit für Aufsehen sorgte. Vier Jahre nach ihrer Flucht beschreibt die heute 22-Jährige nun in ihrem Buch "3096 Tage" ihre Zeit im Kellerverlies ihres Peinigers Wolfgang Prikopil, der nach Entdeckung der Tat Selbstmord beging.

Frau Kampusch, warum haben Sie diese Buch geschrieben?

Ich wollte mit der ganzen Geschichte abschließen. Ich wollte auch, dass sich gewisse Menschen, die sich dafür interessieren, etwas haben, woran sie sich orientieren können. Dass die nicht immer das glauben, was Verschwörungstheoretiker verbreiten. Dass sie eine authentische Schilderung dessen haben, was passiert ist.

Was wird denn aus Ihrer Sicht häufig falsch dargestellt?

In dem Buch kommt ja auch meine Kindheit vor. Viele kritisieren meine Mutter, aber die sehen meine Mutter ganz falsch. In dem Buch wird ihnen erklärt, wie das Verhältnis zu meiner Mutter ist. Danach ist es eben nicht mehr verbreitbar, dass sie mich beispielsweise geschlagen hat oder dass sie total brutal gewesen ist. Und das mit der Gefangenschaft wollte ich auch einmal sagen. Ich wollte einfach, dass es mal von meiner Seite eine längere Aussage gibt. Etwas, das für sich steht. Ich wollte auch die Leute, die mich kennen, nicht belasten, indem ich ihnen Einzelheiten erzähle. Die können das Buch nehmen und lesen und genau an der Stelle, an der sie es nicht mehr verkraften, können sie das Buch zuklappen.

Erzählen Sie darin Dinge, die beispielsweise ihre Familie nicht weiß?

Ja, schon. Außerdem ist mir aufgefallen, dass die das auch gar nicht so genau wissen wollen. Ich glaube, es ist leichter, es in einem Buch zu lesen und an einer Stelle das Buch zuzuklappen, als es direkt mitzukriegen. Weil man dann auch nicht genau weiß, wie man darauf reagieren soll, und dann entsteht so eine Befangenheit. Ich finde das Buch ist so ein neutraler Platz, der nichts verlangt. Das Buch moralisiert nicht.

Gab es etwas, dass Sie mit dem Buch geraderücken wollten?

Ganz am Anfang wurde alles immer in verschiedene Richtungen ausgelegt, die alle irgendwie eher extrem waren. Ich wollte zeigen, dass der Täter ein Mensch ist und dass Leiden und schlimme Zeiten nicht überzeichnet werden müssen. Dass dieses Gefängnis ja auch innen ist und es reicht, wenn man ein zehn, elf, zwölfjähriges Mädchen in einen Keller einsperrt. Dass es sich nicht wehren kann oder irgendwelche Fluchtpläne schmieden kann, wenn es da in diesem Keller ist. Es hätte vielleicht sogar gereicht, wenn es eine ganz normale Tür gewesen wäre.

Wie genau ist denn das Buch entstanden?

Am Anfang dachte ich, ich könnte das Buch selbst schreiben. Aber dann hatte ich so eine Blockade, weil das einfach nicht aus mir raus wollte. Ich wollte es nicht zusätzlich selbst noch aufschreiben und dann vor mir auf dem Papier sehen. Die Methode, es jemand anderem zu erzählen, war einfacher. Ich wusste am Anfang auch nicht, wie ich das alles bewerten sollte, damit es andere Menschen auch nachvollziehen können. Weil es ist ja doch sehr, sehr (...) es sind ja erst ein paar Jahr vergangen, seit ich wieder da bin und (...) ja, es war wirklich schwierig. Wenn ich einen Roman hätte schreiben sollen, hätte ich das schon viel leichter tun können - aber eine echte Geschichte, die noch dazu mir passiert ist? Ja - ich brauchte jemanden, der objektiv ist.

Wie sah dann die tägliche Arbeit mit der Ghostwriterin aus?

Es war nicht so einfach. Wir haben uns oft zusammengesetzt, und es ist oft so ein betretenes Schweigen aufgekommen. Es gab auch dazwischen Tage, wo beide einfach so fertig waren von der ganzen Geschichte, dass wir Abstand gebraucht haben. Sowohl zueinander als auch zu dem Thema.

Hat Ihnen die Arbeit am Buch geholfen, die Zeit in Gefangenschaft zu verarbeiten?

Ja, es hat schon geholfen. Wir brauchten wie gesagt immer diese Pausen, weil durch das Nochmal-Erzählen so viele Aspekte aufgekommen sind, die ich verdrängt hatte oder die ich nicht bedacht hatte. Mir ist das Ganze nochmal so entgegengesprungen. Als wäre die Geschichte jemand anderem passiert. Vorher, als ich sie irgendwo da oben (tippt sich an den Kopf) gut verstaut oder ich weiß nicht wo hatte, konnte ich mir einreden, dass das alles doch nicht so schlimm war. Und ich hatte ja alles gut überstanden. Aber als ich das dann gelesen habe, ist mir klar geworden, wie schrecklich das eigentlich war. Mir hat die Person, der das passiert ist, dann so leidgetan. Ich tue mir aber eigentlich nicht leid - das war wie eine Rückkoppelung.

Hat die Arbeit am Buch auch Ihre Sicht auf die Tat verändert?

Viele Erkenntnisse hatte ich schon vorher, mit dem Buch wurde es nochmal deutlicher. Mit dem Buch musste ich das Ganze aussprechen. Dass das Ganze mir sehr viel genommen hat, dass da ununterbrochen Menschenrechtsverletzungen passiert sind - das war mir schon währenddessen klar. Aber die Tragweite und Tragik dessen auf der Gefühlsebene, das ist mir erst durch das Buch klargeworden.

 
 
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