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15 Jahre nach der Flucht Natascha Kampusch über ihr Privatleben: "Von Tinder halte ich ja gar nichts"

Natascha Kampusch
Natascha Kampusch bei einem Fernsehauftritt 2019
© gbrci/Geisler-Fotopress / Picture Alliance
Vor 15 Jahren gelang Natascha Kampusch die Flucht aus den Fängen ihres Entführers. In einem Interview spricht sie nun über ihr Privatleben und darüber, welche Parallelen sie zwischen ihrer Gefangenschaft und dem Corona-Lockdown sieht.

Der Fall Natascha Kampusch schockierte vor 15 Jahren die Menschen: Die damals 18 Jahre alte Österreicherin war jahrelang von ihrem Entführer Wolfgang Prikoplil in seinem Haus festgehalten und misshandelt worden, bevor ihr die Flucht gelang. Danach war das Medieninteresse an ihrer Person groß, Kampusch schrieb Bücher über ihre Leidenszeit und das Leben in Freiheit.

Mittlerweile ist Kampusch 33 Jahre alt und darum bemüht, ein einigermaßen normales Leben zu führen. Das ist jedoch nicht einfach: Ihr Fall erregte weltweite Aufmerksamkeit, in ihrer Heimat kennt fast jeder ihr Gesicht. Seit 2007 würde sie deshalb nicht mehr U-Bahn fahren, sagte Kampusch in einem aktuellen Interview mit der österreichischen "Kronenzeitung": "Mein Alltag ist sehr beeinflusst durch das ständige Erkanntwerden, das Anemotionalisiert-, Angepöbelt- oder unangenehm Angeflirtetwerden."

"Die Männer kennen mich meist, ich sie aber nicht"

Ihre Bekanntheit macht es auch schwierig, einen Partner zu finden. "Die Männer kennen mich meist, ich sie aber nicht", erzählt Kampusch und verrät: "Von Tinder halte ich ja gar nichts. Die sind dort alle so schön und erfolgreich, da fällt mir die Auswahl schwer." Sie fühle sich aber in ihrer aktuellen Situation wohl und verspüre weder Druck noch Angst.

Die 33-Jährige lebt in einer eigenen Wohnung in Wien und möchte ihre Ernährung gerade von vegetarisch auf vegan umstellen – "weil man gar nicht anders kann, wenn man Tiere liebt". Essen hat für sie durch die Entführung eine starke psychologische Komponente: "In der Gefangenschaft war Nahrungsentzug ein Machtmittel. Ich habe immer Hunger gehabt und wog gerade einmal 38 Kilo." Nach der Befreiung sei Essen für sie Freiheit und Trost gewesen. Sie sei erstaunt, wie wichtig es für viele Menschen sei, ob jemand dick oder dünn ist, sagte sie zu Kommentaren über ihr Gewicht.

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Natascha Kampusch kennt Freiheitsentzug und Einsamkeit

Gleichzeitig gibt Kampusch zu: "Die Konfrontationen oder Zuschreibungen von außen machen mir manchmal zu schaffen." Deshalb gehe sie mindestens einmal in der Woche zur Gesprächstherapie. 15 Jahre nach dem Ende ihrer Gefangenschaft gelingt es ihr sogar, positive Lehren aus dieser Zeit zu ziehen. So sieht sie Parallelen zwischen dem Corona-Lockdown und ihrer mehr als acht Jahre währenden Entführung: Mit dem Gefühl von Freiheitsentzug, Ohnmacht und Einsamkeit könne sie "viel besser umgehen als andere", sagt sie. "Mit dieser Situation bin ich gut vertraut."

Quelle: "Kronenzeitung"

epp

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