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Interview

Neues Buch "Cyberneider": "Die wünschen mir, dass ich immer noch im Keller sitze": Natascha Kampusch spricht über Mobbing

In ihrem neuen Buch "Cyberneider" setzt sich Natascha Kampusch mit Diskriminierung im Internet auseinander. Im stern-Interview spricht sie über Strategien gegen den Hass im Netz, ihren Alltag und Greta Thunberg.

Natascha Kampusch wurde 1998 entführt und hat sich 2006 selbst befreit.

Natascha Kampusch ist das wohl prominenteste Opfer einer Entführung, dem es gelungen ist, sich vor 13 Jahren nicht nur aus langer Gefangenschaft, sondern auch aus der Opferrolle zu befreien.

Natascha Kampusch ist das wohl prominenteste Opfer einer Entführung, dem es gelungen ist, sich nicht nur  aus langer Gefangenschaft, sondern auch aus der Opferrolle zu befreien. stern-Reporterin Nina Poelchau traf die 31-Jährige in Berlin, sie stellte dort ihr neues Buch vor. 

Poelchau erlebte eine freundliche, nachdenkliche Frau, die durchdrungen ist von dem Wunsch, anderen zu helfen. Fragen zu ihrer Zeit in dem Kellerverließ, in dem sie ihr Entführer von 1998 bis 2006 festhielt, möchte sie nicht mehr beantworten. Ihr ist der Blick nach vorne wichtig und sie will lieber die unterstützen, die sich in einer ausweglos erscheinenden Situation befinden – so wie einst sie selbst.

Natascha Kampusch im stern-Interview

Frau Kampusch, 2006 ist es Ihnen gelungen, sich nach acht Jahren Gefangenschaft aus eigenen Kräften zu befreien. Wie sehr beeinflusst Ihre Vergangenheit heute noch Ihr Leben?
Eigentlich kann ich das gut rationalisieren. Ich lebe im Heute. Ich mag mein Leben. Ich habe viele Pläne. Aber ich werde oft gegen meinen Willen zurückgeworfen. Weil es Leute gibt, die gehässige Posts schreiben. Die mir wünschen, dass ich immer noch in dem Keller sitze oder dass ich am besten tot wäre. Das macht dann wieder eine Tür auf, die vielleicht schon fast zu war ... 

Sie sind bei Twitter aktiv und auch bei Instagram. Erleben Sie da viel Negatives?
Von der Menge her überwiegt das Positive. Viele bestärken mich: Mach weiter! Es ist toll, wie Du bist! Aber die negativen Sachen, die richten mehr an. Die können sehr weh tun und verunsichern. Das ist ja auch der Sinn davon. 

Was mussten Sie über sich lesen?
Man hat geschrieben, dass ich hässlich bin, nur eine Frau bin, mich zufriedengeben muss, komische, abstoßende, sexistische Bemerkungen. Einige haben geschrieben, dass alles anders abgelaufen sei, als ich es erinnere. Eine Frau hat sich lustig gemacht und verbreitet, sie sei mit mir zusammen eingesperrt gewesen. Ich hatte seit meiner Befreiung Anwälte, die hatten das alles im Blick und sie sind gegen vieles vorgegangen. Manches habe ich deshalb zum Glück gar nicht mitgekriegt. 

Sie wurden als Zehnjährige in Wien gekidnappt. Haben kaum Sonne gesehen, waren dem Entführer ausgeliefert. Alle Zweifel, dass das, was sie nach Ihrer Befreiung berichtet haben, nicht stimmen würde, wurden ausgeräumt, sogar vom FBI. Wie erklären Sie sich die vielen aggressiven Zweifler?
Ich erkläre es mir so, dass es sehr viel Unzufriedenheit gibt. Gehässigkeit. Und Neid. Ich nenne das Cyberneid. So heißt ja nun auch das Buch, das ich gerade zu dem Thema fertiggestellt habe. Es gibt Leute, die finden, es steht mir nicht zu, bekannt zu sein. Sie missgönnen es mir zutiefst, vielleicht sogar Geld mit meinen Büchern zu verdienen. Wenn jemandem das zusteht, dann ihnen, denken sie wahrscheinlich.

Vermuten Sie, dass diese Menschen gerne hätten, dass jemand, der ein Opfer war – wie Sie in ihrer Kindheit und Jugend – gefälligst ein Opfer bleiben soll?
Manche freuen sich, wenn es anderen schlecht geht. Wahrscheinlich weil sie selbst sehr unzufrieden mit ihrem Leben sind. Sie sitzen vor dem Computer und schütten ihren Hass über allem aus. Sonst haben sie ja nichts. Ich würde sie am liebsten einladen: Nehmt doch am Leben teil! Ihr könnt doch dazu gehören! Ihr seid mir doch willkommen, wenn Ihr aufhört, Euch so bösartig zu benehmen.

Das klingt jetzt fast übermenschlich nächstenliebend.
Vielleicht brauchen diese Leute ja auch eine Psychotherapie? Ich gehe jedenfalls davon aus, dass sie große Probleme haben und wahrscheinlich ziemlich isoliert sind und sich deshalb so zerstörerisch verhalten. In meinem Buch geht es mir aber nicht so sehr um die Motive dieser Menschen, als um die Leute, die das aushalten müssen. 

Was machen die aggressiven und verletzenden Übergriffe mit den Betroffenen?
Es ist sehr schwer, damit umzugehen. Bei mir war es so, dass ich mich nicht mehr aus dem Haus getraut habe. Das war am Anfang, also nach meiner Befreiung im Jahr 2009, sehr traurig für mich. Ich wünschte mir so sehr soziale Kontakte. Ich wollte eingebunden sein, mich normal bewegen können. Aber die Angriffe haben mich sehr zurück geschreckt. Ich habe mich dann lange zurückgezogen. Es war für mich rückblickend auch eine Zeit, mich auf mich zu besinnen, mich zu erholen, das weiß ich heute. Aber es ist ja bekannt, dass die öffentlichen Beschämungen manche Menschen bis zum Suizid treiben können.

Was raten Sie anderen Opfern von Cybermobbing?
Geht dagegen vor! Lasst Euch nicht einschüchtern! Das ist nicht einfach. Aber ich weiß, dass es möglich ist. Es ist wichtig zu sehen, dass Hunderttausend andere ebenfalls betroffen sind. Die Gehässigkeit und Missgunst hat meistens gar nichts mit der individuellen Person zu tun. Fast jeden kann es treffen.

Wie muss man sich Ihren Alltag vorstellen?
Ich lebe mit meinen Haustieren in einer sehr hellen Wohnung in Wien. Ich habe einige Amtsgänge zu erledigen, ich bin im Kontakt mit Schulen und meinem Verlag. Ich recherchiere viel – für das neue Buch habe ich ungefähr sechs Monate intensiv recherchiert, dabei auch den Kontakt zu verschiedenen Organisationen gesucht, die sich mit Mobbing und Diskriminierung befassen. Über mein Privatleben will ich nicht viel erzählen. Dass ich ein Pferd habe, hat sich ja herumgesprochen. Über die anderen Haustiere spreche ich nicht, nicht ob es Hunde oder Katzen sind und nicht, wie sei heißen – sie würden das nicht wollen, glaube ich. Ob ich einen Partner habe, werde ich auch oft gefragt – ich finde, es ist meine Privatangelegenheit.

Ihnen wurde das Haus in Strasshof zugesprochen, in dem Sie zwischen 1998 und 2006 gefangen gehalten wurden. Stimmt es, dass sie erwogen haben, dort einzuziehen?
Das ist so ein totaler Unsinn, der verbreitet wurde – wahrscheinlich, um mich zu diskreditieren. Das Haus gehört mir, aber ich habe nie eine Sekunde daran gedacht, dort einzuziehen. Mir war wichtig, dass es nicht zu einer Pilgerstätte für perverse Menschen wird, deshalb habe ich es erstmal behalten. Ich weiß jetzt noch nicht, was damit geschehen soll. 

Sie haben im Internet eine Webseite, die sie als Schmuckdesignerin ausweist.
Mein Hauptberuf ist Autorin. Aber das Herstellen von Schmuck bereitet mir große Freude. Ich mochte das Basteln, die Arbeit mit kleinen Teilen immer schon sehr gerne. Ich arbeite viel mit Granatsteinen, sie sind besonders empfindlich, man muss ganz vorsichtig beim Schleifen sein.

Haben Sie eine Goldschmiedeausbildung abgeschlossen?
Eigentlich hätte ich gerne eine Akademie besucht, um das Goldschmieden zu lernen. Das ging aber nicht, weil ich, als ich frei war, soviel mit Interviews zu tun hatte und damit, wieder ins Leben in der Freiheit zu finden. Ich habe dann einige Privatstunden im Goldschmieden genommen. Ich werde aber noch weitermachen. 

stern-Reporterin Nina Poelchau traf die 31-jährige Natascha Kampusch in Berlin.

stern-Reporterin Nina Poelchau traf die 31-jährige Natascha Kampusch in Berlin, sie stellte dort ihr neues Buch vor. 

Ein weiteres Anliegen ist es Ihnen, anderen zu helfen. Das haben Sie oft gesagt. Sie haben 2011 ein Kinderkrankenhaus im Süden Sri Lankas finanziert.
Ich war schon als Kind sehr hilfsbereit und konnte mich in das Leid anderer Menschen einfühlen. Das steht sogar in meinem ersten Zeugnis: "Natascha ist ein liebes, hilfsbereites Mädchen." Einmal wollte ich für eine obdachlose Frau Geld und Unterschriften sammeln, da war ich vielleicht so sechs Jahre alt. Leider hat nur mein Vater gespendet. Während meiner Gefangenschaft habe ich im Winter 2004 im Radio von dem Tsunami gehört. Ich musste sehr daran denken, wie es den Kindern geht, die ihre Eltern verloren haben. Die Ärzte und Pfleger waren sehr dankbar, sie haben so gestrahlt bei der Eröffnung, als ich zu Besuch war. Leider hat der Staat das Krankenhaus inzwischen enteignet und Büroräume untergebracht. Das Projekt gibt es nicht mehr.

Wie gehen Sie mit dieser Enttäuschung um?
Es ist schade. Ich bin leider hilflos. Ich werde jetzt immer wieder gefragt, etwas anderes zu unterstützen. Elefanten in Sri Lanka, streunende Hunde. Ich muss noch darüber nachdenken. Grundsätzlich ist es mir sehr wichtig, zu helfen. Ich kann mich ja einfühlen, wie es ist, wenn man Hunger hat, friert, wenn man ohne Eltern ist, wenn es einem schlecht geht, man sich verloren fühlt und man dringend auf die Hilfe von denen angewiesen ist, denen es besser geht. 

Es könnte sein, dass jetzt, da Ihr neues Buch erscheint, wieder Leute gegen Sie hetzen. Und zwar, weil Sie es wagen, genau damit Geld zu verdienen, dass Sie Opfer waren – Cyberopfer diesmal. Fühlen Sie sich gewappnet?
Ja. Heute schon. Heute weiß ich, wie vielen Influencern das passiert. Ich kann alles besser einordnen. Und ich sehe ja, dass diese Bosheiten sogar mit Greta Thunberg entgegengebracht werden. Greta ist ein gutes Beispiel – da gibt es doch beim besten Willen keine Angriffsfläche: Sie ist ein junges Mädchen, das sich für Klimaschutz einsetzt. Was soll daran schlecht sein? Aber manche wüten: Was nimmt sich dieses unbedeutende, kleine Mädchen mit Asperger heraus? Es ist ganz egal, wie und wer sie ist. Wäre sie eine 50-jährige Millionenerbin ohne Asperger, dann würden dieselben Leute schimpfen: Was bildet sich diese Millionenerbin ein?

An Greta Thunberg scheint vieles abzuprallen – sie wirkt ganz auf ihr Ziel fokussiert.
Das kann täuschen. Ich denke, es dauert bei ihr nur länger, bis das Gift ankommt. Es sickert langsam ein, wie durch eine Membran. Es macht mich böse und traurig. Ich hoffe, es gelingt ihr, stark zu bleiben und sie denkt nicht daran, sich zurückzuziehen. Wir Menschen sind doch eigentlich schon viel weiter. Wir sollten doch zusammenhalten und uns gegenseitig unterstützen – und nicht aus Neid und Gehässigkeit die in den Rückzug zwingen, die sich für das Gute einsetzen.