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Kampusch-Film "3096 Tage": Abhängigkeit und Psychokrieg

Das Schicksal von Natascha Kampusch kennt die ganze Welt. Mit "3096 Tage" zeigt die ARD nun den Film über ihre Geschichte. Er zeigt einen Psychokrieg zwischen Opfer und Täter - und bricht ein Tabu.

Von Malte Arnsperger

Der Mann liegt stöhnend auf ihr, das Mädchen blickt stoisch zur Decke. Sie lässt es über sich ergehen. Sie muss. Er hält sie seit Jahren gefangen, bestimmt, ob sie zu essen bekommt, wann Licht brennt, wie sie heißt. Er ist Gott. In der nächsten Szene liegen Entführer und Entführte friedlich nebeneinander im Bett, das Mädchen nutzt den Augenblick. Sie bittet den Mann, endlich mal wieder die Natur sehen zu dürfen. Schnitt. Täter und Opfer, die Hände mit Kabelbinder aneinander gebunden, spazieren durch den nächtlichen Garten. Die Kamera zeigt die nackten Füße des Mädchens auf dem Rasen, ihre Fingerspitzen, die Blätter berühren. Es ist ihr kleiner Sieg. Der Triumph währt nur Augenblicke. Schon zerrt der Mann sie zurück ins Haus. Sie kann dagegen nichts tun, sie ist zu schwach. Doch sie will ihn in diesem Moment nicht gewinnen lassen, sagt mit einem bitteren Lächeln: "Du bist genauso an mich gefesselt wie ich an dich."

Gegenseitige Abhängigkeit, der ständige Rollentausch, der Psychokrieg zwischen Peiniger und Leidtragender. Das zeigt diese Szene, und das ist die Geschichte von "3096 Tage", dem Film über das Schicksal von Natascha Kampusch, dem Film, der "erzählt, was wirklich geschehen ist", wie seine Macher behaupten. Es ist eine vollmundige, aber auch unnötige Ankündigung. Denn die meisten Menschen werden wohl irgendwann mal etwas über diesen spektakulären Entführungsfall aus Österreich gehört haben, werden wissen, dass das Mädchen als Zehnjährige verschleppt und über acht Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen gehalten wurde. Und wer es noch nicht wusste, der konnte in den vergangenen Tagen und Wochen der Kampusch-Flut in den Medien kaum entgehen, Interviews, Berichte, Analysen auf allen Kanälen. Was mit Natascha Kampusch geschah, weiß fast jeder.

Ohne Effekthascherei oder unnötige Melodramatik

Nein, das Was ist nicht das Entscheidende, das Neue an diesem Film. Es ist das Wie. Wie fühlt sich die Einsamkeit, die Dunkelheit in diesem Verlies an? Wie ist die Atmosphäre zwischen Täter und Opfer? Und wie überlebt Natascha Kampusch? "3096 Tage" beantwortet diese Fragen auf hoch spannende Weise mit Mitteln, die nur der Film hat.

Da sitzt dieses kleine Mädchen kurz nach der Entführung in einer Ecke seines Verlieses, zittert, wimmert und krallt sich an seinem Schulranzen fest. Natascha Kampusch - und mit ihr die Zuschauer - hört dumpfes Poltern, metallische Schiebegeräusche. Sekundenlang. Dann öffnet sich die Tür. Zum ersten Mal blicken sich Entführer und Entführte an, beide mit einer Mischung von Panik, Neugierde und Unsicherheit in den Augen. Priklopil stellt Wasser und Brot auf den Boden, faltet - fast väterlich sorgfältig - eine Decke, legt sie neben das Kind und schließt wieder, ohne einen Kommentar, geräuschvoll alle Türen zum Verlies. Zurück bleibt ein Mädchen, von dem der Zuschauer in der Dunkelheit kaum mehr etwas erkennt. Er hört aber ihre dünne Stimme: "Mama".

"3096 Tage" ist eine Hollywood-taugliche Großproduktion mit namhaften Machern, die Anfang 2013 in die Kinos kam und am Mittwoch um 22.45 Uhr im Ersten gezeigt wird. Angefangen vom legendären Produzenten Bernd Eichinger, der Natascha Kampusch davon überzeugt hatte, ihm die filmische Umsetzung ihres Schicksal anzuvertrauen und der dann 2011 plötzlich starb, bis hin zum Weltklasse-Kameramann Michael Ballhaus. Aber der Film verzichtet fast vollständig auf übliche Effekthascherei oder unnötige Melodramatik. Er setzt auf die pure Wucht dieser unglaublichen Geschichte und auf die Qualität und Glaubwürdigkeit der Hauptdarsteller.

Wie eine Zwillingsschwester Kampuschs

Eine perfekte Besetzung ist dabei Amelia Pidgeon, die das Entführungsopfer als Zehnjährige spielt. Die junge Schauspielerin gleicht der echten Natascha Kampusch aus Kindheitstagen wie eine Zwillingsschwester. Pidgeon schafft es, mit bibbernder Unterlippe und scheuen Augen auch dem gefühllosesten Zuschauer zu verdeutlichen, dass Natascha Kampusch ein kleines, völlig schutzloses Mädchen war, das von einem auf den anderen Moment zu einer gänzlich isolierten Gefangenen wurde. Besonders eindrücklich die Szene, in der Amelia Pidgeon als Natascha Kampusch minutenlang vor der Gegensprachanlage in ihrem Verlies steht, den Entführer erst mit sanften Worten, dann mit verzweifelten Schreien um Essen anbettelt, um am Ende mit Tränen in den Augen und den Worten "Ich will nach Hause" aufzugeben.

Antonia Campbell-Hughes, die Natascha Kampusch als Teenager spielt, fehlt die äußerliche Ähnlichkeit mit dem Original. Das irritiert zunächst, gerade weil die wahre Natascha Kampusch viele Wochen und Monate auch optisch so präsent war. Trotzdem gelingt es der Schauspielerin, glaubhaft eine der wichtigsten Botschaften des Filmes zu vermitteln: die innere Zerrissenheit des Entführungsopfers. Denn obwohl Priklopil sie wahllos schlägt, ihr unvermittelt das Licht abstellt, sie tagelang hungern lässt, muss Natascha Kampusch stets versuchen, ihrem Peiniger die Wünsche von den Augen abzulesen, ihn nicht zu provozieren. Nur so kann sie überleben, nur so darf sie ihr Verlies zumindest stundenweise verlassen. Auch ist er ihr einziger menschlicher Kontakt, sie hat nur ihn, sie braucht ihn. Diese absurde Konstellation führt zu bizarren Momenten, wie eine Weihnachtsfeier unter Tage, an deren Ende sie Priklopil zum Dank sogar umarmen will, er sie aber brüsk zurückweist.

Der Film bricht ein Tabu

Antonia Campbell-Hughes hat auch die wohl schwierigste darstellerische Aufgabe dieses Filmes zu meistern: Sie muss das Entführungsopfer in den Momenten spielen, in denen sich ihr der Täter sexuell nähert. Natascha Kampusch selber hatte zu diesem Thema jahrelang geschwiegen, auch ihre Autobiografie spart den sexuellen Missbrauch durch Priklopil aus. "Es ist der letzte Rest an Privatsphäre, den ich mir noch bewahren möchte", heißt es da. "Wenn er mich in den Nächten an sich fesselte, ging es nicht um Sex - er wollte kuscheln. Kontrolliert, mit Kabelbindern gefesselt, ein Halt in der Nacht." Doch nachdem klar wurde, dass der Film auch dieses Tabu brechen wird, hatte sich Kampusch knapp dazu geäußert, etwa im TV-Talk von Günther Jauch. Und Regisseurin Sherry Hormann sagte in einem Interview: "Bei einem Mädchen, das zu einer jungen Frau heranreift, steht da das Thema Sexualität unweigerlich im Raum. Sonst wäre es ein verlogener Film. Die Szenen sind ja nicht reißerisch gedreht, sondern so, wie sie waren."

Tatsächlich ist das, was Kampusch in ihrem Buch beschreibt, Teil der Filmszenen. Priklopil fällt nicht wie ein wildes Tier über das Mädchen her. Vielmehr bindet er eine ihrer Hände an die seine, legt sich ungelenk hinter sie - dann auf sie. Antonia Campbell-Hughes alias Natascha Kampusch wehrt sich nicht, sie schaut stoisch von ihm weg. Ihr Blick ist nicht leidend, vielmehr stark und entschlossen, entschlossen, auch diese Demütigung, dieses Leid zu ertragen.

Es mögen die schlagzeilenträchtigen Momente des Filmes sein, die wirklich prägenden sind sie nicht. Man braucht sie nicht, um als Zuschauer die zentrale Botschaft sowohl dieses Filmes als auch von Natascha Kampuschs wirklichem Schicksal zu verstehen. "Es war klar, nur einer von uns beiden würde überleben, Und das war ich, letztendlich. Und er nicht."

"3096 Tage" läuft am Mittwoch, 13. August, um 22.45 Uhr im Ersten.

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