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TV-Kritik "Günther Jauch": Wenn nicht nur die Griechen im Dunkeln tappen

Ein Stromausfall stürzte Jauch in "griechische Verhältnisse". Doch auch nachdem das Licht wieder brannte, geisterte ein Albtraum weiter durch das Studio: der Austritt Griechenlands aus dem Euro.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Moderator Günther Jauch sitzt im Gasometer in seiner ARD-Talkreihe, während unmittelbar nach einem Stromausfall das Aggregat gerade langsam wieder hochgefahren wird.

Moderator Günther Jauch sitzt im Gasometer in seiner ARD-Talkreihe, während unmittelbar nach einem Stromausfall das Aggregat gerade langsam wieder hochgefahren wird.

Führt Natascha Kampusch Griechenland aus der Schuldenkrise? Zumindest sitzt sie da, in Günther Jauchs Talkrunde, wo zum Thema "Der Euro-Schreck - Wohin führt die Griechen-Wut?" debattiert werden soll. Schnell wird aber klar: Das Gespräch mit dem einstigen Entführungsopfer gab es schon mal. Es stammt aus dem Jahre 2013.

Und die Wiederholung soll nur die Zeit überbrücken, bis der Strom wieder läuft. Denn der ist ausgefallen. Tatsache: Aus dem Berliner Gasometer kann nicht übertragen werden. Erst gut zwanzig Minuten später ist Natascha Kampusch vom Bildschirm verschwunden und Jauch sitzt neben einer Frau im helllilafarbenen Hosenanzug und versucht es mit einem Witz: "Wir saßen ziemlich im Dunkeln. Wir hatten also griechische Verhältnisse." Und das nicht nur im Studio! Denn am Ende der Sendung wird Jauch die E-Mail eines Zuschauers vorlesen: "Auch wir hier auf Korfu hatten immer wieder Stromausfall." Na also, alles wieder in Ordnung: Griechische Verhältnisse – auch in Griechenland.

Alle unter Strom

Jauch, um es vorweg zu nehmen, war dieses Mal erstaunlich gut in Form. Kein gelangweiltes Im-Sessel-Herumhocken. Er nahm seine Moderatoren-Rolle ernst. Warum ausgerechnet Griechenland ihn so aus der Reserve lockte? Es wird sein Geheimnis bleiben. Vielleicht gab es auch "im Dunkeln" erstmal eine Runde Ouzo. Oder die Hand der Frau im helllilafarbenen Hosenanzug hatte ihn dermaßen elektrisiert. Denn ja, sie beugte sich zu ihm, berührte ihn vertraulich und verkündete: "Zunächst einmal drängt es mich zu sagen, ich war noch nie so froh, Sie zu sehen. Ich stehe buchstäblich unter Strom." Das hätte ARD-Börsenexpertin Anja Kohl natürlich eher bekannt geben sollen. Aber: Der nächste Stromausfall kommt bestimmt, da kann sie ja dann einspringen. Oder Katja Kipping macht's. "Der Stromausfall hat Sie völlig unter Strom gesetzt", kommentierte Jauch den von ihm schwer zu stoppenden Redeschwall der Parteivorsitzenden der "Linken".

Wem hier zu viel von Strom die Rede ist und zu wenig von Griechenland, der hat recht. Also "rin" in die Diskussion, die man fast schon aufregender nennen könnte als die soeben vergangenen 16 Tage Dschungelcamp. AfD-Chef Bernd Lucke kam hier unter anderem ins Spiel, hielt sich aber meistens am Spielfeldrand auf. Deutlich machte er sein Nein zur Politik von Griechenlands neuem Regierungschef Alexis Tsipras. Der hat bekanntermaßen genug vom europäischen "Spar-Diktat" und will so schnell wie möglich seine Wahlversprechen umsetzen. Soll er doch, aber ohne die EU, denn es sei nun endlich an der Zeit, ein "Schlussstrich unter das Griechenland-Kapitel" zu ziehen, so Lucke. Er beschwor das Katastrophenszenario, gleichwohl er es nicht so bezeichnete: Den Austritt Griechenlands aus dem Euro. Das geliehene Geld sei sowieso futsch, größtenteils zumindest.

Empörung nach Lucke-Manier. Aber auch da hatte man den Eindruck, es rede lediglich ein Roboter aus ihm. Dann kam ihm Jauch, dem deutlich anzusehen war, dass er mit Lucke nur wenig Geduld hatte, noch philosophisch: "Hat der Begriff Schulden auch mit Schuld zu tun?" Dieses Fass wollte Lucke, stirnrunzelnd, nun wirklich nicht aufmachen.

Wenn das Orakel spricht

Vielleicht hat er das Orakel von Delphi befragt, Wolfgang Bosbach jedenfalls prophezeite: "Unter Tsipras geht Griechenland schweren Zeiten entgegen". Und Jauch unkte dazu: "Wenn wir eine Situation hätten wie in Griechenland, würden bei uns nicht die Rathäuser brennen?" Mit einem Pathos vorgetragen als würde er einen ARD-Spielfilm um 20.15 Uhr ankündigen. Aber da ging noch mehr, und CDU-Politiker Bosbach wusste auch wie. Denn er war es, der nach dem Alten und dem Neuen Testament die Bibel nun wohl um ein weiteres Testament erweitern wollte: "Das wäre das größte Wunder seit der Auferstehung des Herrn, wenn Griechenland in der Lage wäre, die aufgenommenen Schulden pünktlich und in voller Höhe zurückzuzahlen."

Doch von wegen Wunder. Griechenland könne, so Bosbach weiter, nun mal nicht zahlen: "Nicht, weil es nicht will, sondern weil es aus ökonomischen Gründen nicht kann." Der "Menschenfänger" Tsipras und seine Regierung aber könnten "nicht ernsthaft erwarten, dass die Steuerzahler in anderen Staaten das bezahlen, was er seinen Wählern versprochen hat". Dann Bosbachs Blick zurück: "Es gab von Anfang an massive Bedenken, ob Griechenland es schaffen kann."

Licht am Ende des Tunnels

Ginge es nach Katja Kipping, die sich mit Bosbach immer wieder um Wortbeiträge "raufte", wäre eine Lösung in Sicht: "Das Naheliegendste wäre eine Besteuerung für Millionäre und Milliardäre." Sie sorge sich allerdings um eine massenhafte Kapitalflucht aus Griechenland. Umso nachdrücklicher betonte sie, dass man die Steuerpflicht europaweit an die Staatsbürgerschaft koppeln solle, damit die Reichen nicht einfach dorthin gingen, wo sie die niedrigsten Steuern zahlten. Tsipras' Wahlsieg nannte Kipping "notwendig für die Wiederaneignung der Demokratie." Freude auch bei dem Journalisten Michalis Pantelouris. Der Halbgrieche erklärte, dass sich mit der neuen Regierung die große Hoffnung verbinde, "ein modernes, transparentes und nicht korruptes Griechenland zu schaffen."

Jauch überraschte zum Schluss damit, mindestens so alt werden zu wollen wie Jopie Heesters. Zumindest, er rechnete flugs mal nach, das Ende der Tilgungszeit der Griechenland-Kredite sei 2057: "Da bin ich 101 Jahre alt." Und stellte die berechtigte Frage: "Was hilft es, immer weiter zu strecken?" Jauch sah in die Runde: "Griechenland kann es nicht schaffen, Deutschland will nicht weiterzahlen, wo ist die Lösung?" Dann tuschelte Anja Kohl, die Frau im helllilafarbenen Hosenanzug, schick übrigens, dem Moderator etwas zu. Und Jauch übersetzte laut: "Frau Kohl flüstert mir zu, wir brauchen eine Lösung." Allein: Die Wiederholung der Forderung wird sie nicht bringen. Mitten hinein in die Ratlosigkeit war die Schalte dran zu den "Tagesthemen", zu Caren Miosga nach Hamburg. Und die verkündete: "Hier brennen die Lampen noch." Ein Hoffnungsschimmer. Immerhin.

  • Sylvie-Sophie Schindler