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30. Juli 2008, 07:03 Uhr

Rauchen gefährdet Ihre Kneipe

Verboten ist drinnen das Rauchen und draußen der Alkoholkonsum. Wo er erlaubt ist, fühlen sich Anwohner gestört oder werden Gäste gegängelt. Das Rauchverbot ist für viele Wirte der Tropfen, der ein volles Fass zum Überlaufen bringt - einseitige Betrachtungen vor der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von Niels Kruse.

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Ein Public Viewing aus dem Gerichtssaal kommt auch nicht alle Tage vor - doch für die Kneipiers geht es beim Rauchverbotsurteil um einiges© Thomas Kienzle/AP

Andi Schmidt gibt nach 18 Jahren auf. Sein Laden auf der Hamburger Reeperbahn, das Molotow, eine Kaschemme mit miesem Sound aber liebevoller Live-Band-Auswahl wird Ende des Jahres schließen. Das Problem: Die Gäste trinken nicht mehr so viel, wie sie müssten, also wie Andi Schmidt es bräuchte. Für seinen Umsatz natürlich. Herr Schmidt sagt, die Leute würden zu sehr auf den Cent achten, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn an dem drohenden Aus seines alterwürdigen Klubs ist natürlich auch das Rauchverbot Schuld.

Und das geht so: Wer Rauchen will oder muss, zieht sich entweder in ein Kabuff mit der Aura eines begehbaren Aschenbechers zurück. Begehbare Aschenbecher aber genießen auch unter Rauchern einen zweifelhaften Ruf. Deshalb also raus. Dorthin aber dürfen an der Bar gekaufte Drinks nicht immer mitgenommen werden. Oder die Stadt macht ausnahmesweise mal ernst mit ihrem Alkoholverbot auf offener Straße nach 23 Uhr. So oder so steht der Gast doof da, mit Zigarette im Gesicht aber ohne Drink in der Hand.

Der verhängnisvolle Kaskadeneffekt

Was tun? Wer ohnehin schon einmal draußen ist, schlendert an die nächste Ecke, deckt sich dort mit einer Portion Alkohol ein. Doch dann setzt ein verhängnisvoller Kaskadeneffekt ein: Zum Bier noch eine Zigarette, und noch eine, dann ist plötzlich zu viel Zigarette da - ohne Bier, doch irgendeiner geht schon die nächste Runde holen. Beim Kiosk, an der Esso oder beim Penny. So geht das dann weiter und weiter, den ganzen Abend lang, und keiner will mehr was von Andi Schmidt. Außer ein paar Konzerte. Aber damit verdient er kein Geld, was schlecht für ihn ist.

Immerhin: Auf der Reeperbahn stört sich niemand daran, wenn die Leute aus lauter Jux und Dollerei nachts auf der Straße stehen. Die paar Anwohner wollen es ja nicht anders. Nicht so im Schanzenviertel, ein paar Fußminuten entfernt vom Kiez. Auch einer dieser Ecken, wo die Menschen früher einmal in Massen hingezogen sind, weil immer was los war. Heute beschweren sie sich darüber, weil immer was los ist. Über Raucher zum Beispiel, deren Qualm in die Wohn-, Kinder- oder Badezimmer zieht. Oder über die Lautstärke der Cafés und Bars, über die angeregter Gespräche. Über Anstoß-, Anmach- oder Anlasserlärm, immer ist es zu laut, zu stinkig oder beides. Im Zweifel rückt die Polizei an, schimpft, verhängt Bußgelder. Wer also nur mal schnell zum Rauchen raus will, setzt hier über kurz oder lang die Existenz des Wirts seines Vertrauens aufs Spiel.

Im Portugiesenviertel ist um elf Schluss

Zurück am Hafen, Dietmar-Koel-Straße im Portugiesenviertel. Eine andere Ecke Hamburgs, in der sich ein Café an das andere reiht. Dass hier um allerspätestens elf Uhr Schluss ist, daran haben sich Betreiber und Besucher gewöhnt. "Die Anwohner, sie wissen schon", heißt es dann, wenn Gästen kurzerhand der Drink aus der Hand gerissen wird, bevor der Wirt sie rauswirft. Doch die Stadt hat sich eine noch perfidere Gängelei ausgedacht. Optisch zu erkennen an blauen Markierungen auf dem Boden, die zentimetergenau anweisen, in welchem Rahmen sich die Außentische der jeweiligen Wirtschaft zu positionieren haben. Die Kneipiers achten penibel auf Einhaltung der Bannzone. Müssen sie, denn eine Grenzüberschreitung könnte teuren Folgen haben. Das heißt aber auch: Mal eben einen Stuhl von links nach rechts zu verrücken, um eine Zigarette einzunehmen, ist nicht drin.

Anderthalb Kilometer weiter westlich, am Fischmarkt, steht der Golden Pudel Klub. Noch so eine Tanzinstitution im Rot-Licht-Viertel. Hier schmeißt Viktor Marek den Laden, er wirkt etwas ratlos. Er selbst finde das Qualmverbot ja gut, auch wenn es ihm eigentlich egal sei ob die Leute in dem Laden nun rauchten oder nicht - Verbot hin oder her. Doch da hat der Wirt die Rechnung ohne die Konkurrenz gemacht: Denn was die Stadt mit ihrer Handvoll Kontrolleure nicht schafft, übernehmen die Rivalen kurzerhand selbst - die Bespitzelung des Wettbewerbers. "Was soll ich machen?", fragt Viktor. "Auch wenn es nur ein, zwei Leute sind - irgendjemand raucht ja immer außerhalb des Raucherraums." Und, schwupps, schon seien die Spione der anderen Wirte da und meldeten einen sofort beim Ordnungsamt. Maximale Strafe: 500 Euro pro erwischten Raucher.

Nun steht das Urteil des Verfassungsgerichts zum Rauchverbot in Kneipen an. ARD und ZDF übertragen live aus dem Gerichtssaal, das kommt auch nicht alle Tage vor. Zu sehen sein werden natürlich die rotberobten Richter sowie die Kläger Sylvia Thimm, Inhaberin des "Doors" in Berlin, Uli Neu vom Tübinger "Pfauen" sowie Wolfgang Wirsing, Chef der Heilbronner Großraumdisco "Musikpark". Sie fühlen sich unter anderem in ihren Grundrechten beschränkt, freie Geschäftsausübung etwa. Sie fühlen sich durch das Rauchverbot in ihrer Existenz bedroht, sich ungerecht behandelt, kurzum, der Qualmstopp ruiniere alles: Jobs, Familien, Betriebe, eine ganze Kultur.

Nur der berühmte letzte Tropfen

Molotow-Betreiber Andi Schmidt will dem Rauchverbot gar nicht die alleinige Schuld geben. Er ist auch vor der ausufernden Auflagenwut der Stadtoberen eingeknickt. Das Rauchverbot war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Das Molotow ist bereits der sechste namhafte Club, der in kurzer Zeit seine Schotten auf St. Pauli schließen wird. "Hier stirbt ein weltbekanntes Szeneviertel", sagt er, seufzt und überlegt, irgendwo hin zu gehen, wo einem nicht ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Er denkt dabei nicht an Deutschland.

 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
Knuffiman (30.07.2008, 10:07 Uhr)
@ embe
sie können sich doch ins lokal setzen, da ist es rauchfrei. dort werden sie nicht durch rauchschwaden belästigt. genau so, wie sie es doch wollen. jetzt meinen sie doch wohl nicht ernshaft auch draußen sitzen zu wollen, und sich dann über den rauch beschweren zu müssen. gehts noch ?? im lokal sind sie vollkommen ungestört, rauchfrei und sie können sich sogar aussuchen wo sie sitzen möchten. was wollen sie noch ??
leobissinger (30.07.2008, 10:03 Uhr)
regulierungseifer ?
@gaga007
Lese hier, dass es im ausland mit weniger regulierungen gäbe.
Kann Sie nur daraufhinweisen, dass es in Italien seit 2005 ein strenges gesetz zum thema rauchen gibt.
Und rauchende zeitgenossen werden auch zur kasse gebeten, wenn sie die toleranzgrenzen überschreiten.
Einfach mal googeln dann finden sie alles zum thema Rauchen in anderen ländern
embe (30.07.2008, 09:42 Uhr)
Dauerthema
Tja, vielleicht hätte man ja, ähnlich wie die Spanier, eine kleine Lücke, wie qm -Flächenbegrenzung berücksichtigen sollen.
Die sog. wärmeren Gegenden wie Spanien(2006), Italien (seit 2004), Frankreich (2007)nurmal beispielsweise genannt (von vielen) haben bereits ein sehr ausfühliches Rauchverbot, nur wird dort nicht so ein "Bohei" drum gemacht.
Das Hauptproblem ist, das Raucher nicht im mindesten nachvollzoehen können, welche Emissionen Sie anderen zumuten, das ist das Hauptproblem. Ich spreche da nicht nur aus eigener Erfahrung sondern alle im großen Famillienkreis , die selbst ein Leben lang raucher waren und aufgehört haben, können sich nun ein Bild davon machen und schämen sich dafür, was sie Ihrem Körper und Umgebung angetan haben. Ich musste beim letzten Restaurantbesuch (sogar draussen) mit Kopfschmerzen flüchten, nachdem am Nachbartisch 4 Kettenraucher meinten, Ihre Umgebung mit Nikotinschwaden überziehen zu müssen. Es ist einfach widerlich.
carloenzo (30.07.2008, 09:31 Uhr)
Ansichtssache
Obwohl ich Nichtraucher bin, plädiere ich eher für ein Verbot für das Mitbringen von Hunden in Speiselokalen, als für ein allgemeines Rauchverbot.
Wendraf (30.07.2008, 09:13 Uhr)
Rauchverbot
Ein wirklich wunderbares thema das sich bestens dafür eignet die Gemüter zu erhitzen und das Volk von echten Problemen abzulenken den nur darum wurde das ganze angeschoben. Meint den wirklich jemand irgend einen Politiker(die zum Großteil selber Qualmen)interesiren die Nichtraucher?
Ne nicht wirklich aber solang die diskusionen der Leute sich um solche dinge drehn denkt man weniger an die wirklichen Probleme des Landes und damit ist das angepeilte Ziel doch schon erreicht
Greatbigtonker (30.07.2008, 09:08 Uhr)
Absurdistan
Meine Stammkneipe ist auch so eine Einraumkneipe. Der Wirt achtet rigoros darauf, dass das Rauchverbot auch eingehalten wird.
Das Ergebnis sieht dann so aus, dass sich im Inneren der Kneipe kein Mensch mehr aufhält und alles draussen sitzt oder steht. raucher weil sie nur dort rauchen dürfen, Nichtraucher weil es ihnen zu blöd ist zu dritt in einer leeren Kneipe zu hocken.
Einen Vorteil hat das Gnaze, die Bedienung meinte letztens sie kann sich in der Kneipe das Tische abwischen sparen, da sie ohnehin kein Mensch mehr benutzt.
Wilkommen in Absurdistan.
harzveteran (30.07.2008, 09:06 Uhr)
Vorschriften, Vorschriften, Vorschriften
Ich bin selber Nichtraucher seit Geburt.
Jedoch sollte man den kleinen Eckkneipen ihre Raucher lassen. Da gehen doch eh nur die Leute hin, um mal ein Bier zu kippen und zu quatschen. Und die Rauchen selber oder nehmen es in Kauf, das dort geraucht wird. Drei-Gänge-Menu-Esser werden sich dort sicherlich nicht hin verlaufen, die gehen in die "richtigen" Restaurants.
Typisch Deutschland. Ich war oft in Dänemark zum Strandurlaub. Nicht ein Verbotsschild am Wasser.
Dann in Eckernförde, riesige Schilder in allen Farben, was hier alles am Strand verboten, nicht erlaubt und Gebühren kostet. Ich habs fotografiert und bei meinen Bekannten rumgezeigt. Es ist einfach nur noch zum Kopfschütteln mit der Gängelei.
Scrubbie (30.07.2008, 08:35 Uhr)
Ich bin immer noch der Meinung....
dass jedem Wirt selbst überlassen sein sollte, ob man in seinem Etablissement rauchen darf oder nicht.
Jeder Gast hat die Wahl!
Ich frage mich ernsthaft, wohin diese ganze Reglementierungswut noch führen soll. Wenn ich über die Jahre an all die Spaßbremsen denke, die in unseren Alltag schon eingebaut wurden, dann wird mir wirklich übel und ich empfinde es als beängstigend, wie wenig Entscheidungsfreiheit man mir noch lässt.
Ich möchte selber wählen dürfen, was ich tue!
Leseratte79 (30.07.2008, 08:28 Uhr)
Eine Kneipe...
... mit dem Namen Molotow- soso.
ToNovl (30.07.2008, 08:28 Uhr)
@ schnarch
gut andere Länder sind auch nicht in der Lage zu erkennen, dass es absolut sinnbefreit ist, den Menschen den "richtigen" Weg aufzuzwingen.
Das Argument, dass die Mehrheit der Menschen ein Rauchverbot begüßen würde, wie neulich erst gesagt, ist absoluter Schwachfug. Denn wäre das so, dann müsste man keine Nichtraucherkneipen erzwingen sondern diese würden sich von ganz alleine etablieren. Aber hier versuchen wieder einige Politikpädagogen ihre Lebensvorstellung auf das ganze Volk zu zwingen. Ich hoffe und wünsche mir, dass viele Menschen auswandern und in Ländern eine Existenz gründen, die es zu schätzen wissen, dass noch jemand etwas tut. Hier bei uns ist man doch als arbeitender der Depp. Regulierungswut und Sturheit unserer Beamten kochen selbst den härtesten ganz schnell weich. Ein super Beispiel, wie beschränkt unsere "Volksvertreter" eigentlich sind.
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