Mit seinem tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg hat er den Lauf der deutschen Geschichte verändert: Karl-Heinz Kurras, autoritärer Bürger, der von einer gestrigen Gesellschaft in Schutz genommen wurde. Wer war der West-Polizist in Ost-Diensten, der heute noch uneinsichtig ob seiner Tat von vor 42 Jahren ist? Und wie sah die Gesellschaft aus, die ihn prägte? Von Kuno Kruse

Eine fotografische Ikone der 68er: Friederike Dollinger hält ihrem sterbenden Kommilitonen Benno Ohnesorg den Kopf© Picture-Alliance
"Betrachten Ereignis als sehr bedauerlichen Unglücksfall." Mit diesem letzten Funkspruch des Stasi-Führungsoffiziers an Karl-Heinz Kurras schaltet das Ministerium für Staatssicherheit in Ost-Berlin seinen Agenten in der Westberliner Polizei ab. "Material sofort vernichten. Vorerst Arbeit einstellen."
Es ist der Sommer 1967. Stasi-Agent Kurras, Kriminalkommissar bei der Politischen Polizei in Westberlin, ist der Beamte, der den Studenten Benno Ohnesorg am Rande einer Anti-Schah Demonstration aus kurzer Entfernung in den Hinterkopf geschossen hat. Polizisten hatten eine Gruppe Studenten vorher in einen Hof getrieben und auf sie eingeprügelt. Das Foto von der Studentin, die ihrem sterbenden Kommilitonen den Kopf hält, wurde zur Ikone der Revolte, wie der Zigarre rauchende Che Guevara. Es war der 2. Juni. Er gilt als "Schlüsseltag", an dem die Studentenbewegung den "faschistoiden" westdeutschen Staat zum Feind erklärte, der dunkle Tag, an dem ein großes Kapitel in der Geschichte der Bundesrepublik seinen Lauf nahm. Bis in den Herbst 1977, dem Jahr des Terrors der RAF.
Jetzt, 42 Jahre später, entdeckten zwei Mitarbeiter der Birtler-Behörde die Agentenkarriere des Todesschützen Kurras in einer 17-bändigen Akte der Staatssicherheit, ungeschreddert. Ein Zufallsfund. Denn die Karten mit den Zugangsdaten der als "geheime Ablage" eingestuften Akte waren während der Wende vernichtet worden. Kurras selbst räumte die Stasi-Mitarbeit gegenüber der "Bild am Sonntag" inzwischen freimütig ein und ging ein Bier trinken.
Und mancher Zeitgenosse fragt sich nun, ob er im falschen Film war. "Der Tod von Benno Ohnesorg hat ungemein radikalisierend gewirkt. Und auch das Attentat auf Dutschke ist als indirekte Folge zu fassen," sagt der streitbare Historiker Götz Aly, selbst 68er, der sich mit einem Buch über die Revolte in seiner Alterskohorte kaum Freunde gemacht hat: "Zur Überraschung aller gerät alles noch einmal in ein neues Licht, das hat auch was Befreiendes."
Dass die Berliner Polizei, die ja sehr stark von ehemaligen SS-, Gestapo-, und Wehrmachtsleuten geführt wurde, einen unschuldigen Demonstranten per Genickschuss ermordet, das schien damals so wunderbar zu passen, dieser ekelhafte persische Potentat, die Liebesdienerei. Aly: "Wenn klar gewesen wäre, das war selber ein Irrgeleiteter, der eine merkwürdige Doppelexistenz führte und nicht nur dieser Polizeiführung gehorchte, sondern noch ganz anderen Mächten, dann hätte das alles nicht funktioniert." Statt gegen die verkrustete Gesellschaft liefen die Studenten nach dem 2. Juni nun Sturm gegen den Staat. Kurras hatte sich nicht für einen Spitzeldienst entschieden, als er sich 1955 bei der SED in der Wilhelm Pieck Straße meldete. Er wollte nur den Polizeidienst wechseln. Der lockte einen Mann wie ihn im Ost-Sektor genauso wie im West-Sektor der Stadt. Der eine stand dem anderen in seinem martialischen Auftritt in nichts nach, hüben wie drüben wurden Polizisten zuerst am Karabiner, und dann erst im Gesetz geschult. Für einen guten Schützen mit Karriereambitionen konnte der Dienst bei der Volkspolizei im Ostsektor 1955 genauso viel bieten, wie der Dienst in der "Stummpolizei". Das war der Ost-Terminus für die Kollegen im Westsektor, die sie nach dem Auseinanderbrechen der Verwaltung nach dem sozialdemokratischen West-Berliner Polizeipräsidenten Johannes Stumm benannt hatten.
Doch die Stasi ließ ihn nicht übersiedeln. Ein Mann in den Reihen der Polizei des West-Sektors konnte dem SED-Staat dienlicher sein als einer in den eigenen. Um seine "Ehrlichkeit" unter Beweis zu stellen, schlugen die neuen Kollegen von der Stasi vor, erst einmal als Informant in der West-Polizei für "die Ziele der DDR" zu arbeiten.
Kurras war kein flammender Sozialist, sondern "politisch ungeschult", wie es in seiner Verpflichtungserklärung für die Staatssicherheit nachzulesen ist. Aber einer, der von nun an unter den Tarnnahmen "Otto Bohl" seine "Arbeitskraft dem Friedenslager zur Verfügung stellen" wollte, wie man ihm in die Erklärung diktierte. Ein "Selbstmelder", wie die freiwilligen Überläufer bei der Stasi hießen. Erstaunlich für den Sohn eines ostpreußischen Gendarmen. Dazu ein Wehrmachtsfreiwilliger, der noch 1948 wegen antisowjetischer Propaganda und Waffenbesitz drei Jahre im sowjetischen Lager Sachsenhausen absaß. Seine Entlassung lag gerade fünf Jahre zurück.
Getarnt mit Brille und Hut wechselt Agent Kurras am Bahnhof Friedrichstraße zur Berichterstattung den Sektor, trifft "Trude", so der Deckname der kräftigen Agentenführerin Charlotte Müller, im "Schleusenkrug" im Tiergarten. Ein aufregendes Agentenleben mit Geheimschriften, Abhörmikrophonen, Minox-Miniaturkamera und sonntagnachmittags Funkverkehr. Die Quelle Kurras sprudelt immer reichhaltiger. Denn der Polizist mit Notabitur steigt zehn Jahre später im Westen in die Abteilung I der Politischen Polizei auf, die nach Spionen und Verrätern fandet. Als eine gefasste Agentin gleich auspackte, bat er seinen Führungsoffizier: "Gebt mir den Auftrag, die würde ich umbringen, so eine Verräterin."
Dass es sich bei Kurras um einen "autoritären Charakter" handelt, wie ihn Theodor Adorno in der Wortwahl der Frankfurter Schule nannte, ändert sich nicht dadurch, dass er für die SED arbeitete und dort 1962 Mitglied wurde. Im spießig Kleinbürgerlichen (damals hieß es frei nach Sigmund Freud "Analen") verband Ost und West damals viel mehr, als jede Blockzugehörigkeit trennen konnte. Rock'n'Roll, lange Haare und Schlaghosen schockten in den 60-ern Kommunisten genauso wie Demokraten.
"Gelbe Samtsessel ausgerichtet wie Soldaten auf dem Exerzierplatz, die Kissen symmetrisch angeordnet, kein Stück Geschirr steht in der Einbauküche herum, weiße Schränke und gewienertes Chrom, nicht einmal im Badezimmer liegt irgendetwas herum, das auf einen Bewohner hindeuten könnte. An den Wänden hängt kein einziges Bild. Nirgendwo ein Staubkorn." So beschrieb 1967 der stern-Reporter Heiko Gebhardt, der es im Mechanikerkittel in Kurras von der Polizei gewachtes Haus schaffte, die Wohnung des sauberen Schützen mit den messerscharfen Bügelfalten.