HOME

Kurras wird 80: Der Mann, der Benno Ohnesorg erschoss

Ein Schuss und ein Toter: Am 2. Juni 1967 tötete Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg. Der Polizist wurde nie dafür belangt - dank "verständnisvoller" Behörden und einer äußerst großzügigen Polizeigewerkschaft. Nun wird Kurras 80 Jahre alt und bereut nichts. Im Gegenteil.

Von Uwe Soukup

Der Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras hat Geschichte geschrieben - mit einem einzigen Schuss. Am 2. Juni 1967 tötete er in Berlin den Studenten Benno Ohnesorg. Das Echo dieses Schusses hallt bis in unsere Tage. Wäre es auch ohne diesen bis heute ungesühnten Tod Benno Ohnesorgs in den darauffolgenden Jahren zu der Eruption politischer Gewalt in der Bundesrepublik gekommen, die noch immer erbitterte Debatten auszulösen vermag?

Das muss Spekulation bleiben; einiges spricht dagegen. Das Foto des schwerverletzten Benno Ohnesorg und der Studentin Friederike Dollinger, die bei ihm kniet, aufgenommen auf dem Parkhof eines Wohnhauses in der Krummen Straße nahe der Berliner Oper, gehört sicherlich zu den wirkungsmächtigsten Fotos des 20. Jahrhunderts.

Tatumstände bis heute nicht aufgeklärt

Bis heute sind die Tatumstände nicht aufgeklärt. Kurras, Angehöriger der Politischen Polizei, wurde in zwei Verfahren freigesprochen. Allzu viele Sorgen, wegen seiner folgenreichen Tat verurteilt zu werden, brauchte er sich nicht machen. Im Vorfeld wurden von der Polizei mehrere ihn belastende Aussagen entsorgt; ein Tonband eines SDR-Reporters, das die vom Angeklagten zu seiner Verteidigung vorgetragenen Behauptungen widerlegt hätte, wurde "aus Zeitmangel" vor Gericht nicht angehört. Darüber hinaus arbeitete die Berliner Polizei bedenkenlos und eng mit dem Kurras-Verteidiger Gerd Joachim Roos zusammen; die Gewerkschaft der Polizei legte die nicht unbeträchtliche Summe von 60.000 D-Mark auf den Tisch, damit er die Verteidigung des Kollegen Kurras übernahm.

Aus Kreisen der Berliner Gewerkschaft der Polizei wurde auch die Anzeige gegen Sebastian Haffner initiiert, der in seiner wöchentlichen stern-Kolumne geschrieben hatte: "Was sich in der Berliner Blutnacht des 2. Juni ereignet hat, war nicht die Auflösung einer Demonstration mit vielleicht etwas zu rauhen Mitteln. Es war ein systematischer, kaltblütig geplanter Pogrom, begangen von der Berliner Polizei an Berliner Studenten. Die Polizei hat die Demonstranten nicht, wie es üblich ist, verjagt und zerstreut, sie hat das Gegenteil getan: Sie hat sie abgeschnitten, eingekesselt, zusammengedrängt und dann auf die Wehrlosen, übereinander Stolpernden, Stürzenden mit hemmungsloser Bestialität eingeknüppelt und eingetrampelt."

Als Haffner von der Polizei, die ihn angezeigt hatte, vorgeladen wurde, erklärte er: "Ich möchte mich heute nicht äußern, außer dass ich den Artikel geschrieben habe und nach meiner Rechtsauffassung den Tatbestand der Beleidigung als nicht gegeben betrachte." Haffner erhoffte sich einen politischen Prozess, zu dem es allerdings aufgrund der "68er-Amnestie" nicht gekommen ist.

Noch in der Nacht zum 3. Juni 1967 polterte der Kriminalhauptmeister H. bei einer Besichtigung des Leichnams von Benno Ohnesorg lautstark, der Tote sei "zu seinen Lebzeiten" einer der "größten Krakeeler" der Anti-Schah-Proteste am Vorabend vor der Oper gewesen. Dass auch Karl-Heinz Kurras in der gleichen Nacht den Leichnam Ohnesorgs zu Gesicht bekam, dürfte mit der Strafprozessordnung kaum vereinbar sein. Der Rücken Ohnesorgs, das habe Kurras selbst gesehen, sei voller Striemen gewesen, und er schließt daraus noch heute: "Das muss ja ein ganz Schlimmer gewesen sein." Richter Geus hielt in seinem Kurras freisprechenden Urteil fest: "Es besteht leider der dringende Verdacht, dass auf Ohnesorg auch dann noch eingeschlagen wurde, als er tödlich getroffen bereits am Boden lag."

Kurras wird an diesem Sonnabend 80 Jahre alt. Der Tod Ohnesorgs belastet ihn nicht. Im Gegenteil: Heutige Polizisten würden viel zu selten von der Schusswaffe Gebrauch machen. Er könne vielleicht einen Schlag abbekommen, aber keinen zweiten. "Dann ist der Junge aber vom Fenster. Fehler? Ich hätte hinhalten sollen, dass die Fetzen geflogen wären, nicht nur ein Mal; fünf, sechs Mal hätte ich hinhalten sollen. Wer mich angreift, wird vernichtet. Aus. Feierabend. So iss das zu sehen."

Ein schwieriges Erbe: Am Vormittag des 2. Juni 2007 ließ der Berliner Polizeipräsident erstmals einen Kranz am Gedenkrelief vor der Deutschen Oper niederlegen. Auf der Schleife die Worte: "In stillem Gedenken."

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren