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"Der Baader Meinhof Komplex": "Ihre Lust ist der Krieg"

Vor sieben Jahren hat sein Roman "Das Rosenfest" Literaturkritiker aufgeschreckt. Mit dem fiktionalen Liebesmärchen zwischen den RAF-Terroristen Baader und Ensslin hatte Leander Scholz offenbar ein Tabu gebrochen. stern.de sprach mit dem Autoren über den Film "Der Baader Meinhof Komplex" und die neue Radikalität.

Von Sophie Albers

Vor allem die Herrin der renommierten TV-Show "Das Literarische Quartett" hat ihm seinen Roman übel genommen. Sigrid Löffler urteilte hart über "Das Rosenfest" von Leander Scholz, der sich nicht an die Fakten gehalten habe und doch noch nicht auf der Welt gewesen sei, als Benno Ohnesorg erschossen wurde.

Querbeet setzte es im Frühjahr 2001 Schelte für das Märchen, das ganz bewusst vor den Terror der RAF die Liebe von Andreas Baader und Gudrun Ensslin setzte. Und das auch noch mit reichlich Fantasie. "Provokant" war das freundlichste Wort, "pointenrasselnder Bürgerkriegsmarsch", "kitschige Bonnie-und-Clyde-Story", "Fortsetzung des Mythos" die anderen.

Sieben Jahre später hört es sich wieder ganz ähnlich an in den Feuilletons. Doch geht es diesmal um die Verfilmung von Stefan Austs "Der Baader Meinhof Komplex". Leander Scholz hat ihn sich für stern.de angesehen.

Herr Scholz, hat Sie der Film enttäuscht, überrascht, verärgert?

Er hat mich erschöpft. Zu meiner Verblüffung hat er mich nicht gelangweilt. Er ist durchweg spannend, aber er hat mich wirklich physisch erschöpft, weil er visuell anstrengend ist. Das ist ein Actionfilm, der zweieinhalb Stunden lang vom Krieg berichtet. Er geht völlig weg von Psychologie und Charakteren, es geht scheinbar nur um Ereignisse. Wie bei jedem Kriegsfilm ist es irgendwann egal, warum man eigentlich Krieg führt. Es geht nur noch darum wie. Ob es gute Krieger sind oder schlechte...

Und was für Krieger sind Baader & Co.?

Baader wird als geborener Krieger eingeführt. Bei ihm geht es nicht um Gut oder Böse, sondern um die Wahl der Mittel. Der Film nimmt die Perspektive der RAF ein. Und für die war es ein Bürgerkrieg, den der Staat verweigert hat, als solchen anzuerkennen. Es geht um die Organisation der Gruppe. Elemente, die nicht kriegsfähig sind, werden ausgeschaltet. Beeindruckt hat mich das konsequente Durchhalten dieser Perspektive.

Und Meinhof war nicht kriegsfähig?

Aus der Perspektive der Kriegsgeschichte war sie zu schwach. Sie musste untergehen. Das ist nur konsequent. Und der Zuschauer versteht die Logik. Die Anführer sind die Stars.

Sind das eigentlich mittlerweile Popstars?

Sie werden als Helden präsentiert. Baader zeigt keinen Augenblick Schwäche, Ambivalenz oder Angst. Bis zum Selbstmord.

War dieser Film notwendig, hat er der Auseinandersetzung mit der RAF etwas hinzugefügt?

Er hat das Thema endgültig in ein Filmgenre überführt. Er ist nicht mehr unsicher, was seinen Stoff angeht. Er tastet sich an nichts mehr heran. Der Film weiß alles. Es ist nicht mehr notwendig, irgendetwas offen zu lassen. Es gibt nichts, wo der Regisseur überfordert scheint. Er hat den Stoff vollkommen im Griff.

Führt das zu einer Demystifikation? Von der war in der Presse ja schon vor dem Filmstart die Rede.

Schwierige Frage. Aufschlussreich ist vielleicht die letzte Szene. Einerseits wird gesagt, Baader und Ensslin seien keine Helden gewesen. Andererseits wird ihr Selbstmord so dargestellt, als hätten sie bis zuletzt souverän über ihr Leben verfügt. Der Film suggeriert, sie hätten sich in dem vollen Bewusstsein umgebracht, dass sie zum Mythos werden. Und das darzustellen, löscht den Mythos nicht aus. Diese Szene ist deshalb ambivalent, weil sie den Zuschauer direkt anspricht: Es sollen keine Helden gewesen sein, dabei wurden sie doch gerade zweieinhalb Stunden lang als Helden vorgeführt. Meines Erachtens ist die letzte Szene eine Alibi-Szene für das schlechte Gewissen des Regisseurs.

Als nächstes kommt die TV-Produktion "Mogadischu" über die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut. Ist gerade eine Vergangenheitsbewältigungsphase abgelaufen?

Ich denke, das ist alles noch Teil der Historisierung.

Was steht an deren Ende?

Nach 1977, der realen Niederlage der ersten Generation, hat der Kampf um die Deutungshoheit begonnen. Dieser Film schreibt einen Mythos weiter, der erst dann aufgelöst wäre, wenn die Figuren keine Faszination mehr ausüben würden.

Sie haben vor sieben Jahren für ihr Buch "Rosenfest" - ein fiktionaler Roman über das Liebespaar Baader und Ensslin - harsche Kritik einstecken müssen. Haben Sie das Buch vielleicht zu früh geschrieben?

[Lacht] Nein. Es gehört zu den ersten literarischen Auseinandersetzungen mit der RAF nach deren Auflösung. Aber es ist psychologisch angelegt. In welcher romantischen Tradition der Todessehnsucht steht das Paar? Warum geht von den Beiden eine derart libidinös besetzte Faszination aus? Das waren meine Fragen. Die spielen in diesem Film keine Rolle. Da geht es in erster Linie um Gewalt. Als Kriegsfilm muss er zeigen, dass Krieg furchtbar ist. Aber gleichzeitig bedient er die bürgerliche Faszination am Ausnahmezustand.

Ist er denn ein abschreckendes Beispiel?

Baader und Ensslin scheinen in diesem Ausnahmezustand glücklich zu sein. Natürlich findet der Zuschauer das interessanter als das eigene Spießer-Leben. Schließlich sind sie sogar bereit, dafür in den Tod zu gehen. Ihre Lust ist der Krieg. "Ficken und Schießen", sagt Baader ja auch, das ist ihr existentieller Entwurf.

Ist der Tod also eigentlich ein Happy End?

In dieser Logik ja. Was ich an dem Film bemerkenswert unreflektiert finde, ist, dass er überhaupt keinen Blick für die Fallstricke der Inszenierung einer historischen Figur hat. Baader hat sich von vornherein wie ein Filmstar benommen. Mit seiner Kleidung, seinen Autos kopierte er einen bestimmten Typus der Unterhaltungsindustrie. Der Film geht dieser Inszenierung auf den Leim, er verdoppelt sie einfach. Daran zeigt sich, dass man dem Mythos auch nicht durch eine vermeintlich realistische Erzählweise beikommt.

Was glauben Sie, kommt als nächstes?

Von mir aus könnte jetzt mal ein bisschen Ruhe einkehren. [lacht] Aber bei aller Kritik: Ich finde, der Film ist ein wichtiger Beitrag. Er ist radikal. Deshalb ist er auch nicht langweilig.