Die 68er Überall regt sich Protest


Bourgeoisie, Kommunismus, Orgasmustheorien: 1968 öffneten sich beinahe täglich neue Welten. stern-Auslandschef Peter Meroth war damals 17 Jahre alt und zieht zum Auftakt der neuen stern-Serie eine persönliche Bilanz. Teil II

"Keine Experimente" lautete der Slogan, mit dem Adenauers CDU 1957 die absolute Mehrheit holte. Erhard ging noch einen Schritt weiter. Sein Konzept der "Formierten Gesellschaft", das den Interessengegensatz von Arbeitgebern und Arbeitnehmern überwinden wollte, versprach den Bürgern Wohlstand, wenn sie nur stillhielten im autoritären Staat. Dementsprechend dressierten sie ihre Kinder.

An den Schulen war noch die Prügelstrafe erlaubt. Ein Pfarrer aus Hildesheim, der für seine Schläge berüchtigt war, haute 1966 einem Schüler einen Haselnussstock auf den Kopf, bis das Holz zerbrach. Als die Mutter des Zehnjährigen Anzeige erstattete, drohte der Geistliche, die Taufe des Kindes, mit dem sie demnächst niederkommen würde, zu verweigern. Trotz aller Einsprüche durfte der Prügelpädagoge weiter unterrichten.

Brandts Sohn nackt und mit Eisernem Kreuz

Als der stern berichtete, dass Lars, Sohn von Willy Brandt, bei der Verfilmung des Grass-Buchs "Katz und Maus" nackt mit einem Eisernen Kreuz am Hals auftritt, löste das eine Flut von Leserbriefen aus. "Ein Vater, welcher öffentlich bekennt, dass er es sich in seiner Position nicht leisten kann, seine Söhne zu kommandieren, gehört abgesetzt. Lars, diese Missgeburt an Frivolität, sollte man des Landes verweisen oder wenigstens sterilisieren", schrieb Hans Weber, ein Kaufmann aus Ulm.

In dem Wahn der Ordnung und Unterordnung, in dem Eltern Jeans verboten ("Zieh dir eine anständige Hose an"), Lehrer gegen Make-up vorgingen ("Malstunde ist erst morgen"), war es leicht, den Außenseiter zu geben. Es genügte, eine verwaschene "Levi's" zu tragen, dazu einen Parka, die Uniform der Kriegsgegner, und die Mähne wachsen zu lassen. Ein Mitschüler, gut zehn Jahre jünger, stets beste Noten, sagte mir später, seine Eltern und Großeltern hätten ihn gewarnt, nur ja nicht so zu werden wie ich (Danke, Charly, so haben wir uns das damals gewünscht).

Zu den Schwabinger Studentenkrawallen 1962 kam es, weil ein Pärchen barfuß zum Spiel zweier Gitarristen twistete. Aus dem Widerstand gegen die Festnahme der Straßenmusiker entwickelten sich stundenlange Schlachten, in deren Verlauf die Jugendlichen von der Polizei systematisch zusammengeschlagen wurden.

Aufregung um drei Sexszenen

1964 verursachte der Film "Das Schweigen" mit drei Sexzenen, die -alles züchtig verhüllt - zusammen keine zwei Minuten dauern, einen im Bundestag diskutierten Skandal. Bis 1973 war noch der Kuppeleiparagraph in Kraft. Wer einem unverheirateten Paar Räume zur Verfügung stellte, dem drohte Gefängnis. Das galt auch für Eltern, die ihrer Tochter gestatteten, den Freund über Nacht mitzubringen. Vermieter ließen sich nicht nur den Trauschein vorlegen, sondern kontrollierten auch die Bettlaken. Und dann gingen die Frauen plötzlich ohne Büstenhalter. Überall regte sich Protest.

Manche hatten schon im Oktober 1964 den aufziehenden Sturm gespürt, als Hunderttausende in Rom Palmiro Togliatti zu Grabe trugen, den legendären Parteichef der italienischen Kommunisten. Für andere war das kalifornische Berkeley das Fanal, wo 6000 Studenten nach einem Redeverbot für den radikalen Bürgerrechtler Malcolm X im Dezember die Universität besetzten.

In Berlin untersagte der Rektor der FU im Mai 1965 einen Auftritt des Publizisten Erich Kuby, weil der sieben Jahre zuvor gegen den Namen "Freie Universität" polemisiert hatte. Fast ein Fünftel der Immatrikulierten nahmen an Protestaktionen teil, 3000 Studenten unterschrieben eine Resolution. Sie verwiesen ausdrücklich auf das Free-Speech-Movement in Kalifornien, sie begriffen sich als Teil der weltweiten Bewegung.

Die Jugend hörte die Signale

Die Jugend des Landes hörte die Signale. Zum Beispiel Christa und Rolf. 1966 starten sie vom Niederrhein nach Berlin, "im VW Standard, mit Zwischengas". Unterwegs diskutierten sie, ob sie sich dem aus der SPD ausgeschlossenen Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) oder dem parteitreuen Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) anschließen sollten. Christas Argument war typisch für die Zeit: "Wenn schon, denn schon!" Der SDS residierte in bester Lage am Ku'damm. Links auf der Etage das Büro, rechts die WG, in der auch Rudi Dutschke einige Zeit mit seiner Frau Gretchen lebte. Montagabends war Jour fixe, wer mitmachen wollte, konnte sich dazusetzen, alle redeten durcheinander, Abstimmungen galten als formalistischer Kram, der Rest ergab sich irgendwie. "So muss Leben sein", dachte Christa, "chaotisch ohne Ende".

Eine Aktion jagte die andere. Sitzstreik gegen den Vietnamkrieg, Sit-in gegen ein Raumverbot, Go-in gegen einen kolonialistischen Afrika-Film, Spaziergänger-Demo auf den Gehsteigen des Ku'damms. Abends rollte Rudi Dutschke eine Landkarte aus und erklärte die neuesten Operationen Che Guevaras, der mit einer Partisanengruppe in Bolivien kämpfte. Dann zog man in die "Grotte", was essen.

"Oft war das Bedürfnis nach Gemeinsamkeit unter den Genossen mit der Kneipe noch nicht erfüllt. 1967 gingen anschließend alle ins Kino, 'Viva Maria'. In den Bildern mit Brigitte Bardot und Jeanne Moreau sahen sie, was sie fühlten: Dynamit, das in seinen Explosionen alles Schlechte und abgrundtief Böse mit sich zerriss, die Mischung aus sexuellem Begehren, revolutionärer Politik und Poesie", erzählt der Schriftsteller Peter Mosler. Er machte die Revolte in Tübingen, Berlin und Frankfurt mit, arbeitete sie später als einer der Ersten in anschaulichen Texten und kluger Analyse auf. Die SDSler träumten davon, die Rolle der kreativen Vorhut zu übernehmen, und wie die Gauklertruppe im Film den Funken des Aufruhrs ins Volk zu tragen.

Eine "Viva-Maria-Gruppe" bereitete die Gründung der Kommune I vor. "Ich denke, dass die Kommune in Form der losen und politischen Zusammenarbeit und des direkten Zusammenlebens von freien Individuen die adäquate Antwort unserer Tage sein könnte ...", hatte Rudi Dutschke in einem Interview erklärt. Die verquaste Theorie setzten die Kommunarden um Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel und Dagrun Enzensberger plakativ in Szene. Drei Frauen, vier Männer und ein Kind nackt vor einer weißen Wand - das Foto verbreitete die Idee vom wilden Leben ohne Besitzansprüche (auch in der Partnerschaft) bis ins hinterste Dorf.

Einer ganzen Generation ins Gedächtnis gebrannt

Dann kam der Abend des 2. Juni 1967. Die Chronik der Ereignisse ist einer ganzen Generation ins Gedächtnis gebrannt: Wie der Berliner Senat den Schah von Persien hofiert, diesen "Schlächter auf dem Pfauenthron". Wie die Damen der Gesellschaft sich im Glanze Farah Dibas sonnen. Wie Studenten den Staatsgast schon am Nachmittag in Sprechchören als "Diktator" und "Mörder " beschimpfen. Wie Jubelperser mit Stahlruten und Holzlatten auf sie einprügeln. In Berlin herrscht Frontstadt-Stimmung. Um 20 Uhr stehen die Demonstranten dichtgedrängt vor der Oper. Als die Staatskarossen vorfahren, fliegen Farbeier und Steine. Der Schah und seine Frau verschwinden rasch in der Oper. Um 20.07 Uhr rückt die Polizei vor. Die Taktik hatte Polizeipräsident Duensing vorgegeben: "Nehmen Sie die Demonstranten als Leberwurst, dann müssen wir in die Mitte hinein stechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzt." Es wird eine Treibjagd durch die Stadt. Die Demonstranten fliehen vor den Gummiknüppeln und Wasserwerfern, die Polizisten verfolgen sie in Hauseingänge und Hinterhöfe. Als der Germanistikstudent Benno Ohnesorg beim Grundstück Krumme Straße 66/67 geborgen wird, tödlich getroffen von einer Kugel aus der Waffe des Kriminalobermeisters Karl-Heinz Kurras, weist sein Körper auch 13 große Blutergüsse auf. Noch in der Nacht wird das Gerücht verbreitet, Demonstranten hätten einen Polizisten erstochen.

Am nächsten Tag erscheint die "Bild"-Zeitung mit der Schlagzeile "Blutige Krawalle: 1 Toter!" und kommentiert: "Sie müssen Blut sehen. Hier hören der Spaß und der Kompromiss und die demokratische Toleranz auf." Karl-Heinz Kurras kommt in zwei Prozessen mit einer abenteuerlichen Notwehr-Version davon, wird in den Innendienst versetzt, bleibt bis zur Pensionierung 1987 bei der Funkleitzentrale.

Nach dem Tod Benno Ohnesorgs erfasst eine Welle der Trauer und Wut die Republik. Dann ein Sturm des Protests. Die Linken, die Aufsässigen, die Unzufriedenen, die Unbequemen, alle, die sich von der "Formierten Gesellschaft" ab- und ausgestoßen fühlten, erleben eine nie gekannte Solidarisierung. Anthroposophen und Pazifisten, Freidenker und Querköpfe, Homosexuelle und Ausländer, Kommunistensöhne und Pfarrerstöchter - "plötzlich waren wir alle einander Du", beschreibt Mosler das neue Gefühl.

Sie diskutieren, verfassen Flugblätter, ballen die Fäuste und sehen sich bald in einem Wirbel politischer Aktionen, der die ganze Welt umzukrempeln scheint. Bis zum Mai 1968 kommt es in nahezu allen Erdteilen zu Universitätsbesetzungen, Streiks, Massendemonstrationen, Straßenschlachten. In Washington protestieren 250.000 Menschen gegen den Vietnam-Krieg. In Prag wollen die Reformer um Dubcek einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz " wagen. In Paris formieren sich über eine Million Schüler, Lehrlinge, Studenten und Arbeiter zum größten Demonstrationszug der französischen Geschichte. Nach den Unis werden auch Fabriken besetzt, Staatspräsident de Gaulle flieht heimlich außer Landes.

Notstandsgesetze durch den Bundestag gepaukt

Als in Deutschland die Notstandsgesetze am 30. Mai in dritter Lesung durch den Bundstag gepaukt werden, flaut der Protest ab. In den Wochen davor hatten in mehr als 50 Städten noch über 80.000 Menschen demonstriert, jetzt kommen zum SDS-Kongress nach Frankfurt nur noch ein paar hundert. Die Studenten sind ratlos. Der Wirbelsturm der Revolte, der sie vereint hatte, schien einen heißen Mai lang die alte Ordnung aus den Angeln zu heben. Als er sich legt, reiben sich alle die Augen, und viele finden sich auf neuen Gleisen wieder. Der Jura-Student wandelt sich zum Sponti, die Pfarrerstochter wird zur Terroristin, der rebellische Schüler dealt mit LSD, der Anthroposoph schließt sich den Haschrebellen an, die Kindergärtnerin fühlt sich als Hexe, der Germanist will die Arbeiter mobilisieren.

Inzwischen empfinden sie die Schimpfworte "Radikalinski" und "Revoluzzer " als Ehrentitel. Sie gefallen sich darin, Worte zu gebrauchen, die "gestern noch als ebenso unanständig" galten "wie Fisch mit dem Messer zu essen".

Staunen über eine neue Welt

Kapitalismus, Kommunismus, Bourgeoisie. Viele staunten, welch neue Welt sich ihnen öffnete: die Schriften Rosa Luxemburgs oder Walter Benjamins, Romane von Franz Jung, die Orgasmustheorien Wilhelm Reichs - es gab ganze Bibliotheken über die sozialen Experimente, die der Nationalsozialismus gewaltsam beendet hatte.

Einige Fraktionen bedienten sich beim "Schritt von der revolutionären Theorie zur revolutionären Praxis" aus Thälmanns Nachlass. Dessen KPD, 1932 noch drittstärkste Partei, war ja nie von den Bürgern abgewählt, sondern im Dritten Reich von der Gestapo zerschlagen worden. Viele fühlten sich berufen, nach der Abrechnung mit den Nazi-Vätern in einer Art zweiter Vergangenheitsbewältigung das alte Arsenal des Klassenkampfs noch einmal auszuprobieren. Erst feierten sie sich als die wahren Erben von 68. Später schämten sie sich, dass sie in den K-Gruppen ihre Ideale verleugnet und sich den Ritualen des Marxismus-Leninismus unterworfen hatten, um ihn dann doch nur ad absurdum zu führen. Ich lernte dabei, wie eine Sekte funktioniert.

Mit viel Solidaritäts-Hallelujah und Realitätsverlust. Immerhin machte die "Kapital"-Schulung immun gegen Terror-Sympathien. Die 68er waren kritisch gegen alles, nur nicht gegen sich selbst. Hätten die führenden Köpfe nicht erkennen müssen, dass die RAF nach dem ersten Kaufhausbrand, gelegt von Andreas Baader und drei Genossen am 2. April 1968 in Frankfurt, nur noch in eigener Sache bombte und mordete. In einer irren Abfolge von Festnahme, Gefangenenbefreiung, Festnahme, Befreiung, Festnahme und so fort? Und dass die Mordkommandos der Terroristen, benannt nach toten Gesinnungsgenossen, nur noch den Ritualen der Blutrache folgten? Viele waren blind vor Wut auf die Staatsgewalt, die sie am eigenen Leib zu spüren bekommen hatten. Sie konnten Benno Ohnesorg nicht vergessen. Und nicht die Lügen nach seinem Tod, die über die Jahre fortwirkten und Zweifel säten, bis hin zu den Selbstmorden von Stammheim.

Zum Glück war 68 keine Revolution im Sinne von Marx und Lenin, mit dem Übergang der politischen Macht von der einen Klasse zur anderen. Die rebellischen Herausforderer waren weit davon entfernt, auch nur ein Bezirksrathaus zu übernehmen. So blieben die wilden Parolen unverbindlich, die Radikalität eine Pose. Jede praktische Politik, die man daraus hätte stricken wollen, hätte das genaue Gegenteil dessen hervorgebracht, was die Bewegung forderte - und in ihrem Scheitern erreichte: Freiheit, Toleranz, Menschlichkeit. Eine Revolution in den Köpfen.

Tatsächlich wurde die Gesellschaft ziviler und offener: 1973 beschließt die Sozialliberale Koalition gegen die Stimmen der CDU/CSU ein neues Sexualstrafrecht. Von nun an gibt es keine "Verbrechen und Vergehen wider die Sittlichkeit" mehr, sondern nur noch "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung".
In den 70ern fällt die Prügelstrafe an den Schulen.
1975 ziehen die USA aus Vietnam ab. 1995 bekennt Ex-Verteidigungsminister Robert McNamara in seinem Buch "Vietnam - Das Trauma einer Weltmacht": "Wir haben uns schrecklich geirrt. Und wir sind künftigen Generationen eine Erklärung schuldig, warum das so war." Nun wird auch bekannt, dass die US-Regierung Deutschland seit 1966 gedrängt hatte, Bundeswehrsoldaten nach Vietnam zu entsenden. Erst "mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg" sei das Projekt "innenpolitisch nicht mehr durchzusetzen gewesen".

DDR - "Deutschland minus 68"

2007 sind 16 Prozent der Studierenden an Hochschulen Arbeiterkinder (1968 waren es fünf Prozent). Am Christopher Street Day in diesem Jahr beobachte ich eine Strapsgruppe, die nebenan bei Penny fröhlich einkauft. Im Herbst höre ich die Nachrichten von Mügeln, wo in der Nacht sieben Inder durch den Ort gejagt wurden, und ich denke an das Wort des Politologen Wolfgang Kraushaar, der die DDR als "Deutschland minus 68" charakterisierte und damit die Bewegung adelte.

Hat sie es verdient? Die gefühlte Revolution krempelte Familien und Beziehungen um, machte Sperrmüll salonfähig, half Lehrlingen mehr Rechte durchzusetzen und gab der Frauenbewegung zusätzlichen Zündstoff.

Diskussionen des 21. Jahrhunderts

Die stern-Serie erzählt, wie die 68er mit ihren Vätern abrechneten, für den Vietcong schwärmten, wie Sex zum Instrument der Befreiung und neuen Unterdrückung wurde, wie der Terror begann, wie die Musik revolutioniert und die Bildungsreform verschlampt wurde und wie schrill die Mode war. Aber wahrscheinlich bleibt doch das größte Verdienst der 68er, dass sie ihren Kritikern so viel Projektionsfläche boten, dass sie sogar noch für die Diskussionen des 21. Jahrhunderts reicht.


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