Solo über tiefem Wasser

An der Küste von Mallorca finden sich Felsenklippen, die starke Nerven und Fingerspitzengefühl verlangen. Genau richtig für Extremkletterer wie Toni Lamprecht, der sich ohne jede Sicherung zu akrobatischen Höchstleistungen aufschwingt. Von Tom Dauer

Mallorca, Klettern Mallorca, Toni Lamprecht

Hängepartie: Miquel Riera, ein Freund von Lamprecht, zeigt seine Kletterkunst an dem Felsen "Follam Balam"©

Bevor er ins Wasser geht, hält Toni Lamprecht einen Moment lang inne. Er lauscht den Wellen, die sich zu seinen Füßen brechen. Er erspürt den Wind, riecht das Salz. Als wollte er den Elementen trotzen, so steht er in der Brandung. Konzentriert sich, atmet durch. Dann schultert er den wasserdichten Packsack mit den Kletterschuhen und der Jacke. Watet durch das Wasser zum Fuß des Felsbogens "Es Pontas", durch den man von der Bucht Cala Santanyí hinausblickt auf das offene Meer. Dort, wo dieser am steilsten ist, will er hinaufklettern. Allein. Auf einmal wirkt Lamprecht, dieser breitschultrige, muskelbepackte Hüne, sehr klein.

Vor sechs Jahren reiste der Münchner zum ersten Mal nach Mallorca. Ein Freund hatte ihm vorgeschwärmt: von den rauen und festen Kalkfelsen, welche die Südostküste der Insel bildeten - und an denen man eine einzigartige Form des Kletterns ausüben könne. Seil, Klettergurt, Haken und Karabiner möge er bitte zu Hause lassen. Mitnehmen solle er nur Surfershorts und Schuhe.

"Psicobloc", so nannten die wenigen einheimischen Kletterer ihr Tun. "Psico", weil das ungesicherte Klettern an bis zu 20 Meter hohen Klippen starke Nerven erfordert. "Bloc", weil der weit überhängende Fels viel Kraft in Schultern, Bizeps, Unterarmen und Fingern verlangt. Genau das Richtige für Lamprecht.

Eis und Schnee sind nichts für Lamprecht

Als dieser im Alter von elf Jahren mit dem Bergsteigen anfing, "wollte ich besser werden als Reinhold Messner", wie er sagt. Bald aber erkannte er, dass das mühsame Steigen in Schnee und Eis nicht seine Sache war. Viel mehr reizte ihn das Felsklettern, das elegante, akrobatische Herumturnen an kleinen Griffen und Tritten. Lamprecht wurde sehr schnell sehr gut. Seit zwei Jahrzehnten zählt der heute 37-Jährige zu den stärksten Kletterern Deutschlands. In der ganzen Welt war er unterwegs, um seiner Leidenschaft nachzugehen. Aber so etwas wie auf Mallorca hatte er noch nie gesehen.

Nach ein paar Metern im kalten Wasser erreicht Lamprecht den rechten Fuß des Pontas. An zwei scharfkantigen Löchern zieht er sich hoch. Der Fels ist nass und glitschig. Mit Bedacht bewegt sich Lamprecht um den Felssockel herum, bis er das Land nicht mehr sieht. Dort beginnt die eigentliche Kletterei. Nur der Amerikaner Chris Sharma konnte den Pontas bisher entlang seiner Innenseite besteigen. Sharma, der derzeit wohl beste Kletterer der Welt, benötigte dafür rund fünfzig Versuche.

Lamprecht setzt sich auf ein breites Felsband, zieht trockene Kletterschuhe an, schnürt sich einen Beutel voller Magnesiapulver um die Hüfte. Den weißen Staub braucht er, um seine Hände trocken zu halten. Dann klettert er los. Wenn es jemand neben Sharma gibt, der den Pontas meistern könnte, ist es Toni Lamprecht.

Ein undankbares Geschäft

Psicobloc - das auch "Deep Water Soloing" genannt wird: ein Solo über tiefem Wasser - kann ein undankbares Geschäft sein: Man klettert, bis die Kraft ausgeht. Dann stürzt man ins Wasser, schwimmt an Land und fängt wieder von vorn an. Sich im Seil hängend auszuruhen, das gibt es beim Psicobloc nicht.

Kletterorte Die Felshöhlen an Mallorcas Südostküste sind nur erfahrenen Kletterern zu empfehlen. Dringend sollte man sich über die Felsbeschaffenheit, den Zustieg in die Höhlen und den Ausstieg aus dem Wasser informieren. Tolle Kletterorte sind: Porto Christo, "La Cueva del Diablo": Zugang vom nördlichen Ortsende über ein flaches Plateau. Cala Barques: Zufahrt über eine unbefestigte Straße, die bei Son Forteza Vey von der Ma4014 Richtung Küste abzweigt. Von deren Ende etwa zehn Minuten Fußweg zum Strand. Portocolom: Zugang von Sa Punta über die Landzunge, auf der der Leuchtturm steht. Es Pontas: Zugang von Cala Santanyí. Der Gebietsführer "Psicobloc Mallorca" ist erhältlich über www.mountain-bookshop.de

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