Verhasst, gefürchtet, bewundert, geliebt: Kein Lebensmittelhändler hat das Land stärker verändert als Aldi. Eine ganz persönliche Würdigung zum 100. Geburtstag. Von Rolf-Herbert Peters

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Der Löwenanteil der Republik ist Provinz", hat der ehemalige rhein-land-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck einmal gesagt. Und manchmal muss man genau dorthin schauen, um die wahre Größe eines Ereignisses zu erfassen.
Blicken wir deshalb in meinen Geburtsort Warburg in Ostwestfalen. Es sind die siebziger Jahre. 10.000 Einwohner leben in einer pittoresken Mittelalterkulisse. Der Konsum der kleinen Stadt spielt sich auf einer Strecke von rund 700 Metern ab, zwischen einer Metzgerei am Westende der Hauptstraße und einem Optiker am Ostende. Die Kaufleute hier haben sich an ihren Stammtischen miteinander arrangiert: Niemand bricht großartig aus beim Preis, niemand trumpft allzu sehr auf beim Service. Uns Kunden, so war es damals, verstehen sie nicht als Könige, eher als Bittsteller.
Wenn unsere Väter oder berufstätigen Mütter Mittagspause haben, sind die Geschäfte geschlossen, von 13 bis 15 Uhr. Wenn sie Feierabend machen, so um 18.30 Uhr, fallen die Ladentüren ebenfalls gnadenlos in Schloss. Parkplätze bietet kaum ein Geschäft an. Falls meine Mutter es wagt, ein am Vortag gekauftes Oberhemd zurückzugeben, weil es meinem Vater bei der Anprobe über der Hüfte spannt, muss sie vor dem Verkäufer zu Kreuze kriechen.
Der Fernseh- und Rundfunkfritze am Ostende der Einkaufsmeile kassiert mit einem Lächeln atemberaubende 19,90 Mark für eine Europa-Langspielplatte, auf der miserable Cover-Bands aktuelle Hit nachzusingen versuchen. Alle Bäcker fahren einen dicken Benz. Den Warburgern geht es vergleichsweise gut, keine Frage. Dennoch kann es sich kaum jemand leisten, beim einzigen Feinkosthändler der Stadt einzukaufen. Dort, wo es Kiwis gibt und Serrano-Schinken. Wo es im ganzen Laden so betörend nach Fernweh riecht.
Und dann kommt Aldi.
Ganz frech. Setzt sich mitten in die Stadt. Dort gibt es alles 20 bis 30 Prozent billiger als in den anderen Märkten, Butter, Mehl, Käse, den Pichelsteiner Eintopf. Im Hinterhof zehn Parkplätze für die Kunden. Kostenlos. Große, bequeme Einkaufswagen. Anfangs trauen die Hausfrauen dem Braten nicht. Die alteingesessenen Kaufleute streuen Gerüchte, bei Aldi werde Ausschussware verhökert, verbeulte Dosen und abgelaufene Tütensuppen. Und alles auf Paletten serviert, bäh!
Ich gehe trotzdem hinein. Ganz hinten ein Ständer mit Schallplatten. Mike Krüger, "Mein Gott, Walter" für 14,90 Mark. Beim Fernsehfritzen kostet das gute Stück zehn Mark mehr! Ich ziehe ein Exemplar heraus und gehe zur Kasse. Ich staune. Dort sind zwei Einkaufswagen zusammengestellt, Kopf an Kopf. Die Kassiererin tippt im Höllentempo mit rechts die Preise ein und lädt mit links die Ware vom einen in den anderen Wagen um. Ich zahle. 14,90 Mark - welch' ein Triumpf! Die LP trage ich wie ein Protestplakat gegen die Ausbeutung in der Provinz unterm Arm nach Hause.
In den folgenden Jahren geht ein Aldi-Ruck durch die Stadt. Der Discounter verbandelt sich nicht mit den anderen Warburger Krämern, sondern fährt eine radikale Tiefstpreisstrategie. Aldi nimmt alles zurück, was den Kunden nicht gefällt, ohne Murren, ohne Zwangsgutschein, das Geld gibt's bar auf die Hand. Aldi führt Kiwi ein und Serrano-Schinken, der lecker schmeckt. Zu Hause wird plötzlich Schampus kredenzt statt Henkel Trocken, einen Veuve Durand für 14,99 Mark. Und da viele Warburger Pfennigfuchser und damit "Test"-Abonnenten sind, spricht sich schnell rum, dass die meisten Aldi-Produkte mit den komischen Namen offenbar ziemlich gut sind, manchmal sogar "sehr gut". Persil bleibt Persil, das mag sein, aber immer häufiger trauen sich Hausfrauen wie meine Mutter, "Tandil"-Beutel auf die Waschmaschine zu stellen.
Einblicke ins Aldi-Imperium ... gibt es im aktuellen stern