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Hier können Sie Freunde kaufen oder einen Shitstorm bestellen

Ob Facebook-Freunde, Twitter-Follower oder Youtube-Likes - bei Maik Satzer kann man Fake-Fans im Hunderterpack kaufen. Unternehmen, Ärzte, Künstler oder Parteien nehmen seine Dienste gerne in Anspruch.

Von Silke Gronwald

Like

Mit gekauften Freunden und Likes versuchen manche Unternehmen, mehr Relevanz im Social Web zu erreichen

Gute Freunde sind teuer - eigentlich. Bei Maik Satzer gibt es sie für 12 Cent das Stück. Der durchtrainierte Kleinunternehmer steht in hautengen schwarzen Jeans in seinem Büro auf St. Pauli. Er ist Fan-Dealer. Den Hamburger Hafen fest im Blick erzählt der 21-Jährige unverblümt über den Handel mit gekauften Facebook-Bekanntschaften, Twitter-Followern und Youtube-Likes: "Bei mir gibt es Freunde für kleines Geld und auf Wunsch auch gleich im Hunderter und Tausender-Pack." Seine Kunden? "Alle". Kleine Firmen, große Unternehmen, Ärzte, Künstler, Parteien, Clubs. "80 Prozent meiner Käufer nutzen die Likes für professionelle Zwecke", sagt er. Nur ein ganz kleiner Teil seien Privatleute, die ihrem persönlichen Profil einen Kick geben wollen.

Die Geschäfte laufen gut. Denn egal ob Internetshop, Hotel oder Restaurants, alle profitieren von vielen Fans. Sie signalisieren eine hohe Reputation, stehen für ein gutes Image. Die Zahl der Fans ist mittlerweile eine der wichtigsten Währungen im Netz. Frei nach dem Motto: Zeig mir, wie viele Likes Du hast, und ich sag Dir, wie gut Du bist. Kein Wunder, dass Luxuslabels wie Discounter Interesse daran haben, die Zahl in die Höhe zu schrauben. Die Logik dahinter: je beliebter, desto mehr Verkäufe, desto mehr Umsatz.

Erst Fake-Bewertungen, dann Freunde-Handel

Mit gerade mal 18 Jahren startete Maik Satzer sein Business. Er begann mit dem Verkauf von gefakten Produktbewertungen. Bis zu 3000 Beurteilungen für Fernseher, Kameras und Co. schrieb er pro Tag, beziehungsweise ließ er schreiben. Preis: 1,99 Euro pro Stück. Davon blieb für ihn selber etwa ein Euro pro Kommentar über, den Rest gab er an seine Lohn-Schreiber weiter.  

Die Einnahmen sprudelten, doch als die ersten Gerichtsurteile den Handel wegen irreführenden Wettbewerbs verboten, wurde ihm die Sache zu heiß. Maik stieg auf den Freunde-Handel um und gründete die Firmen Fan-Factory und Social-Sponsor. "Gekauften Fans und Likes sind lediglich unverbindliche Gefallensäußerungen und keine wettbewerbsrechtliche Irreführung", sagt er. Ihre Vermittlung sei legal, beziehungsweise innerhalb einer rechtlichen Grauzone.

8 Cent kostet ein Facebook-Freund bei Maik, wenn man ihn im Tausender-Pack bestellt. Der Twitter-Follower ist für 12 Cent pro hundert Stück zu haben und einen Youtube-Like oder Dis-Like gibt’s für 20 Cent inklusive "kostenlosem Versand".

Der künstliche Shitstorm

Etwas teuer, aber auch kein Problem, sind längere Kommentare unter einzelnen Beiträgen. Wer möchte, kann den gewünschten Text selber vorformulieren und bei der Bestellung gleich mit einreichen. "Sie können eine Onlinekampagne gezielt steuern", sagt Maik. "Die ersten Kommentare unter einem Artikel oder Video sind entscheidend, sie geben die Richtung vor." So kann man im Internet nicht nur einen Shitstorm erzeugen, sondern auch einen Kuschelorkan, einen sogenannten Candystorm.

Die gekauften Fans sind dabei keinesfalls Roboter oder "Fake-Accounts". Ganz normale Nutzer von sozialen Netzwerken verdienen sich mit diesen Aktionen wenige Cents dazu. Maik gewinnt sie über verschiedene Partnerseiten, mit denen er zusammenarbeitet, wie etwa Flirt- und Spieleportale.

Auf seinem eigenen Facebook-Profil nennt er sich "Heftiger Typ" und postet dort auch schon mal die Straftickets, die er kassiert, wenn er mit seinem schwarzen Porsche im Halteverbot steht. Wer genau seine Kunden sind, will er nicht verraten. Aber in der Vergangenheit fiel beispielsweise das Mülltrennsystem "Grüner Punkt" mit Sitz in Köln durch merkwürdig viele Fans aus Bangladesch auf. Und auch die Lufthansa hat nach einem Bericht der Wirtschaftswoche ausgerechnet in Ländern wie Indonesien, Pakistan und Philippinen auffällig viele Liebhaber. Die Vermutung, dass diese Fans für ihre Dienste bezahlt wurden, liegt da nahe.

"Im Schnitt", sagt Maik, "geben die  Kunden bei mir 500 Euro für das Aufmotzen ihrer Internetpräsenz aus." Im Konflikt mit seinem Gewissen sieht er sich da nicht. Er sei nur Vermittler und stünde nicht in der Verantwortung. "Ob die Image-Politur rechtens ist,  müssen unsere Kunden für sich selbst entscheiden", so der Firmenchef.


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