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Ein Superminister geht zur Bahn

Jetzt schickt die CSU doch noch einen Superminister für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie nach Berlin: Otto Wiesheu, der das Ressort in Bayern seit über zwölf Jahren geführt hat, wechselt in den Konzernvorstand der Deutschen Bahn.

"Für mich ist das eine Chance", sagte der CSU-Politiker am Sonntag, aber für Ministerpräsident Edmund Stoiber "vielleicht ein Problem". Der 61-Jährige galt als eine Säule des Kabinetts. Einmütig bedauerten Wirtschaft und Gewerkschaften im Freistaat seinen Fortgang als großen Verlust. Seine Fachkenntnis wie auch seine zupackende Art sind gefürchtet. Als die Bayerische Oberlandbahn mit einer monatelangen Pannenserie Schlagzeilen machte, bestellte Wiesheu die Manager in sein Ministerium ein und bürstete sie mit den Zugherstellern vor der Presse ab: "Bei der Reiberei zwischen den Gesellschaften ist mehr Hitze entstanden als bei der Arbeit."

Wiesheu pushte High-Tech-Offensive

Dass die Wirtschaft in Bayern besser läuft als in den meisten anderen Ländern, ist auch Wiesheus Verdienst. Der Bauernsohn aus dem Landkreis Freising hat sein Jurastudium mit dem Doktortitel abgeschlossen - aber mit ordnungspolitischen Theorien hat er nichts am Hut. Mit dem damaligen Finanzminister Erwin Huber - der jetzt als sein Nachfolger im Gespräch ist - entwickelte er die High-Tech-Offensive, die dem Freistaat Tausende neuer Arbeitsplätze bescherte.

Zugleich gewann er Unternehmen und Gewerkschaften für ein "Bündnis für Arbeit" und versuchte als Feuerwehrmann, die Maxhütte, Grundig, Dornier und andere Firmen vor der Pleite zu retten oder zumindest Arbeitsplätze zu erhalten. Der DGB ehrte ihn dafür mit seiner höchsten Auszeichnung, der Hans-Böckler-Medaille. Erst vor einem Monat vermittelte Wiesheu bei Infineon in Neuperlach einen Kompromiss zwischen der streikenden Belegschaft und dem Management - wie immer ohne großes Tamtam. Sein Wechsel habe "mit den jetzigen Turbulenzen in der CSU gar nichts zu tun", sagte Wiesheu.

30 Jahre Politik waren genug

Bahnchef Hartmut Mehdorn habe ihn schon im September, noch vor der Bundestagswahl, "gefragt, ob ich mit der Politik verheiratet bin". Damals galt Huber als wahrscheinlicher neuer Ministerpräsident. Wiesheu beteuerte aber auf einer Pressekonferenz, er habe ganz andere Motive: Nach 30 Jahren in der Politik und zwölf Jahren als Minister habe ihn diese neue Herausforderung in der Wirtschaft gereizt. Dass er als 61-Jähriger im "spannendsten Unternehmen Deutschlands" noch "einen Fünf-Jahres-Vertrag bekomme, ist eine schöne Sache - in der Politik gibt's zur Zeit keine Fünf-Jahres-Verträge", erklärte er am Sonntag gut gelaunt.

Stoiber habe er schon im September über sein grundsätzliches Interesse am Bahnjob informiert. Aber die Bahn habe eigentlich erst im Dezember entscheiden wollen und den Termin überraschend vorgezogen. "Das kommt jetzt aber schnell", sagte der innerparteilich ohnehin unter Beschuss stehende Ministerpräsident Wiesheu zufolge. "Ich tu ihm da im Moment keinen Gefallen", räumte der Minister ein.

Mitgestalter der Bahnreform

Um in Ruhe und Abstimmung mit der aufmüpfigen CSU-Fraktion einen Nachfolger bestimmen zu können, will Stoiber den Nachfolger erst im Januar auf der Fraktionsklausur in Kreuth vorstellen, vielleicht sogar das Kabinett umfassender umbilden. "Dann mach ich's halt bis Ende Dezember", sagte Parteisoldat Wiesheu. Wiesheu wurde als junger Anwalt Landesvorsitzender der Jungen Union und zog 1974 mit Stoiber und Beckstein in den bayerischen Landtag ein. CSU-Chef Franz Josef Strauß machte Wiesheu 1983 zum CSU-Generalsekretär, doch schon ein Jahr später schien seine Karriere beendet: Nach einem tödlichen Alkoholunfall wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Aber Ministerpräsident Max Streibl holte das politische Kraftpaket 1990 als Staatssekretär ins Kabinett, und Nachfolger Stoiber machte ihn 1993 zum Wirtschaftsminister.

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit gestaltete Wiesheu die Bahnreform als Vorsitzender der Verkehrsministerkonferenz mit. Nach der Regionalisierung des Nahverkehrs, wegen Streckenstilllegungen, neuen S-Bahnen oder dem geplanten Transrapid vom Münchner Hauptbahnhof zum Flughafen hatten Wiesheu und Mehdorn ständig miteinander zu tun. DB-Aufsichtsratschef Werner Müller lobte Wiesheu als erfahrenen und kompetenten Mann, der Aufsichtsrat berief ihn am Samstag einstimmig. "Ich freu' mich auf die neue Aufgabe", sagte Wiesheu.

Roland Losch/AP/AP
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