Ein Bahnhof voller Risiken

5. April 2011, 10:45 Uhr

Volles Risiko in Stuttgart: Eine Studie zum Großprojekt S 21, die dem stern vorliegt, gibt Kritikern des geplanten Bahnhofs neue Munition. Und sie stammt auch noch von der Bahn selbst. Von Arno Luik

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Eine bahninterne Studie zeigt 121 Risiken des Großprojekts Stuttgart 21 auf. Bahnchef Grube sieht die Liste als "ein Beleg professioneller Arbeit"©

Eine bahninterne Studie setzt sich äußerst kritisch mit dem Großprojekt Stuttgart 21 auseinander - und listet 121 Risiken auf, 48 davon mit konkreten Kosten. Das berichtet der stern in seiner neuen, am Donnerstag erscheinenden Ausgabe. Es ist die erste umfassende Analyse des Bahnprojekts nach den Schlichtungsgesprächen vom vergangenen November. Das Dossier umfasst 130 Seiten und wurde für den Vorstand von DB Projektbau zusammengestellt. Sehr häufig ist in der Studie von "Risiko", "Kostenrisiko", oder gar "signifikantem Kostenrisiko" die Rede. Häufig taucht der Satz auf: "Risiko, dass das angesetzte Einsparpotenzial nicht realisiert werden kann."

Das Dossier bestätigt viele der von Stuttgart-21-Kritikern vorgebrachte Bedenken. Etwa, dass der Baugrund tückisch ist, dass anders als in den Modellen berechnet, es mehr Grundwasser gibt, dass die geplante Station Terminal am Flughafen nicht "ausreichend leistungsfähig" ist, dass für den Bau viele Grundstücke noch fehlen. Es zeigt auch, dass die Baufirma Wolff & Müller die "technische Machbarkeit" infrage stellt, nach der das alte Bahnhofsgebäude, der Bonatzbau, während der Bauarbeiten wie geplant abgestützt werden könne.

Es fehlen die Mitarbeiter

Auch steht in der Studie, dass sich für den Tunnel bei Cannstatt trotz Ausschreibung keine Firma fand, die ihn bohren will. Die Bohrarbeiten, sagte ein Vertrauter des Projektleiters Hany Azer dem Magazin, seien in dem schlüpfrig-löchrigen Untergrund hochkompliziert, man müsse unter dem Fabrikgelände von Daimler arbeiten. Immer könne Unvorhergesehnes passieren, und keiner möchte riskieren, dass die Autoproduktion still steht.

Sicher sind sich die Planer, dass der geplante Inbetriebnahme des Verkehrsknoten Stuttgart 21 zum Fahrplanwechsel nicht zu realisieren ist. Wohl auch deswegen, weil den Planern das Know-how fehlt. Auf Seite 115 des Dossiers heißt es: "Verzögerte Anpassung des Personalbestands an den Projektfortschritt in Folge fehlender Verfügbarkeit qualifizierter Mitarbeiter."

Bahn betont: keine Kosten über "Schmerzgrenze"

48 Risiken beziffern die bahn-internen Risikomanager mit konkreten Beträgen. Falls diese Risiken eintreten, könnten für S 21 zusätzliche Kosten in Höhe von 1,264 Milliarden Euro entstehen. Die Kosten für das Bahnprojekt in Stuttgart würden in dem Fall auf 5,3 Milliarden Euro steigen - weit über die von Bahn und Politik verordnete Grenze von 4,5 Milliarden Euro. Nur ein einziges Mal wird ein Chance aufgelistet - mit einem Einsparpotenzial von knapp 5,9 Millionen Euro.

Bahnchef Grube, vom stern mit der Analyse seiner Experten konfrontiert, ließ über einen Sprecher mitteilen: "Wir werden unsere Schmerzgrenze von rund 4,5 Milliarden Euro nicht überschreiten". Also seien "Spekulationen über Kostensteigerungen schlichtweg haltlos". Es sei "ein Beleg professioneller Arbeit, alle erdenklichen Risiken in Betracht zu ziehen und zu bewerten, um anschließend gegenzusteuern".

Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Winfried Hermann (Grüne) bewertet hingegen die bahninterne Risikoabschätzung von Stuttgart 21 "als Eingeständnis des Scheiterns". Hermann zum stern: "Was muss denn noch passieren, um das Projekt zu beerdigen?"

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