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22. Januar 2010, 15:22 Uhr

Schlecker und das "Callgirl"

Urlaub, wenn's der Firma passt

Gabriele Sommer dagegen wollte der Konzern nicht loswerden: Als Aushilfe befand sie sich ja schon auf einer niedrigen Gehaltsstufe. Leute wie Sommer stellen für Unternehmer billige Arbeitskräfte dar - die sich als neue Mitarbeiter auch kaum gegen Druck von oben zur Wehr setzen können - gewissermaßen das perfekte Personal.

Sommer war ratlos: Finanziell ging es ihr eigentlich noch ganz gut, denn von einer kleinen Wohnung flossen noch bescheidene Mieteinnahmen auf ihr Konto. Doch gleichzeitig hatte sie wegen dieser Einkünfte keinen Anspruch auf Hartz-IV-Leistungen. "Ich wollte unbedingt einen sozialversicherungspflichtigen Job haben", sagt die Verkäuferin, "denn um die Versicherungen vollständig aus eigener Tasche zu zahlen, dafür reichte mein Geld auch nun wieder nicht." Dann habe ihre Vorgesetzte gelockt: "Bei Meniar sind Sie dann auch endlich finanziell abgesichert, wenn Sie mal Urlaub machen wollen." Den Urlaub, so habe die Chefin ergänzt, solle Sommer aber bitte schön nehmen, wenn mal gerade im Laden nicht so viel los sei.

"Schlecker hat mich bewusst ausgehungert"

Nach einigem Zögern unterschrieb die ehemalige Arzthelferin - und sofort teilte ihr die Vorgesetzte 30 Wochenstunden zu. "Schlecker hat mich also bewusst ausgehungert, damit ich den Meniar-Vertrag unterschreibe", ärgert sich Sommer. "Was mich so sauer macht, ist, dass die so offen die Notlage ihrer Mitarbeiter ausnutzen." Für eine 20-Stunden-Woche verdient sie nun 692 Euro brutto im Monat, von denen aber laut Vertrag Leistungen in Höhe von 105 Euro "freiwillig und widerruflich" sind. Ganz leicht könnte die Meniar damit bei Bedarf Sommers Gehalt reduzieren, ohne den Arbeitsvertrag zu verletzen. Geld für Überstunden gebe es aber wohl nicht, behauptete ihre Chefin, so genau kenne sie die Meniar-Verträge auch gar nicht.

Als die öffentliche Kritik an Schleckers Personalpolitik immer lauter wurde, erklärte das Unternehmen, man werde künftig keine weiteren Leiharbeiter von der Firma aus Zwickau zu übernehmen. Auch für die Meniar-Beschäftigten gab es eine Art Trostpreis: Plötzlich habe sie einen Anruf ihrer Bezirksleiterin bekommen, erinnert sich Sommer. Die Frau habe ihr erklärt: "Gute Nachricht, Frau Sommer: Ich habe das mit ihrem Vertrag geklärt, Ihre Überstunden werden doch bezahlt."

Mindestens 3000 Menschen von Schließungen betroffen

Für eine Stellungnahme gegenüber stern.de war das schwäbische Unternehmen nicht zu erreichen. Stattdessen meldete sich Anton Schlecker persönlich im "Manager Magazin" zu Wort, der wirtschaftliche Schwierigkeiten seines Unternehmens einräumte. Stundenlöhne von 6,50 Euro seien aber höchstens mal "angedacht" gewesen, mit Meniar werde man künftig nicht mehr zusammenarbeiten. Sowieso hätten nur wenige der 52.000 Beschäftigte einen Meniar-Vertrag. Die Umstellung von den alten Schlecker-Märkten auf die neuen XL-Filialen solle jedenfalls weitergehen, rund 500 Märkte werde man in diesem Jahr dicht machen.

Nach Verdi-Angaben sind von den Schließungen jedoch bislang fast 3000 Menschen betroffen: 1800 seien entlassen worden, 1000 weitere seien dagegen zu Meniar geschoben worden. Denen seien nicht 6,50 Euro gezahlt worden, sondern größtenteils 6,78 Euro. Gewerkschafter wie Achim Neumann rechnen mit zahlreichen weiteren Schließungen und Entlassungen.

Mit der Trennung von Schlecker und Meniar ist Gabriele Sommers Zukunft nun möglicherweise wieder offen. Verdi-Mann Neumann berichtet: "Nach unseren Informationen fängt Schlecker gerade damit an, Meniar-Arbeitsverträge wieder in Schlecker-Verträge umzuwandeln." Vorteile hätten die Angestellten aber davon nicht, sagt Neumann. Er berichtet von Fällen, in denen Betroffene nach ihrer Meniar-Zeit bei Schlecker als geringfügig Beschäftigte arbeiten müssen oder man ihnen die Stundenzahl gekürzt hat.

Noch hat Sommer ihren alten Meniar-Vertrag. Aber die Angst kriecht schon wieder an sie heran.

Von Roman Heflik
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