12. März 2012, 16:13 Uhr

Nutzt die weiblichen Potenziale!

Deutschland kann auf weibliche Führungskräfte nicht verzichten. Die Frauenquote ist aber das falsche Mittel für den richtigen Zweck - meint unser Kolumnist Thomas Straubhaar.

 
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Frauen in Führungspositionen - aber bitte ohne Quote©

Unstrittig ist, dass Frauen in der Wirtschaft den Männern nicht wirklich gleichgestellt sind. Noch immer sind in der Regel Chefs männlich und ist Teilzeit weiblich. Weniger als fünf Prozent der Führungskräfte in den Vorständen der 200 größten deutschen Unternehmen sind Frauen. Ebenso liegen Frauen beim Einkommen deutlich hinter den Männern. Sie verdient rund ein Viertel weniger als Er.

Ein Fall für die Gerichte

Aber: Die Frauenquote ist das falsche Instrument, um ein an sich kluges Ziel zu erreichen. Viele Frauen brauchen sie nicht und jenen Frauen, die nur als Quotenfrauen zum Zuge kommen, hilft sie nur auf dem Papier. Soweit es alleine um die Quotenerfüllung geht, dürften Frauen zu Frühstücksdirektorinnen werden. Sie erhalten Ressorts ohne Verantwortung und Zuständigkeit, mit eingeschränkten Kompetenzen, geringen Budgets oder mit wenig Mitarbeitern. Will der Gesetzgeber das verhindern, wird die Quotenregelung zu einem bürokratischen Monster und Arbeitsgerichte müssten dann in vielen Fällen klären, ob eine geschlechtsspezifische Diskriminierung vorliegt.

Richtig ist aber auch, dass es sich Deutschland weniger denn je leisten kann, auf weibliche Führungskräfte zu verzichten. Sowohl mikro- als auch makroökonomisch ist es ohne jeden Zweifel sinnvoll, Frauen in dramatischem Umfang stärker an Führungsaufgaben zu beteiligen als es zurzeit der Fall ist. Alles andere ist eine Verschwendung von Fähigkeiten. Das gilt gerade mit Blick auf den sich abzeichnenden Fachkräftemangel.

Fachkräftemangel lässt sich durch Frauen beheben

Die jüngsten Bildungserfolge von Mädchen und Frauen in Deutschland sind gewaltig. Sie sind gemessen an ihren Qualifikationen den Männern überlegen. Junge Männer haben 2009 bei den allgemeinbildenden Schulen mit einem niedrigeren Niveau abgeschlossen als junge Frauen. Und mehr Schülerinnen als Schüler sind studienberechtigt. Die Hälfte derjenigen, die 2009 ein Studium begannen, waren Frauen. Sogar bei den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften - einer Urquelle für Führungskräfte - lag der Frauenanteil im ersten Semester bei 54 Prozent. Und bei denjenigen, die 2009 ein Hochschulstudium erfolgreich abschlossen, waren 51 Prozent Frauen.

Ganz offensichtlich gibt es ein riesiges Potenzial an gut ausgebildeten, hoch qualifizierten Frauen. Und ebenso offensichtlich wird dieses Reservoir an Fach- und Führungskräften von der Wirtschaft nur in bescheidenem Ausmaße genutzt. Das ist eine Ohrfeige für alle, die lautstark über einen Fachkräftemangel in Deutschland lamentieren. Nutzt die weiblichen Potenziale, und das Thema hat sich schlagartig erledigt!

Die Quote beseitigt die Ursachen nicht

Wie ohnmächtig eine Quote ist, den Missstand ungenutzter weiblicher Potenziale zu beseitigen, zeigt sich bei der Suche nach Gründen, weswegen in Deutschland für Frauen eine Lücke zwischen Bildungs- und Berufserfolg klafft. So wird der größte Teil (etwa zwei Drittel) der Lohndifferenz zwischen Mann und Frau durch unterschiedliche Zugangschancen für bestimmte Tätigkeitsfelder, Leistungsgruppen, Berufe oder Branchen sowie durch Ausbildung, Berufserfahrung und die Teilzeitbeschäftigung verursacht. An diesen strukturellen Unterschieden könnte eine Frauenquote wenig ändern.

Allerdings ist auch richtig, dass ein Drittel der Lohndifferenz zwischen Mann und Frau nicht durch direkt messbare Gründe erklärt werden kann. Da spielen das individuelle Auftreten (beispielsweise bei Lohn- und Karriereverhandlungen), Machtstreben, Durchsetzungswille, Familienstand und sicher auch Vorurteile aller Art eine Rolle. Bei diesen subjektiven Aspekten könnte eine Quote zwar korrigierend wirken. Aber wirklich beseitigen würde die Quote diese Ursachen nicht.

Wer mit einer Frauenquote nur den Arbeitsmarkt im Blick hat, bleibt auf einem Auge blind. Eine wirkungsvolle Frauenpolitik bedarf einer ganzheitlichen Sicht auf alle Felder der Wirtschaftspolitik.

Die Lösung: eine moderne Arbeitsmarktpolitik

Frauen mit speziellen Frauengesetzen auf dem Arbeitsmarkt de jure helfen zu wollen, ist genau der falsche Weg zur faktischen Gleichstellung. Vorurteile, so falsch und schäbig sie auch sind, lassen sich nicht mit Gesetzen korrigieren. Sie werden erst dann aufgegeben, wenn sie für die Fehlgeleiteten selber zu Kosten werden. Deshalb darf der Staat das Gejammer über den sogenannten Fachkräftemangel nicht als Handlungsaufforderung missverstehen. Vielmehr soll er durch eine moderne Arbeitsmarktpolitik ermöglichen, dass Mütter wie Väter Berufstätigkeit und Elternschaft problemlos vereinbaren können. So dass eben auch die weiblichen Potenziale viel besser ausgeschöpft werden können. Dazu gehört auch eine der Individualisierung der Gesellschaft und dem beschleunigten wirtschaftlichen Strukturwandels gerecht werdende strikte Individualisierung der Sozialpolitik.

Eine der heutigen Zeit angepasste Familien- und Sozialpolitik, die sich nicht am überholten Idealbild des lebenslang vollzeitbeschäftigten männlichen Alleinverdieners orientiert, sondern an "löchrigen" Erwerbsbiografien mit einem ständigen Wechsel von Erwerbsarbeit mit (Aus- und Weiter-)Bildung, Umschulung, Elternzeit und Teilzeittätigkeiten, ermöglicht es Müttern und Vätern leichter, sich Erwerbtätigkeit und Erziehungsaufgaben ökonomisch sinnvoll zu teilen. Das wäre sowohl mikro- wie auch makroökonomisch wünschenswert. Denn auf die Frauenpower zu verzichten, werden sich weder einzelne Familien noch eine alternde Gesellschaft leisten können. Deshalb ist es für alle klüger, rechtzeitig auf eine moderne Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik statt auf Frauenquoten zu setzen.

Von Thomas Straubhaar
 
 
Thomas Straubhaar ...

… ist Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Professor der Universität Hamburg. Der gebürtige Schweizer, Jahrgang 1957, gehört zu den profiliertesten Volkswirten in Deutschland

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