Wenn im hiesigen TV historisches Panorama auf düsteren Krimi trifft, kommt schnell "Babylon Berlin" in den Sinn. Inszenierte das 20er-Jahre-Epos den Zerfall der Weimarer Republik als rauschhaften Tanz auf dem Vulkan, blickt der ARD-Vierteiler "Sternstunde der Mörder" nun direkt in den Schlund des Nazi-Terrors. Wir schreiben das Frühjahr 1945 in Prag: Die Rote Armee steht kurz vor der besetzten Stadt, die NS-Schergen reagieren in ihrer Panik gewohnt mörderisch. In diesem Vakuum zwischen Besatzung und Befreiung wird in der Adaption des gleichnamigen Romans des tschechischen Autors und Bürgerrechtlers Pavel Kohout ein Serienkiller gejagt. Prominent besetzt nähert sich die Verfilmung von Regisseur Christopher Schier vor Noir-Kulisse der Frage, wie man im Angesicht des Abgrunds human bleiben kann.
Der Tod einer deutschen Offizierswitwe – sadistisch ermordet, das Herz entnommen – bringt im Chaos der letzten Kriegstage zwei völlig unterschiedliche Männer zusammen. Der tschechische Kriminalbeamte Jan Morava, vielschichtig gespielt von Jonas Nay, soll ermitteln. Überwacht wird er von Gestapo-Mann Erwin Buback, den Nicholas Ofczarek als hörigen Untertan zeichnet, der jedoch nach dem Verlust seiner Familie innerlich abgeschlossen hat. Anders dessen Vorgesetzter Meckerle (herausragend: Devid Striesow), ein bis zuletzt überzeugter Naziführer, der insgeheim hofft, über die Ermittlungen eine Widerstandsgruppe in der Polizei aufzudecken.
Die Ermittler um Chef Beran (Karel Dobrý) fürchten die Rache der Besatzer: "Die Deutschen töten wieder wahllos Frauen und Kinder, bis sie den Mörder haben." Und tatsächlich droht Meckerle: "Ich werde den Boden dieser Stadt mit dem Blut der Tschechen tränken, wenn ich dafür auch nur einen Tropfen deutschen Blutes rette." Eine bisweilen klischeehafte Figur, die so ähnlich aber vermutlich wirklich existierte.
Vom Kriminalfall zur Wucht der Geschichte
Bald wird klar, dass es sich um einen Serientäter handelt, einen "Witwenmörder", der im Schatten der historischen Ereignisse tötet. Während das Publikum den Psychokiller (Gerhard Liebmann) bald bei Vorbereitung und Flucht begleitet, wird das ungleiche Ermittlerduo von zwei mutigen Frauen unterstützt: Moravas Verlobte Jitka (Diana Dulinková), die sich als erstaunliches Krimi-Talent entpuppt, und die freigeistige Marleen Baumann (Jeanette Hain), die als Geliebte Meckerles bald eine Affäre mit Buback beginnt.
Das klassische Noir-Setting zeigt eine düstere Stadt voller düsterer Gestalten in düsterer Zeit, wenn auch bisweilen etwas zu neblig und nah am subtilen Horror inszeniert. Doch plötzlich lassen der Tod Hitlers ("Der Bastard ist verreckt") und vor allem der blutige Prager Aufstand die Tätersuche in den Hintergrund treten. Es folgt "ein Chaos, in dem individuelles Morden im Lärm der Geschichte beinahe verschwindet", wie Regisseur Christopher Schier formuliert. Der Fokus verschiebt sich vom Kriminalfall auf die Wucht der Geschichte, in der Widerstand und Selbstbefreiung, aber auch Lynchmorde zu einem – eindrücklich inszenierten – kollektiven Gewaltsog geraten.
Dass das funktioniert, liegt am starken Ensemble, aber auch an vielen Details: der Richter, der klagt, er komme mit den Todesurteilen nicht mehr hinterher; das heimliche Hören von Feindsendern; das nur noch müde gemurmelte "Heil Hitler". Angedeutet werden auch die Schäden in Städten ("Kommissariat? Leider ausgebombt") und Seelen ("die ganze Scheußlichkeit dieser Welt erlebt").
"Krieg kennt keine Sieger"
Wie handelt der Einzelne, wenn alle Gewissheiten zerbrechen? Wie lässt sich Menschlichkeit bewahren? Jonas Nay gelingt es, diese Fragen in seiner Figur wirken zu lassen. Während bei anderen das Grauen unter der dünnen Zivilisationsschicht hervorbricht, hält Morava am Glauben an das Richtige fest – mit einer "unbeirrbar menschlichen Art, auf die Menschen zu blicken", wie Nay sagt.
Man folgt den beiden keinesfalls als Helden inszenierten Hauptfiguren gern, wie sie retten und überleben wollen, sich anpassen und verändern. Über kleinere Schwächen – etwa den irritierenden imitierten tschechischen Akzent oder manche stereotype Figurenzeichnung – sieht man da hinweg. Ein neues "Babylon Berlin" ist "Sternstunde der Mörder" nicht, dafür eine mitreißende Mischung aus unbekannterer Kriegsgeschichte und düsterem Psychothriller, die das konkrete NS-Grauen mit großen Fragen nach dem Wesen des Menschen verknüpft.
Der Roman von Pavel Kohout, Mitbegründer der "Charta 77" und wichtige Stimme des Prager Frühlings, erwies sich schon 1995 als zeitlos. Heute umso mehr: als Reflexion über Unterdrückung und Widerstand, über kollektive Schuld und Gewalt – aber auch über Menschlichkeit inmitten der Unmenschlichkeit. Für Regisseur Schier bleibt am Ende eine Botschaft, die heute wieder hochaktuell scheint: "Krieg kennt keine Sieger. Er produziert nur Verlierer – auf allen Seiten."
Das Erste zeigt alle vier je 45-minütigen Folgen am Stück, abrufbar in der Mediathek sind sie bereits ab Sonntag, 29. März.
Sternstunde der Mörder – Fr. 03.04. – ARD: 20.15 Uhr