M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier
Abgesägt, aber nicht abgeschrieben: der Fall Oliver Baumann

  • von Micky Beisenherz
Torhüter Oliver Baumann
Es ist sehr gut möglich, dass der ausgebootete Torhüter Oliver Baumann als Ersatz bei der WM schnell wieder gefragt ist
© Henning Kretschmer/stern; Getty Images

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Der Fall von Nationaltorhüter Oliver Baumann zeigt: Man sollte nie die Nerven verlieren, wenn man ausgebootet wird. Seine Stunde könnte noch kommen.

Sollte sich Oliver Baumann für das Turnier in Amerika bereits neue Torwarthandschuhe gekauft haben, kann er sich als guter Geschäftsmann freuen: Die wird er originalverpackt gut weiterverkaufen können. Besser noch, er lässt sie von Manuel Neuer signieren. Dann steigt der Wert. Doch Baumann tut nicht das, was viele nach der Ausbootung erwartet haben. Er sagt nicht: „Macht euern Scheiß alleine, ich bleib daheim.“ Nein, er fährt mit dem Team in die USA und stellt sich als 1b-Lösung wieder hinten an. Da hat einer die Nacht zum Drüberschlafen wahrlich gut genutzt.

Gibt es eine Goldmedaille für die Wucht des Brockenhinschmeißens? Bleibt man so im Gedächtnis? War es nicht der unbesiegbare Oliver Kahn, der, wenn auch mit ein wenig mehr Vorlauf, von Bundestrainer Klinsmann vor seiner WM in Deutschland abgesägt worden war? Eine Entscheidung, die auch den Ausrüster Adidas verdutzte, der bereits Christo-artig eine Autobahnbrücke mit einem gewaltigen Kahn, nach einem Ball schnappend, verhüllt hatte. Der war nun nur noch Nummer zwei hinter Jens Lehmann. Kahn machte von sich reden als ehrenhafter Teamplayer, der vor dem entscheidenden Elfmeterschießen seinem Konkurrenten Mut zusprach. Ausgerechnet Kahn, gegen den sogar Pitbulls es an Biss mangeln lassen: ein Mensch.

Oliver Baumann stellt sich in den Dienst der Sache

Helga Schmid wird diese Situation kennen. Wir wissen nicht, ob Schmid im Achtelfinale einen tödlichen Schuss von Mbappé um den Pfosten lenken könnte. Wir können aber davon ausgehen, dass sie wohl eine gute Präsidentin der UN-Vollversammlung gewesen wäre. Auf dieses Amt hatte sie vorfreudig geblickt. Bis Annalena Baerbock nach der verlorenen Bundestagswahl eine gewisse Bedeutungsunterdeckung fürchtete. Ein paar Anrufe und Mails später war Schmid ihren sicher geglaubten Posten los. New York konnte sie sich jetzt in den Insta-Storys von Baerbock angucken. Sie hat sich nie öffentlich beklagt.

Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host („Apokalypse und Filterkaffee“), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen

Das hat Wolfgang Schäuble auch nie getan. Grund genug hätte er gehabt. Als Architekt der Macht musste er es gleich mehrfach erleben, übergangen zu werden. Als Nachfolger wollte Helmut Kohl ihn nicht haben, hässlicherweise annehmend, die Deutschen akzeptierten einen Kanzler im „Wägelchen“ nicht. Als die Chance dennoch kam, wurde die CDU-Spendenaffäre publik – und es war schon wieder vorbei. Ein gutes Jahrzehnt später durfte der eiserne Finanzminister mal am Posten des Bundespräsidenten schnuppern. Doch die abgezockte Strategin Merkel hatte nie ernsthafte Absichten mit dem treuen Schäuble. Er wurde zur Verhandlungsmasse – und Christian Wulff bekam das Amt. Mündend in der harten Pointe auf dem Cover des Magazins „Titanic“, auf dem sich Angela Merkel über den unglücklichen Kandidaten beugt und ihm zuraunt: „Entschuldige, aber ich kann doch keinen zum Bundespräsidenten machen, der mal in eine Schießerei verwickelt war.“ An larmoyante Töne von Schäuble kann ich mich nicht erinnern.

Man muss sie feiern, diese klaglosen Wegstecker, die sich in den Dienst der Sache stellen.

Und was Manuel Neuer angeht: Auf dessen anfällige Unterschenkel schaut jetzt die gesamte Nation, und nicht nur Sportmediziner fragen sorgenvoll: „Wade hadde du denn da?“ Sehr gut möglich, dass der ausgebootete Baumann als Ersatzmann beim Turnier schnell wieder gefragt ist. Was beweist: Man muss nur geduldig warten. Dann schwimmen nicht nur die Leichen der Feinde im Fluss vorbei – manchmal taucht auch eine Trage am Spielfeldrand auf.

Micky Beisenherz freut sich, von Ihnen zu hören. Schicken Sie ihm eine E-Mail an beisenherz@stern.de

 

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