Ganz so belastet wie manche fürchteten, kann das Verhältnis zwischen Oliver Baumann und Julian Nagelsmann nicht sein. Das verrieten am Donnerstagmittag die Knöchel des Bundestrainers. Diese waren nämlich bedeckt von dunkelblauen Socken, in die Zuckerstangen-Motive eingestickt sind. Das auffällige Strumpfwerk, das Nagelsmann in der Frankfurter DFB-Zentrale zeigte, ist ein Geschenk von Baumann. Der meinte es vor einigen Jahren besonders gut mit seinem Trainer und schenkte ihm einen 8er-Pack Socken.
„Zufall!“, rief Nagelsmann in die Futsal-Halle hinein, die zu einem üppig bestuhlten Konferenzsaal umgebaut worden war. Auch wenn der Bundestrainer beteuerte, mit der Sockenwahl keine Botschaft senden zu wollen, so war dies der Moment, in dem Nagelsmann das Publikum auf seine Seite brachte. Mehrere Schulklassen waren, neben Journalisten, bei der Präsentation des WM-Kaders zugegen. Nagelsmanns Sockengeschichte brachte Leichtigkeit in die Halle, in der zuvor nahezu ausschließlich schwere Themen verhandelt worden waren.
In Frankfurt ging es natürlich um die eine große Frage: Wer steht bei der WM in Nordamerika im Tor? Tatsächlich, wie kolportiert wurde, Manuel Neuer? Oder doch Oliver Baumann, die bisherige Nummer eins?
Um 13:03 Uhr war das Geheimnis gelüftet, als die Kaderliste auf der Leinwand über Nagelsmann aufschien. „Ja, plane ich“, antwortete der Bundestrainer, als er wenige Minuten später gefragt wurde, ob er Neuer als Stammtorwart einsetzen werde beim WM-Turnier.
Damit war die Nachricht in der Welt. Erklärungsbedürftig war jedoch immer noch, wie Nagelsmann die Torwartdebatte in den zurückliegenden Tagen so sehr hatte entgleiten können. Da war sein denkwürdiger Auftritt im ZDF-„Sportstudio“ am Samstag, bei dem Nagelsmann jede Frage zum Thema Neuer/Baumann abblockte, obwohl ihm hätte klar sein müssen, dass er sich genau dazu würde einlassen müssen. Da war das berührende Interview mit Oliver Baumann ein paar Stunden zuvor, als er von der ARD gefragt wurde, ob er sich sicher sei, als Nummer eins zur WM zu fahren. „Ja, das war mein Stand. Oder ist mein Stand“, stammelte Baumann, und wer wollte, konnte in seinen Augen zwei riesige Fragezeichen entdecken.
All das galt es an diesem Donnerstag aufzuarbeiten. Nagelsmann war dieses Mal besser vorbereit. Ihm gelang es, die Debatte wieder an sich zu ziehen. Satz für Satz kämpfte er sich vor. Er erklärte, warum Neuer für ihn der aktuell beste Torwart in Deutschland ist („Manuel hat diese Aura. Er löst bei den Stürmern des Gegners etwas aus“). Er zeigte auch Mitgefühl mit Baumann: „Es ist ein Schlag für Oli gewesen. Er hat in den letzten vier Wochen eine schwere Zeit gehabt. Ich ziehe meinen Hut vor ihm, dass er die Mannschaft jetzt nicht im Stich lässt.“
Der Bundestrainer vollzieht eine kommunikative Kehrtwende
Nagelsmann hatte seinen stärksten Moment, als er selbst seinen Kommunikationsstil hinterfragte. „Ich kritisiere mich dafür, dass man Dinge besser machen kann“, sagte er. „Ich kann verstehen, dass manche sagen: Das war nicht der richtige Weg.“
Nagelsmann klang wesentlich milder als noch bei seinem „Sportstudio“-Besuch, als er bockig behauptete, er sei absolut „fein“ mit seiner Art, den Fall Neuer/Baumann zu händeln.
Bereits am frühen Morgen hatte sich angedeutet, das Nagelsmann eine weichere Linie wählen würde. Um sieben Uhr begann die Medienabteilung des DFB damit, die Namen einiger WM-Fahrer zu verkünden. Über den Instagram-Account des Verbandes spielte sie kurze Videos aus, in denen Ehefrauen, Freunde und Verwandte den Nominierten zu ihrer Berufung gratulierten. Gegen Ende eines jeden Filmchens ergriff dann der Bundestrainer das Wort.
Was er sagte, wirkte wie eine Korrektur des „Sportstudio“-Auftritts – und auch seines „Kicker“-Interviews von Anfang März, das für viel Wirbel gesorgt hatte. Damals hatte er seinen Kader einer kritischen Inventur unterzogen. Über die defensiven Mittelfeldspieler hatte er gesagt: „Dieses Profil, dass einer in der Luft richtig abräumt und eine gewisse Physis mitbringt, haben wir kaum. Das sind alles sehr ähnliche Spielertypen: Pascal Groß, Angelo Stiller, Pavlovic, Nmecha, selbst Robert Andrich – die wollen alle den Ball.“
Julian Nagelsmann schmeichelt sich durch den kompletten Kader
Nagelmanns offene Worte kamen in der Branche gar nicht gut an. Wie man denn in aller Öffentlichkeit so abrechnen könne mit seinen Leuten, fragten sich Spielerberater und Vereinsfunktionäre. Nicht wenige sahen darin einen Akt der Illoyalität, einen Vertrauensbruch, und das wenige Monate vor Beginn der Weltmeisterschaft.
An diesem Donnerstag folgte dann die kommunikative Kehrtwende. Nagelsmann überschüttete seine Spieler geradezu mit Lob und Liebe.
Deniz Undav, mit dem er kürzlich noch im Clinch gelegen hatte, hörte den Bundestrainer im Video sagen: „Deniz, deine größte Fähigkeit ist es, ein Straßenfußballer zu sein. Auf engstem Raum kreative Lösungen zu finden. Eine weitere riesige Fähigkeit von dir ist, mit deinen lockeren Sprüchen, deinen Witzen, deinem riesigen Charme die Stimmung aufzulockern und die Gruppe auf deine Seite zu ziehen.“ An Kai Havertz gerichtet, sagte Nagelsmann: „Du liebst Hunde, ich auch, was soll außerhalb des Platzes da im Wege stehen? Bleib gesund, schalt‘ den Kopf aus, gib Gas!“
Euphorie? „Nur durch Worte wird es sehr, sehr schwer“
In diesem Duktus ging das weiter, Nagelsmann schmeichelte sich durch den WM-Kader. Würde man seine Worte in Emojis übersetzen, entstünde ein Wimmelbild aus Herzchen, nach oben gereckten Daumen und hüpfenden Ausrufezeichen.
Man kann das kitschig finden, eine Spur zu grell und pathetisch, aber es spricht einiges dafür, dass Nagelsmann die zur Hysterie neigende Fußballbranche mit all ihren Experten und Zwischenrufern hat beruhigen können. Genügt das, um das Land in Begeisterung zu versetzen? Um Vorfreude auf die WM zu wecken? Nein, der Auftritt am Donnerstag war lediglich ein erster Schritt. Und das weiß Nagelsmann selbst. „Nur durch Worte Euphorie zu entfachen, wird sehr, sehr schwer“, sagte er. „Wir müssen gute Leistungen zeigen und gut ins Turnier starten.“
24 Tage bleiben Nagelsmann noch, um seine Mannschaft einzuschwören auf die WM. Dann wird in Houston das erste Gruppenspiel gegen Curacao angepfiffen.