"Die Wahrheit über Social Media – mit Jochen Breyer"
"Zehnjährige sehen Dinge, die Sie als erwachsener Mensch nicht ertragen"

  • von Eric Leimann
Social Media macht süchtig: Dies dürfte eine Erkenntnis Jochen Breyers und Julia Friedrichs aus ihrem Film "Die Wahrheit über Social Media – mit Jochen Breyer" sein. Nun beginnen mehrere Länder und Gesellschaften damit, sich gegen die Tech-Konzerne hinter Social Media zu wehren.
Social Media macht süchtig: Dies dürfte eine Erkenntnis Jochen Breyers und Julia Friedrichs aus ihrem Film "Die Wahrheit über Social Media – mit Jochen Breyer" sein. Nun beginnen mehrere Länder und Gesellschaften damit, sich gegen die Tech-Konzerne hinter Social Media zu wehren.
© © ZDF/Julia Friedrichs

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Ist Social Media außer Kontrolle geraten? In den USA laufen dazu erste spektakuläre Prozesse. Für ihre Doku "Die Wahrheit über Social Media – mit Jochen Breyer" waren Filmemacherin Julia Friedrichs und der ZDF-Anchorman in Deutschland und den Staaten unterwegs. Mit beunruhigenden Erkenntnissen.

Auf einem Schulhof in München erzählen Realschüler, dass sie zehn, elf, ja sogar 19 Stunden am Tag online sind. Längst ist es erwiesen: Social Media macht süchtig – und das ist auch genau so geplant von jenen Tech-Konzernen, die hinter den Anwendungen stehen. Für ihre Doku "Die Wahrheit über Social Media – mit Jochen Breyer" waren Julia Friedrichs und ZDF-Anchorman Jochen Breyer in Deutschland und den USA unterwegs. Sie sprechen mit Kindern, Jugendlichen und jungen Mitarbeitern von Tech-Firmen über die Tricks und Mechanismen, die bei Social Media wirken. Breyer und Friedrichs reisen auch in die USA, um dem globalen Social Media-Geschäft der Tech-Konzerne auf den Zahn zu fühlen. Immerhin: Hier laufen mittlerweile unzählige Prozesse gegen Social Media, die das Geschäft deutlich einschränken könnten.

Filmemacherin Julia Friedrichs berichtet: "Wir haben für die Dokumentation einen Gerichtsprozess in den USA begleitet, der jetzt schon als historisch bezeichnet wird. Während früher Plattformen oft für einzelne Posts verantwortlich gemacht wurden, geht es bei diesem Prozess um das große Ganze. Die Anwälte argumentieren: Die Plattformen seien so designt, so gebaut, dass sie süchtig machen. Der Prozess in LA war der erste von weit mehr als tausend, die noch folgen werden. Die Anwältin der Klägerseite, die wir interviewt haben, sagt: Die Prozesse könnten der Anfang vom Ende von Social Media sein."

"Wir leben in einem Notstand"

Friedrichs sieht jedoch noch keinen Grund, die Zukunft rosig zu betrachten: "Wir erleben, wie die Plattformen mächtiger werden, gerade auch, weil ihnen in den USA der Schulterschluss mit der Politik gelungen ist. Ein Pakt von Politik und Big-Tech." Ihr Film bleibt nicht nur bei Big Tech und den USA-Prozessen, sondern schaut auch in die deutsche Gesellschaft hinein. Auf dem Münchener Schulhof gestehen Kinder: "Das Krasseste, was ich auf Social Media gesehen habe, sind Menschen, die sich das Leben nehmen." Und Handytrainer Daniel Wolff ordnet ein: "Zehnjährige sehen Dinge, die Sie als erwachsener Mensch nicht ertragen. Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft langsam erkennen: So kann es nicht weitergehen. Wir leben in einem Notstand."

Breyer spricht auch mit Holger Münch, dem Präsidenten des Bundeskriminalamts, und macht deutlich, dass es kaum noch Radikalisierungsprozesse gibt, bei denen soziale Medien keine Rolle spielen. Dabei stellt sich die Frage, wie algorithmusgesteuerter Hass überhaupt funktioniert. Auch Julia Friedrichs findet: "Die Mechanismen, die hinter Social Media stehen, sind darauf ausgelegt, maximale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Und sie funktionieren. Es gibt Aufklärung, es gibt Diskussionen über stärkere Regulierung und Altersbeschränkungen – aber all das steht oft in keinem Verhältnis zu der Geschwindigkeit und Konsequenz, mit der sich die Plattformen weiterentwickeln."

Anke Engelke spielt einen Algorithmus

Ist der Kampf also schon verloren? Oder können uns nur noch Gerichte und Regierungen retten? "Den zukünftigen Umgang mit Social Media muss die Gesellschaft ausdiskutieren", sagt Friedrichs. "Wir sehen gerade, dass in vielen Ländern neue Regeln beschlossen werden. Nicht nur in Europa, sondern etwa auch in Australien. Welche Wirkung diese am Ende entfalten, wird sich zeigen." US-Präsident Trump und sein Vize J. D. Vance haben klargemacht, dass sie die amerikanischen Tech-Plattformen schützen wollen. Breyer spricht in der Doku mit Kongressabgeordneten sowie MAGA-nahen Influencern, die betonen, dass eine Regulierung der Plattformen aus ihrer Sicht einer Zensur gleichkäme – etwas, das die Trump-Regierung nicht akzeptieren würde.

In Los Angeles begegnet Jochen Breyer Menschen, die sich den Tech-Konzernen bewusst entgegenstellen. Er trifft Julianna Arnold, deren Tochter Coco gestorben ist – nach Ansicht der Mutter auch infolge der schädlichen Wirkung von Plattform-Algorithmen. Außerdem begleitet er die Anwältin Laura Marquez-Garrett zum Superior Court, wo Google und Meta vor Gericht stehen. Der Vorwurf: Die Social-Media-Plattformen seien bewusst so gestaltet worden, dass sie süchtig machen. Eine zusätzliche erzählerische Ebene bringt Anke Engelke ein: In der Rolle eines personifizierten Algorithmus – kühl, berechnend und allgegenwärtig – führt sie durch die Mechanismen der digitalen Welt und zeigt, wie stark diese unser Verhalten prägen.

Die Wahrheit über Social Media – mit Jochen Breyer – Di. 26.05. – ZDF: 20.15 Uhr

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