„Ich muss dazu stehen, dass ich meinem Leben ein Ende setzen wollte“, sagt der ehemalige Trigema-Chef im Gespräch mit der „Wirtschaftswoche“. In dem sehr persönlichen Interview redet Wolfgang Grupp nun offen über seinen Suizidversuch im vergangenen Sommer. Und darüber, wie schwer es ihm fiel, sich zurechtzufinden, nachdem er Trigema an seine Frau Elisabeth und seine Kinder Wolfgang Junior und Bonita übergeben hatte.
„Ich habe gedacht, dass ich nicht mehr gebraucht werde, beziehungsweise dass ich nicht mehr wichtig bin“, sagt Grupp in dem Interview. Mehr als ein halbes Jahrhundert stand Grupp an der Spitze des schwäbischen Textilherstellers, er hat für Trigema gelebt. Früher habe er nie zwischen dem Privatmann Wolfgang Grupp und dem Unternehmer Wolfgang Grupp getrennt, so Grupp zur „Wiwo“. Nun sei er nur noch Privatmann. Grupp bekennt, wie sehr er damit gekämpft habe, nicht mehr der wichtigste Entscheider bei Trigema zu sein. Nachts habe ihn das so beschäftigt, dass er nicht habe schlafen können.
Grupp machte öffentlich, dass er an Altersdepression leidet
„Die Depression hatte ihre Ursache in der Feststellung: Das ist jetzt das letzte Kapitel in meinem Leben“, so Grupp. „Wenn ich in der Zeitung die Todesanzeigen lese, dann kommen die Einschläge näher.“ Dass er an einer Altersdepression litt, hatte Grupp schon kurz nach seinem Suizidversuch öffentlich gemacht. Noch aus dem Krankenhaus hatte er sich damals in einem Brief an die Trigema-Mitarbeiter gewandt und erklärt, dass er versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. „Ich bin im 84. Lebensjahr und leide an sogenannten Altersdepressionen. Da macht man sich auch Gedanken darüber, ob man überhaupt noch gebraucht wird“, schrieb Grupp damals an die Belegschaft. „Ich habe deswegen auch versucht, mein Leben zu beenden.“ Er wollte Aufmerksamkeit schaffen für das Thema Depression und es in die Öffentlichkeit holen. „Ich bedaure sehr, was geschehen ist, und würde es gerne ungeschehen machen“, schrieb er.
Jahrzehntelang war Wolfgang Grupp zuvor in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem der Mann aus der Werbung mit dem Affen vor der Tagesschau gewesen. Ein Patriarch vom alten Schlag in Maßanzügen, nie um einen markigen Spruch verlegen. Dieses Bild stürzte in sich zusammen, als bekannt wurde, dass der nach außen so erfolgreiche Unternehmer versucht hatte, sich umzubringen.
Die verletzliche Seite des Patriarchen
Capital/Stern hatte Grupp schon zuvor bei der Recherche und Interviews für ein großes Porträt im Jahr 2023 seine nachdenkliche und sensible Seite gezeigt. Der Unternehmer hatte über seine „schlimmste Zeit“ als Schüler im Jesuitenkolleg und Internat St. Blasien gesprochen. Als er über den Tod und die Beerdigung seines Großvaters sprach, der sein großes Vorbild war, kamen dem Unternehmer während des Interviews im Großraumbüro die Tränen. Schon damals war es auch um seinen eigenen Tod gegangen. „Ich bin ein großer Realist und jetzt im 82. Lebensjahr. Und wenn es morgen vorbei ist, dann bin ich nicht böse. Ich kann es ja sowieso nicht bestimmen. Das bestimmt ein anderer“, sagt er Capital/Stern. Schon vor mehr als zehn Jahren hat er sich ein Familiengrab bauen lassen. „Wolfgang Grupp 4.4.1942“ steht dort seitdem auf einer dunklen Grabplatte.
Sie haben suizidale Gedanken? Befinden Sie sich in einer psychischen Krise? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter (0800) 1110111 und (0800) 1110222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail oder Chat ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Bei unmittelbarer Suizidgefahr: Wählen Sie den Notruf 112, wenn Sie selbst akut gefährdet sind oder es jemand in Ihrem Umfeld ist. In akuten Krisen steht auch der medizinische Notdienst unter 116 117 zur Verfügung.
Mit seiner Offenheit und seiner Bereitschaft, auch über seine verletzlichen Seiten zu sprechen, ist Grupp unter deutschen Unternehmern eine Ausnahmeerscheinung. Viele verschanzen sich hinter einer Aura der Macht und Unnahbarkeit, die es schwer macht, ein echtes, persönliches Gespräch mit ihnen zu führen. Dass Wolfgang Grupp das anders sieht, hat er nun auch wieder mit seinem jüngsten Interview gezeigt. Heute, erzählt er in der „Wiwo“, gehe es ihm besser, auch weil er Medikamente gegen seine Depression nehme.
Seinen Suizidversuch nennt der Unternehmer eine „Kurzschlussreaktion“, die er sehr bereue und „sicherlich nicht wiederholen würde“. Grupp, der wieder ins Büro geht und die Produktionsplanung für Trigema macht, spricht auch darüber, was ihm neuen Lebensmut gibt, zum Beispiel sein Enkelkind, das er jeden Tag sehe. Der Unternehmer zeigt sich demütig. Grupp geht jeden Morgen in seine Hauskapelle und betet. Er sei dankbar, dass ihm im Leben vieles erspart geblieben sei.
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