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Editorial: "Die Scheiße kommt hoch"

Liebe stern-Leser!

Günter Grass hat den Nobelpreis für Literatur bekommen, weil er "in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat". So lautete die Begründung des Komitees. Schreiben gegen das Vergessen - das war das erklärte Ziel seines gesamten Werkes. Dass ausgerechnet Grass 60 Jahre lang vergessen oder verdrängt, auf jeden Fall aber verschwiegen hat, dass er bei der Waffen-SS war, macht fassungslos. Was ist von diesem späten Bekenntnis zu halten?

Kein vernünftiger Mensch bricht den Stab über Grass, weil er sich 1943 als verblendeter 16-Jähriger freiwillig zur Wehrmacht meldete und im Jahr darauf - unfreiwillig - bei der Waffen-SS landete. Millionen glaubten noch an den Endsieg, obwohl die Ostfront längst am Zusammenbrechen war.

Es gibt auch keinen Beleg dafür, dass Grass in dem halben Jahr zwischen seiner Einberufung im Herbst 1944 und seiner Flucht im Frühjahr 1945 an irgendwelchen Verbrechen beteiligt war, die seine SS-Panzerdivision "Frundsberg" zuhauf verübte. Er versichert, er habe keinen einzigen Schuss abgegeben.

Günter Grass ist allerdings vorzuwerfen, dass er, der über fast alles und jeden moralisch gerichtet hat, der als oft nerviger Querkopf und Gewissen der Nation agierte, nie den Mut aufbrachte, den kleinen schwarzen Fleck im eigenen Lebenslauf zu erwähnen. Das hätte ihn nur überzeugender gemacht in seinem Eintreten gegen Faschismus und Intoleranz, meint nicht nur sein Biograf Michael Jürgs und weist auf die Novelle "Im Krebsgang" hin, in der Grass schreibt: "Die Geschichte, genauer, die von uns angerührte Geschichte, ist ein verstopftes Klo. Wir spülen und spülen, die Scheiße kommt dennoch hoch."

Nun ist sie da, und der unermüdliche Blechtrommler gegen das Vergessen muss sich von Freund und Feind fragen lassen: Warum so spät? Weil er sonst den ersehnten Nobelpreis nicht bekommen hätte? Oder möchte Grass ganz einfach die Inszenierung seiner Person selbst in der Hand behalten? Wäre die "Scheiße" seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS erst nach seinem Tod bekannt geworden, dann hätte dies sein Lebenswerk wohl ruiniert. So hat er den Makel immerhin eigenhändig publik gemacht.

Es macht vieles nachdenklich an diesem Fall - zum Beispiel auch, dass der Steidl-Verlag um die 4000 Vorabexemplare von Grass`s Erinnerungen an Feuilleton-Kollegen und Buchhändler schickte, aber kaum einer das Werk gelesen oder die Sprengkraft des Kapitels "Wie ich das Fürchten lernte" verstanden hat. Erst als die "FAZ" ihr - schon drei Wochen zuvor geführtes - Interview veröffentlichte, traten allen "Beim Häuten der Zwiebel" Tränen in die Augen: Günter Grass war bei der Waffen-SS? Unfassbar!

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

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