HOME

Editorial: "Es ist wie ein Tanz auf dem Vulkan"

Liebe stern-Leser!

Die Wirtschaft brummt, Gewinne und Börsenkurse explodieren - und damit auch so manche Vorstandsbezüge. Nur im Portemonnaie der meisten Arbeitnehmer ist vom Aufschwung bisher wenig zu spüren. Lohn- und Gehaltserhöhungen, so zeigt sich, sind in Zeiten der Globalisierung immer schwerer durchzusetzen. Viele Menschen sind schon froh, wenn ihre Bezüge nicht gekürzt werden, so wie jetzt bei Zigtausenden Telekom- Mitarbeitern. Ein anderer Weg ist, die Arbeitnehmer direkt an Gewinn und Kapital ihrer Firma zu beteiligen; einige Unternehmen praktizieren das schon. "Das Gold unserer Zeit", nannte stern-Vize Hans-Ulrich Jörges dieses Modell im November 2005 in seiner Kolumne und stieß damit eine Diskussion an. Bundespräsident Horst Köhler nahm den Ball sogleich auf und sagte in einem stern-Interview, in Zeiten der Globalisierung könnten solche Kapitalbeteiligungen dazu beitragen, einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich entgegenzuwirken. Köhler löste damit eine heftige Debatte aus. Zustimmung bekundeten im stern sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel ("Das ist mein Anliegen") als auch Industrie- Präsident Jürgen Thumann ("Wir begrüßen diese Initiative") und SPD-Chef Kurt Beck ("Die Idee ist richtig und wird immer wichtiger"). So viel Einigkeit war selten. Passiert ist freilich so gut wie nichts. Nun endlich liegt ein konkreter Vorschlag auf dem Tisch. Kurt Beck sagt diese Woche im stern: "Ich schlage einen Deutschlandfonds vor, in den die Arbeitnehmer einzahlen und der sich dann an".

Auf der Suche nach dem Liebesleben der Israelis fühlten sich stern-Reporterin Daniela Horvath und Fotograf Ziv Koren wie Grenzgänger zwischen zwei Welten. Im liberalen Tel Aviv mit seiner ausschweifenden Party- und Clubszene etwa stießen die beiden auf Menschen wie die Arzttochter Michal Shapiro. Die 26-Jährige, die nachts als SM-Sklavin ihre exhibitionistischen Neigungen auslebt und tags den Träumen von einer normalen Familie mit vielen Kindern nachhängt, brachte die fatalistische Lebensphilosophie vieler säkularer Juden ihrer Generation auf den Punkt: "Wir Israelis führen ein Leben wie im Krieg, in ständiger Angst vor neuen Angriffen oder Selbstmordanschlägen unserer arabischen Nachbarn. Wahrscheinlich sind wir deshalb so ausdauernd auf der Suche nach immer neuen Exzessen, die uns für eine Nacht die Flucht aus unserer bedrohlichen Alltagswelt erlauben. Es ist wie ein Tanz auf dem Vulkan." In Jerusalem, der Glaubenshochburg der Ultraorthodoxen, die kaum 80 Kilometer entfernt liegt, gelang den beiden Journalisten der Zugang zum frommen, welt- und lustfernen Leben einer typischen Haredim-Familie. Bei Guavensaft und selbst gebackener Schokoladentorte von Mutter Dvora, 40, gestattete Familienoberhaupt Yaakov Sudri, 41, den Besuchern seltenen Einblick in das Intimleben strenggläubiger Eheleute: Sie sprachen über die arrangierte Heirat der ältesten Tochter, das Verbot vorehelicher Beziehungen, die Sexualaufklärung der Brautleute, über Untreue und Scheidung.

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

print