HOME

Editorial: "Wir wussten doch, dass unsere Offiziere davon wussten!"

Liebe stern-Leser!

Dass ein urdemokratisches Land wie die Vereinigten Staaten überhaupt ein Gesetz erlassen muss, um Folter zu verbieten - das zeigt, wie eine Regierung innerhalb weniger Jahre einen staatstragenden Wertekanon ins Wanken gebracht hat. Dass der aktuell leider noch regierende Präsident dann auch noch ein Veto gegen dieses Anti-Folter-Gesetz einlegte, macht sprachlos. Bush tat dies mit dem ernst gemeinten Hinweis, dass "uns eines der nützlichsten Werkzeuge im Kampf gegen den Terror" genommen werde. Er meinte damit vor allem das sogenannte Waterboarding, das Gefangenen das Gefühl gibt zu ertrinken. Nur zur Erinnerung: Die USA gehören zu jenen 145 Staaten, die die UN-Antifolterkonvention ratifiziert haben. Sie ist geltendes Völkerrecht. Danach gilt jede Handlung als Folter, die einer Person "vorsätzlich große körperliche oder seelische Schmerzen oder Leiden" zufügt oder androht, um eine Aussage zu erpressen, um einzuschüchtern oder zu bestrafen. In Deutschland ist Foltern eine Straftat!

Was geschieht, wenn sich ein Präsident und oberster Kriegsherr der Folter nicht unnachgiebig in den Weg stellt, konnten wir im irakischen Foltergefängnis Abu Ghraib verfolgen. Am Ende der langen Befehlskette wurde dort umgesetzt, was die Bush-Administration guthieß: Demütigung und Folter von irakischen Gefangenen in jeder nur denkbaren Weise. Die Bilder des Skandals gingen um die Welt, und die fragte sich, was in den Köpfen derjenigen vorging, die in der Uniform einer demokratisch legitimierten Armee niedersten Instinkten freien Lauf ließen. Im Mittelpunkt des Skandals stand auch die Militärpolizistin Lynndie England, die durch die Fotos aus dem Folterknast von Abu Ghraib auf traurige Art weltberühmt wurde. Als die stern-Reporter Jan Christoph Wiechmann und Michael Streck Lynndie England jetzt zum Interview in West Virginia trafen, sahen sie eine vom Leben gezeichnete Frau. Sie ist erst 25 Jahre alt, doch ihre Haare werden an den Schläfen schon grau. Sie lebt gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem drei Jahre alten Sohn in einem Wohnwagen und versucht - vergebens - seit Monaten, einen Job zu finden: England ist eine Gefangene ihres Namens und ihrer Taten.

Mehrere Stunden lang befragten die Reporter die ehemalige Obergefreite. Und es entspann sich ein schonungslos offenes Gespräch - das erste überhaupt, seit England im vorigen Jahr aus der Haft entlassen worden war. Es ist ein spannendes Protokoll der Scham, der Wut und auch des Leugnens. Vermittelt hatte den Kontakt ihr Anwalt Roy Hardy, zu dem Streck in den vergangenen Jahren immer Kontakt gehalten hatte. Mit amerikanischen Medien spricht die zurückhaltende Lynndie England überhaupt nicht. Auch deshalb waren die stern-Reporter überrascht, wie ausführlich und detailliert sie über den Skandal und ihre Rolle Auskunft gab. Sie beschreibt ausführlich die Folterpraktiken, die Männer von den US Geheimdiensten und die Befehlskette. Lynndie England sieht sich dabei als Täter und Opfer zugleich: "Wir wussten doch, dass unsere Offiziere davon wussten, auch unsere Sergeants. Wir dachten, wenn unsere Vorgesetzten davon wissen, wissen es auch die ganz oben. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass auch Verteidigungsminister Rumsfeld alles wusste."

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

print