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Editorial: Abschied von Bruder Affe

Wer einem Menschenaffen in die Augen blickt, heißt es, den überkommt leicht das Gefühl, er schaue wie durch den Tunnel der Evolutionsgeschichte

Liebe stern-Leser!

Wer einem Menschenaffen in die Augen blickt, heißt es, den überkommt leicht das Gefühl, er schaue wie durch den Tunnel der Evolutionsgeschichte zurück in die eigene Vergangenheit.

Vor 15 Millionen Jahren saßen wir noch zusammen auf den Bäumen. Dann trennten sich die Wege: zuerst von den Orang-Utans, dann von den Gorillas und schließlich von den Schimpansen, die aber zu 98,4 Prozent die gleiche Erbsubstanz DNS wie wir Menschen haben.

Es sind also unsere Vettern und Brüder, um die es in der Titelgeschichte dieser Ausgabe geht: Höchstens 350 000 Menschenaffen gibt es auf der ganzen Welt. Und auch die sind jetzt vom Aussterben bedroht.

Schuld ist mal wieder der Mensch. Der kleine genetische Unterschied von 1,6 Prozent hatte bekanntlich große Wirkung: Vor 100 000 Jahren brach der Homo sapiens sapiens in Afrika auf, um sich die Erde untertan zu machen. Das ist ihm gründlich gelungen. 6,29 Milliarden Menschen bevölkern heute die Weltkugel bis in den letzten Winkel. Sie plündern die Bodenschätze, fischen die Meere leer und holzen die Regenwälder ab.

Für die Verwandten aus grauer Vorzeit ist da kein Platz mehr: Ihre Lebensräume werden systematisch zerstört, sie werden gefangen und verkauft, gejagt und gegessen. Krankheiten wie das Ebola-Virus tun ein Übriges.

stern-Reporter Gerd Schuster und Fotograf Jay Ullal reisten nach Indonesien und beschreiben den fast aussichtslosen Kampf um die letzten Orang-Utans auf Borneo. Dort sagte ihnen Lone Dröscher-Nielsen, die aus Dänemark stammende Leiterin einer Schutzstation: "2003 ist unser bisher schlimmstes Jahr - eine Katastrophe."

Herzlichst Ihr Thomas Osterkorn

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