Editorial Die Stunde der dunkelroten Genossen


Liebe stern-Leser!

So weit ist es schon gekommen: Man hat Mitleid mit dem Kanzler. Schröder wird zum tragischen Helden, der heilsame Entscheidungen trifft, aber zum Dank seinen eigenen Abgang inszenieren muss. Gleichzeitig zerfällt die SPD unter seinen Augen, inhaltlich und personell. Die Rebellen machen mobil, kehren zurück zu den Laichplätzen der guten alten Sozialdemokratie. Aber der Kanzler hat den Kampf aufgenommen - gegen die Opposition und gegen die eigenen Partei-Piranhas, die sich auf die schwächelnde Führung stürzen. Vergangene Woche schmetterte er den aufmuckenden Stieglers, Nahles' und Schreiners, den Links-Denkern in der SPD, entgegen: "Der von mir eingeschlagene Weg der Reformpolitik ist nach meiner festen Überzeugung der richtige Weg ...!" Schröder erklärt also die Reformen zu den Grundfesten seiner Politik, nachdem eine quälend lange Periode seiner siebenjährigen Amtszeit von einem beherzten Vorwärts-rückwärts-seitwärts dominiert wurde. Der Kanzler erzwingt die Entscheidung, er will es schriftlich vom Wahlvolk, dass es seinen Weg für eine Sackgasse hält. Diese Quittung wird er wohl kriegen. Weil die Reformen halbherzig waren und andererseits auch, weil viele Deutsche zwar den großen Wurf wollen, aber bitte nur dann, wenn sie nicht darunter leiden müssen.

So kommt jetzt die Stunde der dunkelroten Genossen, die im Kielwasser des Kanzlers abgetaucht waren. Sie bringen sich für die Post-Schröder-Ära in Position, vorneweg Andrea Nahles, wie unser Bericht aus dem erodierenden Innenleben der Sozialdemokraten zeigt (Seite 26). Sie werden spätestens nach dem Machtverlust - aber auch schon während des Wahlkampfs - versuchen, die SPD wieder in einen gemeinnützigen Verein zu verwandeln. So wie früher: Die Sozis sind fürs Geldverteilen zuständig, die Rechten fürs Geldverdienen. Wir steuern also munter auf neue alte Auseinandersetzungen zu. Die Republik wird sich wieder in links und rechts zerlegen. Den Wähler freut es, dann hat er wirklich eine Wahl.

Fast vier Jahre nach den Terrorangriffen erlebt New York City das vielleicht größte Comeback seiner Geschichte. Die Touristen sind zurück, die Wirtschaft brummt, Hotels, Restaurants und Bars sind voll, die Broadway-Theater ausverkauft. Die New Yorker haben das Trauma des 11. September offenbar mit jener Geschwindigkeit verarbeitet, die der Stadt eigen ist. New York ging schon durch viele Krisen und war Mitte der 70er Jahre derart pleite und zerfressen von Korruption und Kriminalität, dass der damalige US-Präsident Gerald Ford die City mit seinem legendären Ausspruch "Drop Dead" für tot erklärte. Ford lag damit ebenso falsch wie jene, die nach der Attacke auf das World Trade Center behaupteten, davon werde sich die Stadt nie erholen können.

Sie hat sich erholt. Die Aufbruchstimmung war stärker als die Angst. New York ist reicher und vitaler denn je. Und im Bush-regierten Amerika eine Oase der Liberalität und Offenheit. Nirgendwo sonst auf der Welt leben so viele Menschen unterschiedlicher Rassen, Kulturen und Religionen so friedlich miteinander. Und nirgendwo könnten deutsche Politiker besseren Anschauungsunterricht darin bekommen, dass Multikulti nicht scheitern muss und Immigration vor allem Wachstum bedeutet.

Unsere New Yorker stern-Korrespondenten Jan Christoph Wiechmann und Michael Streck recherchierten wochenlang in der Stadt, in der sie leben (Seite 50). Sie ließen sich durch die fünf Stadtteile treiben, erkundeten Szene-Gegenden auch jenseits von Manhattan. Sie interviewten Donald Trump und Daniel Libeskind, den Architekten des "Freedom Tower". Sie trafen Bürgermeister Michael Bloomberg, sprachen mit Spekulanten, Stadtforschern, Einwanderern und alten New Yorkern. Und alle stimmen darin überein: New York ist zurück.

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