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Editorial: Die Welt blickt auf den Iran

Liebe Leserin, lieber Leser,

Tränengasschwaden in den Straßen von Teheran, maskierte Milizionäre auf Motorrädern und mit automatischen Waffen, blutende Menschen auf dem Asphalt: Die friedlichen Demonstrationen gegen den angeblichen Wahlsieg von Präsident Mahmud Ahmadinedschad sind umgeschlagen in einen erbitterten Kampf um die Macht im Iran. Der Protest gegen die Arroganz der Mächtigen im Gottesstaat ist ein Fanal für die Freiheit. Aber auch diese Rebellion beruft sich auf Allah. Und das macht es so schwierig für die Herrschenden, Herr der Lage zu bleiben. Mir Hussein Mussawi, der betrogene Kandidat der Opposition, spielt geschickt die religiöse Karte. Die getöteten Demonstranten erklärte er zu Märty­rern und forderte seine Anhänger auf, sich in den Moscheen zu Trauerfeiern zu versammeln. Wissend, dass sich daraus machtvolle Proteste mit aufgeputschten Emotionen entwickeln können.

Weil unabhängige journalistische Arbeit im Iran inzwischen so gut wie unmöglich ist, musste sich stern-Redakteur Steffen Gassel bei seinen Recherchen auch auf Berichte von Kontaktleuten stützen, deren Vertrauen er während seiner zahlreichen Reisen durch das Land gewonnen hat. Gassel, der Politik und die Geschichte des Nahen Ostens studiert hat, Arabisch spricht und auch die iranische Landessprache Farsi, behielt wie Hunderttausende Iraner von Stunde zu Stunde die Webseite Mussawis und seiner Frau Sahra Rahnaward im Auge, die zu einer Hoffnungsträgerin für viele iranische Frauen geworden ist. Er nutzte die Stunden, in denen das Telefonnetz nicht abgeschaltet war, für Interviews und Hintergrundgespräche, um Einblicke in die verworrenen Machtkämpfe innerhalb des Regimes zu gewinnen. Seinen Bericht "Kampf um Freiheit" lesen Sie ab Seite 22.

In das Entsetzen, mit dem die Welt die Entwicklung im Iran verfolgt, mischt sich aber auch die Faszination für ein Land, das Europa in seiner Tausende Jahre langen Geschichte immer wieder inspiriert und bedroht, in seinen Bann geschlagen und herausgefordert hat. Deshalb startet der stern parallel zur aktuellen Berichterstattung in diesem Heft die vierteilige Serie "Die Geschichte des Iran: Von der Antike bis Ahmadinedschad", Teil eins ab Seite 34.

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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