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Editorial: Ist der Islam gefährlich?

Liebe stern-Leser!

Fest steht: Nicht alle Muslime sind Terroristen. Fest steht aber auch: Fast alle Terroristen sind Muslime. Dieses Eingeständnis von Abdel Rahman al-Rashid, dem Direktor des Fernsehsenders Al Arabiya, vor wenigen Wochen im stern abgedruckt, geht mir nicht aus dem Kopf.

Keine der Weltreligionen, über die wir in unserer sechsteiligen Serie berichten, ist in der westlichen Welt derart in Misskredit geraten wie der Islam. Spätestens seit den Terrorangriffen des 11. September, den Selbstmordattentaten von Israel bis Bali und dem Mord an dem holländischen Filmemacher Theo van Gogh erscheint er vielen als Verkörperung von Vernichtung und Tod.

Auch vermittelt der Islam häufig das Bild einer archaischen Religion, in der Frauen unterdrückt, verstümmelt und gesteinigt, in der Andersdenkende verfolgt werden und fusselbärtige Missionare in geifernden Reden zum "Heiligen Krieg" gegen uns "Ungläubige" aufrufen. Das hat zu der seit Jahren heftig diskutierten Frage geführt: Ist diese Religion an sich gefährlich? Oder sind es vielmehr jene Menschen, die den Islam missbrauchen?

stern-Reporter Teja Fiedler, 61, hat bei seiner Recherche über den Islam mit vielen Gelehrten und Gläubigen gesprochen. Er dokumentiert, dass entscheidende Passagen des Korans ähnlich widersprüchlich sind wie die Bibel. So steht dort: "Tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet." Aber es steht auch geschrieben: "Wer einen umbringt, sei es, als habe er alle Menschen umgebracht."

Fiedlers Bericht ab Seite 73 lässt den Schluss zu: Der Islam an sich ist keine Bedrohung. Zu einem Kampfruf frustrierter junger Männer ist dieser Glaube vielmehr durch eine unheilvolle Kombination verschiedenster Faktoren geworden: Eine Epoche der Aufklärung hat der islamische Kulturkreis nie erlebt. Es gibt dort so gut wie keine funktionierende Demokratie. Er ist geplagt von korrupten Regimen und von Überbevölkerung. Rund 40 Prozent der Araber ist unter 15 Jahre. Es mangelt an Arbeit und Bildung. Stattdessen bohrt seit Generationen das Gefühl, vom Westen und von Israel gedemütigt zu werden. Wenn es nicht gelingt, diesen Menschen unsere Werte glaubhaft zu vermitteln, statt sie mit Waffengewalt zu befrieden, wie es die Amerikaner im Irak versuchen, werden wir verlieren - gegen den Islamismus, nicht gegen den Islam.

Chinas BOOM

wird derzeit von vielen bewundert, auch von Bundeskanzler Gerhard Schröder, der am Wochenende mit deutschen Unternehmern nach Peking reisen wird. Das Programm führt sie mit Sicherheit aber nicht dorthin, wo stern-Korrespondent Adrian Geiges, 44, die vergangenen Wochen verbrachte: in die Gegend des Pekinger Südbahnhofs. Dort hausen Zehntausende, die Geschichten von einem anderen China erzählen: von korrupten Funktionären, die ihnen Haus oder Grund und Boden weggenommen haben, Polizisten haben sie verprügelt, weil sie streikten oder bei einer Behörde ihr Recht einforderten, unschuldige Angehörige wurden hingerichtet.

Sie kommen nach Peking, weil sie Hilfe von der Zentralregierung erhoffen - vergebens. Stattdessen werden sie auch dort drangsaliert. Und auch die, die darüber berichten. "Interviews sind hier illegal!", bellten Geheimpolizisten Geiges an, als er das erste Mal mit Bittstellern sprach. Als er sie später in einem Versteck wiedertraf, kamen plötzlich Dutzende weiterer Opfer von Menschenrechtsverletzungen hinzu. Sie klammerten sich wortwörtlich an den stern-Korrespondenten, stopften ihm Kopien von Berichten über ihre Misshandlungen in die Taschen.

Sicherheitsleute nehmen üblicherweise Fotografen, die diese Kehrseite Chinas dokumentieren, die Filme ab. Es ist Du Bin, 32, zu verdanken, dass einige solcher Bilder in dieser Ausgabe des stern zu sehen sind (ab Seite 26). Seit fünf Jahren fotografiert er Bittsteller, Verfolgte und Gedemütigte. Oft musste er sich deshalb verstecken. Jetzt macht er bewusst den Schritt in die Öffentlichkeit. Er sagt: "Nur wenn die Welt diese Bilder sieht, kann sich in China etwas verändern."

Herzlichst Ihr
Thomas Osterkorn

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