Editorial Mehr Strahlen als in Hiroshima


Liebe stern-Leser!

Tschernobyl ist in unserem kollektiven Gedächnis ebenso stark verankert wie das Datum 11. September, der Begriff Tsunami oder der Hurrikanname "Katrina". Vor ziemlich genau 20 Jahren, am 26. April 1986, schmolz ein Kernreaktor in der ukrainischen Stadt und explodierte. Dabei wurde hundertmal mehr radioaktive Strahlung frei als bei den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki. Die strahlende Asche verteilte sich über halb Europa.

Der stern beschreibt in dieser Ausgabe die Anatomie der nuklearen Havarie, die eine der größten Umweltkatastrophen der neueren Geschichte auslöste. Ein Großteil der historischen Bilder stammt von dem Russen Igor Kostin. Er war der einzige Fotograf am Unfallort. Nur wenige Stunden, nachdem Block vier des Kraftwerks detoniert war, flog Kostin in einem Hubschrauber über die strahlende Ruine. "Vor uns war ein großes klaffendes Loch, wie ein offenes Grab. Die weißliche Rauchsäule schien in hohem Tempo in den Himmel zu schießen", erinnerte er sich später. Schon nach den ersten 20 Aufnahmen blockierte aus unerklärlichen Gründen seine Kamera. Als der Fotograf später den Film in Kiew entwickelte, erhielt er nur ein einziges grobkörniges Bild. Die Strahlung hatte alle übrigen Aufnahmen zerstört. Trotz der Gefahren für seine Gesundheit fuhr Kostin in den folgenden Monaten noch häufig in die gesperrte 30-Kilometer-Zone, um die Räumkommandos bei ihrer Arbeit zu begleiten.

stern-Mitarbeiter Marc Goergen, der die Dokumentation schrieb, war damals gerade einmal neun Jahre alt. Wie viele seiner Altersgenossen hatte er nur ungenaue Erinnerungen an die Geschehnisse von damals. "Ich weiß noch, dass wir Kinder nicht draußen spielen und uns vor allem vor dem Regen hüten sollten", sagt Goergen, studierter Historiker. "Und damals stand, genau wie heute, die FußballWeltmeisterschaft vor der Tür."

Nach dem Blick

in die Vergangenheit nun eine Vorschau auf die Zukunft: Zum ersten Mal widmet der stern in dieser Ausgabe ein 40-seitiges Journal den Trends von morgen. Zusammen mit Kollegen aus fast allen Ressorts hat stern-Mitarbeiter Matthias Schmidt wochenlang rund um die Welt Experten gefragt: Was passiert demnächst in Ihrem Bereich? Wie sehen Sie die nähere Zukunft? Trendforscher, Klimatologen, Produkt-Designer, aber auch Modeschöpfer wie Wolfgang Joop oder Fernsehproduzenten wie Nico Hofmann ("Dresden") antworteten. Insgesamt verraten nun 55 Fachleute rund 120 Trends. Diplom-Journalist Schmidt, der schon seine Abschlussarbeit der Berichterstattung über Trends widmete, schaut persönlich ausgesprochen optimistisch in die Zukunft: Während der Arbeit an diesem Journal wurde er Vater von Zwillingen.

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

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