Editorial Pfusch am Reformbau


Was sagt man, wenn zwei Wochen nach dem Einzug ins renovierte Haus Türen und Fenster nicht schließen, die Tapeten schon wieder von der Wand fallen und die Heizung noch immer nicht funktioniert? Pfusch am Bau!

Liebe stern-Leser!

Was sagt man, wenn zwei Wochen nach dem Einzug ins renovierte Haus Türen und Fenster nicht schließen, die Tapeten schon wieder von der Wand fallen und die Heizung noch immer nicht funktioniert? Pfusch am Bau! Wie soll man es nennen, wenn zwei Wochen nach Inkrafttreten der Gesundheitsreform wichtige Fragen für Notfallpatienten, chronisch Kranke oder Behinderte nicht geklärt sind? Auch das ist Pfusch. Nun schieben sich Politiker, Ärzte und Krankenkassen die Schuld gegenseitig in die Schuhe - und bessern in dieser Woche nach. Doch wer blickt noch durch, was ihm kostenlos zusteht und wo er wie viel zuzahlen muss? Das Durcheinander ist noch größer, als wir es in unserer ersten Titelgeschichte in diesem Jahr vorausgesagt haben (stern Nr. 2/2004: "Der geplünderte Patient"). Deshalb beschreiben wir diese Woche nicht nur die Fehler. Wir erklären auch die wichtigsten neuen Bestimmungen von A wie Augenoptik bis Z wie Zahnersatz. Ganz nach unserem Motto: Behalten Sie den Überblick. Auch wenn es manchmal nicht leichtfällt. Berater sind anscheinend die neuen Wunderwaffen der Politik. Sie sollen für ein besseres Image sorgen, wie im Fall von Rudolf Scharping, die Bundeswehr reformieren oder Florian Gersters Bundesagentur für Arbeit auf Trab bringen. Ein Millionengeschäft mit oft zweifelhaftem Nutzen. Ich muss da immer an eines der Märchen für Manager denken, die der Münsteraner Verleger Wolfgang Hölker gern sammelt und verschenkt. Es geht ungefähr so:

Ein Schäfer hütet in einer einsamen Gegend seine Herde. Plötzlich taucht in einer großen Staubwolke ein Jeep auf und hält direkt neben ihm. Der Fahrer des Jeeps, ein junger Mann im Brioni-Anzug, mit Alden-Schuhen, Ray-Ban-Sonnenbrille und einer Hermès-Krawatte, steigt aus und fragt ihn: "Wenn ich errate, wie viele Schafe Sie haben, bekomme ich dann eins?" "In Ordnung", sagt der Schäfer. Der junge Mann verbindet sein Notebook mit dem Handy, geht im Internet auf eine Nasa-Seite, scannt die Gegend ab und öffnet eine Datenbank mit 60 Excel-Tabellen. Schließlich sagt er: "Sie haben hier exakt 1586 Schafe." Der Schäfer antwortet: "Das ist richtig, suchen Sie sich eins aus." Der junge Mann nimmt ein Tier und lädt es in den Jeep. Der Schäfer schaut ihm zu und sagt: "Wenn ich Ihren Beruf errate, geben Sie mir das Tier dann zurück?" Der junge Mann antwortet: "Klar, warum nicht." "Sie sind Unternehmensberater." "Das ist richtig, woher wissen Sie das?" "Sehr einfach", sagt der Schäfer. "Erstes kommen Sie her, obwohl Sie niemand gerufen hat. Zweitens wollen Sie ein Schaf als Bezahlung dafür, dass Sie mir etwas sagen, was ich ohnehin schon weiß. Und drittens haben Sie keine Ahnung von dem, was ich hier mache. Und jetzt geben Sie mir meinen Hund zurück."

Herzlichst Ihr
Thomas Osterkorn

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