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Editorial: Regieren mit redlichem Pragmatismus

Liebe stern-Leser!

Nun hat Angela Merkel die Macht, aber nicht die gestalterischen Möglichkeiten, die ihr ganzer Ehrgeiz waren. Mit seiner Sowohl-als-auch-Entscheidung hat das Wahlvolk seine Repräsentanten in die politische Ausnüchterungszelle gezwungen. Niemand berauscht sich mehr an wolkigen Botschaften à la Agenda 2010, nirgendwo ein großer Wurf. Weder wollte die Mehrheit der Deutschen entfesselte Marktkräfte noch neue Umverteilungsorgien. Macht eure Hausaufgaben, und in vier Jahren reden wir über unsere Zukunft, lautet die Botschaft der Wähler.

Nun wird gespart, und auch die Politiker nehmen sich dabei nicht aus - gleichsam als Eingeständnis gegenüber dem Wähler: Wir haben verstanden! Niemand verkörpert die bevorstehende Phase der Trocken-Brot-Politik glaubwürdiger als Angela Merkel. Sachlich bis kühl, mit redlichem Pragmatismus, wird sie abarbeiten, was der Koalitionsvertrag aufgibt. Sie kann und mag kein Pathos, sie agiert unideologisch. So gesehen ist sie der richtige Kanzler-Typ zur richtigen Zeit. Reicht das, um die Kanzlerin aller Deutschen zu werden, wie sie im Wahlkampf immer wieder beteuert hat? Die Abwesenheit von medialem Charme und der Fähigkeit, große Bögen zu spannen, lässt manche Wähler fremdeln mit ihrer neuen Kanzlerin.

So ist es bemerkenswert, dass ein Matthias Platzeck aus dem Stand heraus beliebter ist als Angela Merkel: Auf die Frage, wen sie lieber als Bundeskanzler hätten, entschieden sich 32 Prozent der Befragten für die CDU-Chefin, 43 für den Brandenburger. Also, hat Angela Merkel ein Problem mit den Deutschen? Oder haben die Deutschen ein Problem mit Angela Merkel? Dieser Frage geht stern-Reporter Tilman Gerwien nach. Ab Seite 28.

In Sri Lanka

sind die ersten Betonfundamente gegossen, in Indonesien die Baupläne genehmigt worden. Elf neue Schulgebäude werden mit dem Geld aus der stern-Aktion "Schulen helfen Schulen" aufgebaut, Mitte nächsten Jahres sollen sie fertig sein. 800 Schulen haben sich an der im Januar gestarteten stern-Initiative beteiligt, bis heute sind knapp 1,4 Millionen Euro gespendet worden. Die Deutsche Welthungerhilfe hat für den stern die Verhandlungen mit den Regierungen und Behörden im Tsunami-Gebiet übernommen, hat die Pläne zeichnen lassen und kümmert sich um die Bauleitung.

stern-Redakteurin Cornelia Fuchs reiste jetzt zum zweiten Mal nach Sri Lanka und Indonesien, um mit Schülern und Lehrern zu sprechen: "Während die Tsunami-Katastrophe in Europa inzwischen in den Hintergrund gerückt ist, bleibt der Schrecken vor Ort weiter greifbar." Noch immer stehen überall Häuserruinen, verbreitet jede Meldung über Erdbeben oder Stürme auf dem Meer große Panik unter den Kindern. Fuchs: "Das wahre Ausmaß der Zerstörung der indonesischen Stadt Aceh habe ich erst begriffen, als ich auf einem grünen, leeren Feld stand. Ich habe die Aussicht über die weite Ebene genossen - bis unser Fahrer erzählte, dass wir mitten im ehemaligen Stadtgebiet stehen, von dem nichts mehr zu sehen ist."

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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