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Editorial: Wir brauchen mehr Lebensretter

Liebe stern-Leser!

Warum ist das Thema Organspende so wichtig, dass ihm der stern eine Titelgeschichte widmet? Zwei Zahlen geben die Antwort: Mehr als 11500 Menschen warten in Deutschland auf neue Organe. Jeden Tag sterben drei Patienten, weil sich nicht genügend Spender finden. Ärzte, die wissen, dass sie ihren Patienten mit einer neuen Leber, einer Niere oder einem Herzen zurück ins Leben entlassen könnten, verzweifeln oft angesichts dieser vermeidbaren Situation. Viele Krankenhäuser kommen nicht einmal ihrer gesetzlichen Pflicht nach, Hirntote als mögliche Spender zu melden - zu viel Aufwand. Dabei steht die Deutsche Stiftung Organtransplantation, die die Vermittlung bei uns organisiert, 24 Stunden am Tag bereit, den Kliniken zu helfen. Ihre Organ-Koordinatoren sorgen dafür, dass vom Gespräch mit den Angehörigen über die Organisation eines OP-Teams für die Entnahme des Organs und dessen Transport zum Empfänger alles geregelt wird. Die stern-Mitarbeiter Dirk Böttcher und Fotograf Lutz Hofmann haben einen dieser Lebensretter, Frank-Peter Nitschke, während eines dramatischen Tags begleitet: Nitschke leitete in Rostock die Organentnahme bei einer hirntoten jungen Frau. In Hamburg warteten bereits zwei Empfänger auf ihre Operation. Lange haben sie auf den Anruf gehofft - auf den Hubschrauber, der ihnen im Wettlauf gegen die Uhr ein neues Leben bringt. Wie er ausgegangen ist, können Sie ab Seite 50 lesen.

Neben der Nachlässigkeit

einiger Kliniken bleibt das größte Hindernis jedoch die mangelnde Bereitschaft vieler Deutschen, beispielsweise nach einem tödlichen Unfall fremdes Leben mit ihren Organen zu retten. Nach deutschem Recht muss ein Spender eindeutig seine Bereitschaft zur Organentnahme erklärt haben. Aber nur zwölf Prozent der Deutschen besitzen einen Spenderausweis. Um den Kreis der Spenderwilligen zu vergrößern, druckt der stern den offiziellen Ausweis auf der Titelseite, es kostet Sie nur eine Minute, ihn auszufüllen. Für jeden von uns kann das Unvorstellbare jederzeit Realität werden - dass wir selbst auf ein Spenderorgan angewiesen sind. Die Lage ist derart dramatisch, dass sogar die Spenderkriterien großzügig ausgedehnt worden sind; so kommen heute auch die Organe eines 75-Jährigen oder eines Drogenabhängigen für eine Transplantation infrage.

Herzlichst Ihr


Andreas Petzold

Abhilfe könnte nur eine radikale Gesetzesänderung bewirken. Die so genannte Widerspruchslösung muss in Deutschland eingeführt werden: Wer nicht eindeutig "Nein" zur Organentnahme sagt, kommt grundsätzlich als Spender infrage. Es sei denn, engste Angehörige widersprechen, oder der Spender hat schon zuvor festgelegt, dass sein Körper nach seinem Tode unangetastet bleibt. Leider wird über diese Lösung nicht ernsthaft diskutiert, weil der Nationale Ethikrat den "Schutz des Spenders" oben- an stellt, also das Selbstbestimmungsrecht des Menschen. In Spanien, Belgien oder Österreich dagegen - alles vorzeigbare Demokratien - funktioniert das Widerspruchsmodell hervorragend. Auf der Iberischen Halbinsel dauert es beispielsweise nur drei Monate, bis ein passendes Organ verfügbar ist (ab Seite 44). Die Operationskunst und das Engagement der Transplantationsmediziner nötigten dem Reporter-Team Respekt ab. Autor Böttcher: "Bis heute habe ich es noch nicht richtig realisiert: dass ein Organ von einem Menschen zum nächsten wechselt. In Plastiktüten verpackt und auf Eiswürfel gelegt durch die Republik reist, um nach wenigen Stunden in einem anderen Körper wieder eingebaut zu werden. Mit simplen Fäden angenäht, und es funktioniert wieder."

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