Kolumne: Gefühl der Woche Ich bin mal so frei – heute notenfrei!

Montage zeigt Helen Bömelburg vor Bewertungssymbolen
Sorry, heute werden keine Bewertungen angenommen oder ausgesprochen
© stern-Montage: Fotos: Jana Mai; Adobe Stock
Wir sollen dauernd Bewertungen abgeben und werden selbst bewertet: Daumen runter, Daumen hoch, KPIs, Herzchen – gesund ist das nicht, findet unsere Autorin. Und ruft zum Streik auf.

Deutschland kriegt Halbjahreszeugnisse, oder vielmehr: Die jüngeren Bewohner dieses schönen Landes – es sind rund 11,2 Millionen Schülerinnen und Schüler – sehen diese und nächste Woche schwarz auf weiß, was sie nach Ansicht des Lehrpersonals gut können und was nicht. Das "gut" und "nicht so gut" pressen wir seit Jahrhunderten in Zahlen von eins bis fünf. Die Jesuiten fingen um 1530 in ihren Klosterschulen damit an, die Nazis erfanden dann 1938 noch die Note "Sechs", sie diente der härteren Abwertung von Schwächeren. Jetzt haben wir 2026, und das alles wirkt irgendwie – ungenügend.

Das Gefühl der Woche: Bewertungsstreik

Mir fällt dazu ein Gespräch mit meinem Grundschüler ein. Wir beugten uns über sein Mathebuch, Multiplikation für Anfänger. Auf einer Zeichnung im Buch trägt ein Mann zwei Stühle in einen Saal. Dann noch zwei. Dann noch zwei weitere und so weiter. Im Hintergrund sieht man eine Bühne.

Ich: "Zwei mal zwei Stühle, das ergibt wie viele Stühle?"
Er: "Ob die gepolstert sind?"
Ich: "Was?!"
Er: "Das wäre doch viel bequemer für die Leute, die sich da hinsetzen."
Ich: "Das ist gar nicht wichtig, Süßer. Zwei mal zwei!"
Er: "Welches Theaterstück das wohl ist, das da gezeigt wird, vielleicht was mit echten Tieren? Oh, ja! Wobei, eine echte Katze hätte wahrscheinlich Angst auf der Bühne, also dann doch besser mit Menschen in coolen Kostümen, weißt du, so wie letztens im Weihnachtsmärchen …"

So, welche Note würden Sie da geben? Überhaupt keine, sagt Schulleiter Felix Ordemann. "Das Selbstwertgefühl von Grundschülern ist mitunter noch sehr fragil. Und da kommt dann so eine Bewertung von außen für Sachen, die man angeblich zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt draufhaben muss? Nein, das kann nicht sinnvoll sein." An Ordemanns Schule läuft das mit den Bewertungen jedenfalls völlig anders.

Ihr Selbstwertgefühl von "sehr gut" bis "mangelhaft"?

Bleiben wir beim Selbstwertgefühl. Viele von uns wurden damit nicht großzügig ausgestattet, gerade in der Kindheit ist es aus verschiedenen Gründen recht zerbrechlich (siehe oben). Wo würden Sie Ihres einordnen auf einer Skala von "sehr gut" bis "mangelhaft"? Denn es ist ja nicht so, dass die Bewertungen mit dem Ende der Schulzeit aufhören, oh nein, wir leben in einer Bewertungsgesellschaft, die pausenlos Urteile über uns abgibt: im Job, als Partner, als Mutter oder Vater, als Freundin, Verkehrsteilnehmerin, Nachbar, als Sportler …  Bei mir schlappt dann noch der Stief-Teenager rein und vergibt Sternchen für liebevoll ausgesuchte Geburtstagsgeschenke (voll uncool), die letzte Familienreise (mittelcool) oder das Sushi-Abendessen (cool).

Wer nicht robust ist gegenüber der Bewertungsflut, kann Schaden nehmen. Psychotherapeuten wie Sonja Unger sprechen von Mikrotraumata: "Zu seelischen Mikroverletzungen kommt es zum Beispiel, wenn wir häufig beschimpft, beleidigt, abgewertet oder gedemütigt werden – und auch, wenn wir nie Anerkennung erleben."

Was also tun? Wohin mit der Wut darüber, dauernd bewertet zu werden? Es würde helfen, wenn alle mal ihre freche Klappe hielten. Leider unwahrscheinlich. Wir selbst aber könnten aufhören, den anderen dauernd zuzuhören und all die Kommentare, Sternchen, Herzchen und "Du Vollidiot"-Emojis stumm stellen. Ich bin mal so frei: heute notenfrei! Am besten, man fängt klein an und verweigert fürs Erste die Bewertung von Callcenter-Mitarbeitern, Taxifahrern und dem Reinigungspersonal an Flughäfen. Nächster Schritt: Wenn die Bewertungsmaschine Linkedin auf dem Handy meldet "Sie wurden diese Woche in 31 Suchen gefunden", dann Nachricht löschen. Sorry, heute werden Bewertungen weder ausgesprochen noch entgegengenommen.

Der Fachbegriff dafür lautet übrigens "judgement detox", die Entgiftung vom Beurteilen und Beurteiltwerden. Wenn man viel übt, stelle ich mir das so vor: Die Wut löst sich in Luft auf, der Blick richtet sich aufs Wesentliche, das Selbstwertgefühl reckt und streckt sich. Sicher hilft es auch, sich öfter auf bewertungsfreie Momente zu verabreden. Zum Beispiel mit einem Neunjährigen, der zwar noch keine Zahlen multiplizieren will, aber mein Lachen.

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© Helen Bömelburg

Der Sticker der Woche ...

… klebt an einem Laternenmast am Mühlenteich in Hamburg-Nord und will sagen: Die Bewertungslust kriegt einen Maulkorb, und dann springt das Selbstwertgefühl herum wie ein Welpe auf der Wiese. Wau!

 

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